Kurzfilm der Woche

Kurzfilm: Von drei Ameisen in den Wahnsinn getrieben

Ursula Meier gehört zu den renommiertesten Schweizer Filmemachern, erst kürzlich wurde sie an der Berlinale prämiert. Hier sehen Sie eine Trouvaille aus dem Frühwerk Meiers: Das Kammerspiel «Tous à table».

Dumpf-bedrohliche Stimmung: «Tous à table» von Ursula Meier.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf einem Baumstumpf im Amazonas laufen drei Ameisen hintereinander. Die erste sagt: «Ich sehe keine Ameise vor mir und zwei hinter mir.» Die zweite Ameise sieht eine Artgenossin vor und eine hinter ihr. Die dritte Ameise schliesslich sieht zwei vor ihr und... zwei hinter ihr. Wie kann das bloss sein?

Um dieses eigenartige Rätsel dreht sich Ursula Meiers Kammerspiel «Tous à table». Es wird aufgeworfen während einer Geburtstagsparty, erst als Witz missverstanden und dann immer eifriger, hitziger und gehässiger diskutiert. 12 Teilnehmer hat die Party, fast alle tun sie mit beim Rätselraten. Ihre Mutmassungen geben den Figuren erst Profil und Charakter – der eine probt den analytischen Ansatz, eine andere argumentiert absurd, wiederum ein anderer zotig. Der Alkohol fliesst, Hemmungen werden abgelegt, alte Wunden brechen auf. Der seltsame Rätselgeber andererseits hält sich zurück und betrachtet wortkarg das Kammerspiel, das er animiert hat (ob absichtlich oder nicht, ist unklar).

Erinnerungen an «Nachbeben»

Mit Bedacht wählte Meier ihre stilistischen Mittel: Die Handkamera bringt Bewegung in eine faktisch starre Szenerie (der ganze Film spielt sich in einem einzigen Raum ab), die Schwarz-Weiss-Farbgebung erzeugt eine dumpf-bedrohliche Stimmung.

«Tous à table» erinnert inhaltlich wie formal an «Nachbeben» (2006), Stina Werenfels' Film über die Barbecue-Party eines bankrotten Bankers, vielleicht der raffinierteste Schweizer Streifen des letzten Jahrzehnts. Auch Meiers Film lebt von der Intensität, die sich entwickelt, wenn Menschen, gedrängt auf engem Raum, mit einem alle betreffenden Problem konfrontiert werden und dabei ihre offenen und heimlichen Absichten und Wünsche in Einklang zu bringen versuchen.

Ja aber, sagen Sie, und des Rätsels Lösung? Ja, diese Lösung kommt dann tatsächlich ziemlich überraschend, sehr überraschend sogar...

Was halten Sie von «Tous à table»? Meinungen bitte unten eintragen. (lsch)

Erstellt: 04.05.2012, 15:11 Uhr

Film

«Tous à table» (2000) von Ursula Meier. Laufzeit: 30 Minuten, schwarz-weiss. Der Film wurde in Belgien mit belgischen Schauspielern während zwei Tagen gedreht. Er gewann mehrere Filmpreis, u. a. an Verleihungen in Clermont-Ferrand und Winterthur.

Neu: Kurzfilm der Woche

Der Kurzfilm gilt als die offenste, schnellste und oft auch mutigste Filmkunstform. Obs an der schnelllebigen Zeit liegt, in der wir leben? Auf jeden Fall erfreuen sich die Minifilme gerade an Festivals einer immer grösseren Beliebtheit – auch in der Schweiz, wo es eine lebendige Kurzfilmszene gibt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt in Zusammenarbeit mit der Filmpromotionsagentur Swiss Films jeden Freitag einen exklusiven Schweizer Kurzfilm. Die Produktionen sind jeweils 24 Stunden online.

Die Stiftung Swiss Films ist die Promotionsagentur des Schweizer Filmschaffens. Als Partnerin der Filmschaffenden verstärkt sie die Sichtbarkeit und positive Wahrnehmung der helvetischen Filmkultur im Ausland und in der Schweiz. Kernaufgaben der Stiftung sind Verbreitung, kulturelle Vermittlung und Vernetzung des Schweizer Filmschaffens.

Interaktiv

Kommentare

Blogs

Mamablog Rassismus im Kindergarten

Sweet Home Designwohnung statt Hotel?

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...