Kriegerin mit Herz

«Wonder Woman» ist mehr als die übliche Zerstörungspornographie. Und eine Absage an die Ironie.

Der popkulturell bewaffnete Spätkapitalismus hat nun auch eine Kino-Superheldin: Gal Gadot als Wonder Woman. Foto: Clay Enos (Warner Bros.)

Der popkulturell bewaffnete Spätkapitalismus hat nun auch eine Kino-Superheldin: Gal Gadot als Wonder Woman. Foto: Clay Enos (Warner Bros.)

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Was wohl die Kulturhistoriker einmal über das Hollywoodkino nach der Jahrtausendwende sagen werden? Werden sie schreiben, dass die westlichen Gesellschaften in eine permanente Sinnkrise gestürzt wurden und die Leute deshalb Halt finden mussten bei solch kraftvollen Vorbildern wie Batman und Thor? Oder werden sie die Frage ganz anders angehen? Die Grosstaten der Kinosuperhelden könnten ja auch Symptom einer alltäglichen Performance von Unbesiegbarkeit sein, die vorwiegend junge Männer aufführen, wenn sie in Gruppen unterwegs sind oder in den Ausgang gehen. In jeden Fall werden die Gender-Fachleute ganz bestimmt darauf hinweisen, dass es 2017 werden musste, bis in einem dieser Sommerfilme eine weibliche Figur im Zentrum stand und nicht einfach nur am Rand mitpolterte wie zum Beispiel bei den Avengers.

Die Absage an die Feindseligkeiten der Ironie ist eine der stärksten Botschaften eines Superheldenfilms.

Dieser Film ist jetzt vorhanden, er heisst «Wonder Woman». Gedreht hat ihn eine Regisseurin, nämlich Patty Jenkins («Monster»). Weil er am ersten Wochenende rund 100 Millionen Dollar eingenommen hat, redet man nun vom erfolgreichsten US-Start eines Films einer Regisseurin – und von einem überfälligen Signal an die Adresse der männerdominierten Hollywoodstudios. Sicher ist, dass sich der Film in den USA bereits zum Phänomen entwickelt hat. Kleine Mädchen forderten von ihrer Eltern, das «Beauty and the Beast»-Thema ihrer ­Geburtstagsparty sei umgehend in ein «Wonder Woman»-Thema umzugestalten; eine Schülerin erschien in der Klasse mit Wonder-Woman-Umhang für den Fall, dass sie die Welt retten muss.

Ihr neues Vorbild heisst Diana und ist – eine Prinzessin. Sie lebt unter Amazonen auf dem männerlosen, aber vegetationsreichen Inselstaat Themyscira, tatsächlich ist es die Amalfiküste mit digitalem Hintergrund. Zeus hat die Amazonen dort abgesetzt, als Back-up für eine allfällige Endzeitschlacht gegen den Kriegsgott Ares, denn ohne den Griff in die mythologische Wühlkiste kommen diese Comicstoffe ja nie aus. Auf der Insel üben sich die Amazonen im Pfeilbogenschiessen und Schwertkampf und im eleganten Abrollen über Pferderücken, und unter den Kriegerinnen gilt Diana bald als eine der furchtlosesten.

Es beginnt schon in dieser Eröffnungssequenz, dass sich Amazonen-Fantasy und reale emanzipatorische Übungen vermischen, denn es sieht hier ganz nach Selbstverteidigungskurs für toughe Mädchen aus. Auch der Satz «The battle will never be fair!» aus dem Mund einer Amazonenältesten lässt sich auf verschiedene Arten verstehen, nicht zuletzt als Kommentar der Vorkämpferinnen zur neuesten Feminismuswelle.

Extragrosser Hallraum

Das Prinzip heisst: übercodieren. Darin sind die Hollywoodstudios immer besonders gewitzt, sie bauen den Bedeutungen einen extragrossen Hallraum. Als ein Bomberpilot über Themyscira abstürzt und nach einigem Nacktbaden im lokalen Spa wieder zu Kräften kommt, berichtet der von einem Krieg, der allen Kriegen ein Ende setzen soll. Diana denkt, es müsse sich dabei um den Angriff von Ares handeln, tatsächlich handelt es sich um den weitaus irdischeren Ersten Weltkrieg. Aber Diana lässt nicht ab, sie will zur «Front», den Kriegsgott besiegen. Also ziehen sie zusammen los, der Soldat und die Prinzessin, via dem neblig verhangenen London, wo sie ein illustres Verstärkungsteam zusammenstellen, nach Belgien in die Schützengräben.

Es werden dann deutlich mehr Auswirkungen von Chemiewaffen aus deutscher Kriegsproduktion besprochen, als man es von einer Comicverfilmung erwarten würde. Anderseits ist es das, was «Wonder Woman» eigentlich am besten gelingt: die Erfahrung des Comiclesens auf die Leinwand zu übersetzen. Es geht hier für einmal weniger um stetig lauter werdende Zerstörungspornografie und mehr um das spielerische Vergnügen amerikanischer Superheldencomichefte, wenn sich das, was man kennt, ob historisch oder heutig, zu einem ikonischen Moment zusammenzieht. Dann steigt Diana alias Wonder Woman aus dem Schützengraben ganz allein aufs Weltkriegsschlachtfeld, und an ihren Metallarmbändern prallen die Gewehrkugeln in alle Richtungen ab.

Wonder Woman gilt als eine der ersten Superheldinnen, ihr Schöpfer William Moulton Marston liess sie erstmals 1941 in einer Serie für den DC-Comicverlag auftreten. Darauf bekam sie ihre eigene Serie von 10-Cent-Heften, zu Beginn der ersten Nummer trägt sie bereits einen bandagierten Soldaten ins Lazarett. «Who are you?», fragt erstaunt der Arzt. «I’m just a woman!», sagt die Prinzessin und geht schon wieder ab in ihren Star-Spangled-Hotpants. «My wonder woman», murmelt der Verletzte noch im Feldbett.

Die Comics überkreuzten damals poppige Mythologie mit der patriotischen Stimmung einer Nation im Kriegszustand. Die Verfilmung konzentriert sich auf eine weibliche Figur, deren übermenschlichste Waffe der Glaube an die Menschen ist. Mit ihrem leuchtröhrenhellen Lasso kann sie zwar aus jedem Gegner die Wahrheit herauspressen, doch wirklich unbesiegbar wird sie dadurch, dass sie unerschütterlich an die Kraft der Liebe glaubt – da kann ihr der Bösewicht, Kriegsgott oder nicht, am Ende noch lange erklären, die Menschen täten Böses, weil sie es freiwillig tun wollen, er selber flüstere ihnen lediglich die Ideen dazu ein.

Allianz der Geschlechter

Die Wonder Woman ist eine Kriegerin mit Herzen, und die Israelin Gal Gadot spielt ganz charismatisch diese reine Seele: Hier ist die Welt konfus, nicht die Psychologie. Chris Pine ist als Pilot angemessen verdutzt über ihre optimistische Naivität: Die Utopie in dieser Allianz der Geschlechter ist eigentlich nichts anderes als Gleichberechtigung, aber im Blockbusterkino von heute ist das schon einiges. Ausserdem begegnen sich da soldatische Desillusion und eine weibliche Aufrichtigkeit, die aus der Zeit gefallen scheint. Wer redet heute noch so, wer lobt noch, wie Wonder Woman es in einer Szene in London tut, aus tiefster Seele einen Eisverkäufer und sagt, dass er stolz auf sich sein könne?

«Wonder Woman» sagt genau dasselbe wie Hillary Clinton – und erreicht viel mehr.  

Die Absage an die Feindseligkeiten der Ironie ist eine der stärksten Botschaften eines Superheldenfilms, der sich sonst wenig von der aschfahlen Digitalästhetik unterscheidet, die in diesem Genre inzwischen üblich ist. Diese Absage ist aber kein spezifisch weibliches Programm – obschon sich die Kinoketten das Genderthema mit Vorführungen, zu denen ausschliesslich Frauen zugelassen sind, selbstverständlich zunutze machen. Schliesslich werden nicht nur die Blockbuster mit politischer Bedeutung aufgeladen, sondern auch ihre Vermarktung wird es – bis Dinge gleichgesetzt werden und man sich mit Kritik an «Wonder Woman» der Gegenkritik aussetzt, man stelle die Errungenschaften der Frauenbewegung infrage.

Wir kennen die Kulturhistoriker nicht, die einmal auf unsere Zeit zurückschauen werden, aber die Prognose wagen wir: An «Wonder Woman» wird sich die Zukunft des Feminismus nicht entscheiden. Es ist sicher erfreulich, dass der popkulturell bewaffnete Spätkapitalismus nun auch noch eine Superheldin thematisiert, aber gleich viel wie Männer verdienen Frauen deshalb ja noch nicht. Was das Kino halt so irrsinnig gut kann, ist, eine kollektive Imagination zu entwerfen, und ohne diese Vorstellungskraft funktioniert keine Politik.

Hillary Clinton wusste um diese Kraft, als sie in ihrer Rede nach verlorener Wahl sagte: «To all the little girls ­watching this, never doubt that you are powerful.» «Wonder Woman» sagt genau dasselbe – und erreicht viel mehr.

Ab morgen in Zürich in vielen Kinos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2017, 06:39 Uhr

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