«Konkrete Arschlöcher»

John Turturro zeigt in «Mia madre», wie man sich so richtig ekelhaft aufführt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

John Turturro, hatten Sie einen Kollegen als Vorbild im Kopf?
Viele. Aber die zähle ich sicher nicht auf. Auch Nanni Moretti dachte bestimmt an ein paar konkrete Arschlöcher, als er meine Ekelrolle schrieb. Ich habe ihn aber nie gefragt, an wen genau.

Vielleicht an Sie, er hat die Rolle schliesslich mit Ihnen besetzt...
...haha. Ich versichere Ihnen ehrlich und aufrichtig: Was ich da spiele, hat nichts mit mir zu tun.

Aber es gibt solche Leute in der Branche.
Es gibt überall Spinner. Vermutlich finden Sie auch bei den Wallstreet-Bankern Menschen, die sich absolut danebenbenehmen. Oder auf der Notfallstation im Spital.

Auf dem Kinoset kommt wohl noch mehr Eitelkeit zusammen.
Sie sagen es. Ich war schon in Gegenwart von sehr, sehr berühmten Menschen. Die wollten Aufmerksamkeit, wenn sie nur den Mund aufmachten. Was habe ich schon gelacht, obwohl es gar nicht lustig war! Du begegnest immer wieder Schauspielern, die nur für sich schauen, die Kamera und überhaupt die ganze Aufmerksamkeit auf sich selber gerichtet haben wollen. Dabei ist mein Beruf einer der einsamsten der Welt.

Einsam?
Ja. Wenn du konzentriert spielst, bist du wie nackt. Es ist so, als ob dich alle verlassen hätten. Vor langer Zeit arbeitete ich mit Sophia Loren in einem Fernsehfilm in den 1980er-Jahren. Sie hat mich gebeten, ihre Hand zu halten, als eine Grossaufnahme von ihr gemacht wurde und ich nicht im Bild war. «Es ist mir zu einsam», sagte sie, «einfach zu einsam.»

Aber es gibt doch unzählige Leute auf dem Filmset?
Eben. Das kann einem ganz schön auf die Nerven gehen, eigentlich sollte man sich mit all diesen Menschen anfreunden. Wenn man sich auf diesen Beruf einlässt, muss man oft das Kind in sich finden, auf alle zugehen. Aber das Kind kann auch ein Monster sein.

Macht es eigentlich Spass, ein Arschloch zu spielen?
So habe ich das nicht gesehen. Ich habe einfach den Job gemacht. Ich will da nichts hineininterpretieren, aber es ist offensichtlich, dass dieser Kerl Probleme hat. Es ist eine Übertreibung, wie immer im Kino. Wenn man einen echten Helden spielt, übertreibt man schliesslich auch.

Nochmals: Ein Selbstporträt ist es nicht?
Nicht im Entferntesten.

Wie ist Nanni Moretti auf Sie gekommen?
Wir kennen uns schon lange. Er hat ja ein eigenes Kino in Rom, das zeigte vor Jahren meinen ersten Film als Regisseur. Und zwar mit Untertiteln. Ich sagte mir: Wer Filme mit Untertiteln zeigt, kann kein schlechter Kerl sein. Seither sind wir befreundet. Mir hat das Drehbuch sofort gefallen. Es erinnerte mich an vieles in meinem eigenen Leben.

An was?
An meine Versuche, ein Sohn zu sein. Oder ein Vater, ein Ehemann, ein Schauspieler. All das bin ich auch, all das ist im Film und hat mich angesprochen.

Sie sind Italoamerikaner. Wie gut sprechen Sie noch Italienisch?
Ein bisschen besser als der Kerl im Film. Ich habe vieles vergessen, aber es kam bald zurück. Eine häufige Regieanweisung von Nanni Moretti war: «Sprich nicht zu gut Italienisch, sprich schlechter!» Das war nicht immer einfach, denn wir haben oft improvisiert. Schlecht sprechen und improvisieren ging an die Substanz.

Wollten Sie auch schon mal den Bettel als Schauspieler hinschmeissen wie Ihre Filmfigur?
Oh ja, das kommt ab und zu vor, nicht nur bei mir. Glauben Sie mir, man hat immer Träume.

Wie äussern sich diese?
Vor sieben Jahren hatte ich mal eine Anwandlung, ich sprach mit meinem Arzt, sagte ihm: «Ich will Doktor werden wie Sie. Dazu ist es doch nie zu spät. Ich möchte ab jetzt etwas wirklich Nützliches tun, den Menschen helfen.» Der Doktor aber erwiderte: «John, du bist gut in dem, was du tust. Du machst vielen Menschen eine Freude. Bleib dabei.»

Wollten Sie ernsthaft aufhören?
Ich rannte schon ein wenig gegen eine Mauer. Die Filmwelt hatte sich verändert, die mittelgrossen Filme, die auf mich zugeschnitten waren, wurden nicht mehr produziert. Bei Blockbustern wollte ich nicht um jeden Preis mittun, und ich hatte keine Lust, mich für eine lange TV-Serie zu verpflichten. Meine Arbeit als Regisseur hat mich aus diesem Loch geholt. Das gefällt mir.

In Ihrem letzten Film spielte Woody Allen mit.
Grossartig, nicht wahr? Das Schwierigste war, ihn zu überzeugen, dass er mitmacht. Da habe ich viele, viele Mails geschrieben. Wir haben denselben Friseur in New York, das hat geholfen. Er hat den Kontakt schliesslich hergestellt. Die Dreharbeiten mit Woody waren reizend.

Haben Sie weitere Pläne als Regisseur?
Ich arbeite an einem Remake eines französischen Films, «Les valseuses» von Bertrand Blier. Hinter ihm war ich schon lange her. Und als er mir dann endlich die Rechte gab, sagte er mir, er habe diesen Film ursprünglich als amerikanisches Roadmovie geplant. Genau das werde ich jetzt machen. Der Kreis schliesst sich.

Erstellt: 18.12.2015, 14:37 Uhr

Der Film

John Turturro spielt eine wichtige Rolle als US-Filmstar, aber die eigentliche Hauptperson von «Mia madre» ist die Regisseurin Margherita Buy. Sie ist bei Dreharbeiten sowieso gehörig unter Druck, ihr Stern als Regisseurin ist am Sinken. Ausserdem liegt ihre Mutter im Spital, ihr Freund hat sie gerade verlassen, und ihre Tochter tut schwierig. Der neue Film von Nanni Moretti wechselt die Tonart ständig, mal ist er Komödie, mal Tragödie, mal stille Reflexion. Der Regisseur selber tritt dabei auch in einer Nebenrolle auf – er spielt den Bruder der Regisseurin (jetzt im Lunchkino, ab 17. Dezember im Hauptprogramm).

Artikel zum Thema

Zuerst war der Film, dann wurde er Realität

Hintergrund Mit «Habemus Papam» hat der italienische Regisseur Nanni Moretti die Realität vorweggenommen. Der Film, der beim Vatikan nicht gut ankam, erzählt die Geschichte eines Papstes, der nicht Papst sein will. Mehr...

Der scheue Italiener

John Turturro, im Kino Xenix derzeit mit einer Retrospektive geehrt, spielt am liebsten Verlierer. In seinem neuesten Film übertreibt er das aber. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Machen wir es uns doch einfach schöner!

Geldblog Zurich unterstreicht Wachstumsambitionen

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...