Verliebter Killer

In «The American» des holländischen Fotografen und Regisseurs Anton Corbijn spielt George Clooney einen Killer, der genug hat.

Killer mit Ruhebedürfnis: George Clooney in holder Begleitung (Thekla Reuten) in «The American».

Killer mit Ruhebedürfnis: George Clooney in holder Begleitung (Thekla Reuten) in «The American». Bild: PD

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Ein eigentümliches Untergenre des Beziehungthrillers beschäftigt sich mit dem Typus des Profikillers, der, moros und müd vom blutigen Geschäft, entdeckt, dass er auch ein Herz hat und eine Sehnsucht nach Liebe. In der gefrorenen Seele will es tauen. Es knospt eine Lust auf Friede und Frühpension. Den Menschen im Unmenschen drängt es nach zweisamer Einsamkeit, wo Ruhe wäre und wenn nicht Vergebung, so doch eine Art Vergessen.

Aber leicht lässt die eigene Geschichte einen Auftragsmörder natürlich nicht laufen; besonders das US-Kino ist diesbezüglich moralisch heikel, wie der Spielfilm «The American» von Anton Corbijn jetzt wieder sehr musterhaft zeigt. Dem Ruhebedürfnis eines Killers namens Jack (George Clooney), dessen Zartgefühl sich in einem Schmetterlingstattoo verrät, stehen da viele äussere und innere Hemmnisse entgegen: der Auftragsvermittler, der es nicht gern hat, wenn seine Experten ein menschliches Rühren fühlen; ein paar Mörder, die hinter dem Mörder her sind; Jacks Misstrauen gegen alles, was nicht tot ist; dazu die professionellen Reflexe eines perfekten Waffenhandwerkers. Und wie immer ist da dieser letzte zu erledigende Job, weil ein solches Drama von der inneren Turbulenz allein nicht gelebt hätte. So viel als Auslegeordnung einiger dramatischer Elemente.

Ein Gefehr für den Schminkkoffer

Sie wären durchaus tauglich zur Herstellung einer stringenten Spannung, und «The American» beginnt tatsächlich sehr kaltblütig als Geschichte eines Mannes, der tut, was er muss, obwohl er es nicht mehr will. Eben noch ist er in einem Blockhaus im schwedischen Schneewald gesessen, und schon fliegt ihm die Idylle um die Ohren, und er erlegt zwei Schweden, die ihm ans Leben wollen. Von der lakonischen Brutalität dieser ersten, besten Sequenz verraten wir nun nur noch dies: Sie zeigt den unsentimentalen Mut des holländischen Regisseurs Corbijn, einem George Clooney gleich am Anfang eines Films den roten Teppich unserer Sympathie unter den Füssen wegzuziehen.

Das steht auf der Habenseite. Aber der Mut hält nicht an, auch das muss verraten werden. Von Schweden führt «The American» seine Hauptfigur nach Italien, erst nach Rom und später in die Sicherheit des abruzzischen Berglands, wo die Naturschönheit heilsam eine Mörderpsyche infiltriert. Dort ergänzt der Film sein Personal. Nämlich durch einen Priester (Paolo Bonacelli), dann durch eine Prostituierte aus dem Bordell in der nächsten Stadt, die mit Jack gleich privat und orgasmisch wird und eigentlich gar kein Geld mehr will (Violante Placido). Endlich durch die attraktive Profikillerin Mathilde (Thekla Reuten), der Jack ein Gewehr konstruieren soll, das in einen Schminkkoffer passt. Dabei kommt es zu Schiessübungen, die man schön unterkühlt nennen würde, wären sie nicht so schamlos von Fred Zinnemanns «The Day of the Jackal» abgekupfert. Und wenn sie alle so dramatisch zusammengebüschelt sind, wenn Mathilde ein Schmetterling poetisch ums Bein gestrichen ist und dann die mörderischen Schweden wieder auftauchen, hat man längst erkannt, was für ein listenhaftes, im Grund doch kitschiges, grob gestricktes Konstrukt dieser Film ist.

Psychokitsch

Durch alle Maschen scheint nämlich der Kunstwille, keine Action zu erlauben, ohne dafür psychologische Busse zu tun. Das ist jedoch gerade der künstlerische Irrtum. Unter diesem Anspruch ächzt der Film. Man hat viel Zeit, zu bemerken, dass es mit der Psychologie eben nicht so weit her ist bei all den Figuranten der recht banalen Idee, ein Killer, dem nach Rente und Liebesglück ist, habe es weiss Gott auch nicht leicht. Diese Banalität macht sich wichtig. Die Figuren haben keine Geschichte, nur eine Aufgabe.

Corbijn ist Fotograf, sogar eine Fotografen-Ikone der Rockära: Das ist sein Kerngeschäft, und zusammen mit seinem Kameramann Martin Ruhe ist er grossartig darin, die Abruzzen in ein ungefiltertes, vergiftetes Tages- und Nachtlicht zu tauchen. Auf langen Autofahrten verwechselt er aber gern die realistischen Bilder einsamer Landschaften mit den Metaphern der Einsamkeit. Denn als Dramatiker ist er ein Dilettant. Er hat keinen Sinn für Ökonomie, und er zeigt Menschen als Folien. Nie hat man Clooney so steif und uninspiriert gesehen. Selten einen Priester, der derart papieren vor sich hin frömmelt. Und hätte man es in feministischerer Zeit nicht einfach nur peinlich gefunden, wenn ein Mann sich eine Hure ausgedacht hätte, die dahinschmilzt wegen ein bisschen attraktiver männlicher Melancholie?

Natürlich: Der Erfolg in den USA, also die normative Kraft des Box-Office, widerlegt jede Kritik. Trotzdem ist «The American» Kitsch. Am Ende schwebt im Grün der Bäume der weisse Schmetterling, als flöge eine Seele nach Hause. Dem Fotografen Corbijn wäre so etwas wahrscheinlich nicht im Traum eingefallen. Vielleicht korrumpiert Kino. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2010, 21:17 Uhr

Der Film

The American (USA 2010). 104 Minuten. Regie: Anton Corbijn. Mit George Clooney, Violante Placido u.a.

In Zürich ab 16.9.2010 in den Kinos Abaton, Arena, Arthouse Alba, Capitol und Corso.

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