Liebe als Überlebenstechnik

Für die gelungene französische Filmkomödie «Les combattants» brauchte es sechs Drehbuchfassungen und drei Jahre Arbeit. Sie sei eine Mischung aus «Casablanca» und «Rambo» geworden, sagt Regisseur Thomas Cailley.

Madeleine (Adèle Haenel) und Arnaud (Kévin Azaïs) finden sich im Wald. Foto: Filmcoopi

Madeleine (Adèle Haenel) und Arnaud (Kévin Azaïs) finden sich im Wald. Foto: Filmcoopi

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Ob wir einen Roman lesen oder einen Film sehen – es gibt immer einen Moment, in dem wir zu dem Werk Vertrauen fassen oder eben nicht. «Les combattants» von Thomas Cailley beginnt mit dem Besuch zweier junger Männer bei einem Bestattungsunternehmer. Der Vater ist gestorben, und nun brauchen die beiden einen Sarg. Rasch merken sie, dass ihnen für einen überrissenen Preis Ramsch angedreht werden soll. «Das ist eine Schande», sagt der eine, «das können wir Vater nicht antun.» Sie verlassen das Geschäft und stellen rasch selbst einen Sarg her. Schliesslich sind sie, wie ihr Vater, Schreiner.

Darauf angesprochen, dass diese Szene das erwähnte Vertrauen zu «Les combattants» schaffe, meint Autor und Regisseur Thomas Cailley bei seinem Besuch in Zürich: «Ein paar Monate bevor ich das Drehbuch begann, war mein Vater gestorben. Diese Szene haben mein Bruder und ich praktisch genau so erlebt. Mir gefällt, dass die beiden Brüder sich nicht reinlegen lassen. So entwickelt man auch als Zuschauer das Gefühl, in diesem Film nicht reingelegt zu werden.»

Klaustrophobe Umgebung

Er habe eine Komödie drehen wollen, erklärt der 34-jährige Franzose weiter, aber nicht über Verlierer, die mit dem Leben nicht klarkommen, sondern über Menschen, die für ihre Probleme eigene Lösungen finden, auch wenn diese anderen lächerlich vorkommen mögen. Arnaud, der jüngere der beiden Schreinersöhne, ist Anfang zwanzig und weiss noch nicht, wo es in seinem Leben langgehen soll. «In diesem ersten Teil», erzählt Cailley, «zeige ich Arnaud deshalb vor allem in Innenräumen oder aber in Landschaften ohne Horizont: Seine Umgebung hat etwas Klaustrophobes.»

Dann trifft Arnaud auf Madeleine, und die ist in allem das Gegenteil von ihm: Er ist Handwerker, sie hat Makroökonomie studiert. Während er am Suchen ist, ist sie überzeugt, dass in den nächsten zehn Jahren die Welt untergehen wird. Deshalb will sie sich alle möglichen Überlebenstechniken aneignen: So springt sie mit einem Rucksack voller Ziegel ins Wasser, um kampfschwimmen zu trainieren, oder püriert einen Fisch samt Eingeweiden, Schwanz und Kopf, um ihn wegzuschlürfen. Arnaud lässt sich von ihr anstecken und meldet sich für dasselbe Trainingslager der Armee, in dem Madeleine weitere Überlebenstechniken zu erlernen hofft.

Kameradschaftsgeist ist allerdings nicht Madeleines Ding, bei einer Nachtübung hauen sie und Arnaud ab, finden sich allein im Wald wieder, und bald einmal geht es wirklich ums Überleben. Die Bilder, die Kameramann David Cailley, der ältere Bruder von Thomas, in diesem Teil des Films geschaffen hat, erinnern an Träume. «Das ist genau, was wir gewollt haben», erklärt der Regisseur. «Denn nun sind Madeleine und Arnaud in einer Welt, die sie gewissermassen selbst erfinden, deshalb haben die Bilder fast etwas Märchenhaftes. Der Wald hat aber auch etwas Prähistorisches, und in dieser Umgebung nun haben wir eine junge Frau, die das Ende der Welt erwartet, und einen jungen Mann, der ihr den Beginn einer Welt anbietet.»

Wichtige Rolle der Landschaft

Sein Film sei eine sonderbare Mischung von «Casablanca» und «Rambo», so Cailley. Er habe eine Liebesgeschichte mit einer Geschichte vom Überleben verknüpft. Insofern ist sein Film auch eine realistischere Variante Wes ­Andersons «Moonrise Kingdom» (2012) mit seinen durchgebrannten Zwölfjährigen. In «Les combattants» spielt die Schönheit französischer Landschaften eine ähnlich wichtige Rolle wie in «La belle vie» (2013) von Jean Denizot. Dessen Erstling handelt davon, dass ein junger Mann sich aus einer Beziehung zu ­lösen vermag, die seine Entwicklung behindert hat. «Les combattants» geht in die umgekehrte Richtung: «Mir gefiel die Idee», erläuterte Cailley, «dass Madeleine, die sich eine Form von Einsamkeit auferlegt hat, im Lauf des Films zur Liebe als einzig möglichem Ausweg gedrängt wird.»

Cailley selbst, geboren 1980 in Clermont-Ferrand, studierte zunächst Politologie, machte dann eine Kulturmanagerausbildung, arbeitete in den Bereichen Kino, Fernsehen und Videospiele, langweilte sich aber überall. Sein Ausweg war die Filmschule Fémis, deren Aufnahmeprüfung er 2007 bestand und wo er sich für die Abteilung Drehbuch einschrieb. Das Szenario zu «Les combattants» war seine Abschlussarbeit, und daraus ist nach drei Jahren Arbeit ein Film entstanden, der zu den schönsten Entdeckungen der letzten Jahre gehört: Mit Madeleine und Arnaud haben Cailley und seine Co-Autorin Claude Le Pape Figuren geschaffen, die im Lauf von 98 Minuten eine echte Entwicklung durchlaufen, die sich auch in der Veränderung ihrer Umgebung widerspiegelt.

Die Hauptdarstellerin Adèle Haenel ist eine Wucht: Madeleine ist zuerst nichts als ein Bündel von Aggressivität – bei der ersten Begegnung mit Arnaud legt sie diesen gleich aufs Kreuz. Aber wenn sie, spät im Film, dann mal lächelt, scheint die Sonne aufzugehen. Verglichen mit ihr geradezu weiblich sanft wirkt Kévin Azaïs als Arnaud, obwohl Thomas Cailley dieses Potenzial bei der ersten Begegnung noch nicht gesehen hatte: «Er gab den Tough Guy, wie viele Jungs seines Alters. Erst nach drei, vier Monaten merkte ich, dass darunter etwas Weicheres lag.»

400'000 Eintritte in Frankreich

Zwei Jahre Arbeit hätten Claude Le Pape und er aufs Drehbuch verwendet, erzählt Cailley: «Mit jeder der sechs Fassungen sind wir den Figuren etwas näher gekommen.» Gedreht wurde dann in chronologischer Reihenfolge, zusammen proben liess der Regisseur seine Hauptdarsteller nicht: «Ich wollte die Magie ihrer Begegnung nicht kaputtmachen.» Der Film ist nicht nur mit Preisen überschüttet worden, sondern kommt auch beim Publikum an: 400'000 Eintritte hat er in Frankreich gehabt; 200 000 brauchte er, um die Rentabilitätsschwelle zu erreichen bei Kosten von 2 Millionen Euro.

Während in den USA mit der Zweit- und Drittverwertung von Filmen erst richtig Geld verdient wird, läuft es in Frankreich anders: «Die DVD-Verkäufe von ‹Les combattants› dürften sich um 4000 Stück bewegen, das Verhältnis zu den Kinoeintritten ist also 1 zu 100», rechnet Cailley vor. «Früher war es noch 1 zu 10. Dieser Markt ist völlig zusammengebrochen. Auch mit Video-on-Demand ist es nicht weit her: Wenn wir da auf 40'000 bis 50'000 kämen, wäre das super. Nein, die Zukunft des Films liegt in den Kinos.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2015, 19:35 Uhr

Das Szenario zu «Les combattants» war seine Abschlussarbeit an der Filmschule Fémis: Thomas Cailley, Regisseur.

Video

Trailer zu «Les combattants». Der Film läuft in Zürich im Kino Riffraff. (Video: Youtube/Cine maldito)

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