«Lindsay Lohan ist die talentierteste Schauspielerin ihrer Generation»

Sie war die Gangsterbraut in «Bonnie & Clyde», gestern Abend wurde sie am Filmfestival in Locarno geehrt: Ein nicht ganz einfaches Rendezvous mit Faye Dunaway.

Wurde gestern mit dem Leopard Club Award gewürdigt: Die Ikone Faye Dunaway in Locarno.

Wurde gestern mit dem Leopard Club Award gewürdigt: Die Ikone Faye Dunaway in Locarno. Bild: Keystone

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Draussen ists schwül, aber drinnen herrscht Frost. Das liegt nicht etwa an der Klimaanlage hier im Nobelhotel hoch über dem Lago Maggiore, sondern an ihr: Faye Dunaway, Ikone aus einer Ära, als die jungen Wilden in Hollywood das Kommando übernahmen. Als Gangsterbraut in «Bonnie & Clyde» (1967) wurde sie einst zu einem Postergirl der Gegenkultur, als zynische Programmchefin in der prophetischen Mediensatire «Network» (1976) gewann sie später den Oscar.

Wenn sie jetzt aufbraust, zucken alle zusammen. Mitten im Interview mit ein paar handverlesenen Journalisten herrscht sie einen Kollegen vom Radio an, der arglos ein paar Schritte abseits auf einem Stuhl sitzt und wartet, bis die Reihe an ihm ist: «Sie da! Bitte gehen Sie raus. Sie sitzen genau in meinem Blickfeld.» Die Lady bellt.

Ins Schilf geredet

Später wird sie auftauen und uns immer wieder ein blendend weisses Lächeln schenken. Nur einmal wird es nochmals kurz ungemütlich, als ein deutscher Kollege diskret ein Tabu zu streifen versucht. Das Tabu heisst «Mommie Dearest» (1981). Die Dunaway spielte darin Joan Crawford als kontrollsüchtige Diva. Danach war ihre Karriere zwar längst nicht beendet, es folgten noch denkwürdige Nebenrollen neben Mickey Rourke in «Barfly» (1987) und neben Johnny Depp in «Arizona Dream» (1992). Aber abgesehen davon verdämmerte sie, man muss es leider so sagen, langsam im Mittelmass. Fragen zu «Mommie Dearest» hat sie sich ausdrücklich verbeten. Und sie durchschaut es sofort, als der Kollege sie sachte in die verbotene Zone locken will. Sie bremst ihn brüsk aus: «Darauf werden wir nicht eingehen. Nächste Frage!»

Auf der Piazza Grande wurde Faye Dunaway gestern Freitag mit dem Leopard Club Award gewürdigt. Noch eine neue Trophäe mehr in der sowieso schon beliebigen Reihe von Ehrengaben in Locarno. Und während der 91-jährige Sir Christopher Lee am Eröffnungsabend einen bewegenden Auftritt auf der Piazza hatte, sah man gestern eine Frau, die sich ins Schilf redete, ohne dass sie wirklich was gesagt hätte. Peinlich wars nicht direkt, aber Faye Dunaway wirkte seltsam fahrig da oben auf der Bühne.

Im Interview am Nachmittag davor ist sie konzentrierter, charmanter auch. Sie schwärmt etwa von Nicolas Winding Refn und seinem «Drive», auch wenn sie sich den Namen des Regisseurs nicht merken kann. Und sie legt die Hand ins Feuer für die vielgeschmähte Lindsay Lohan, die doch ihr Talent an Drogen und andere Eskapaden verschleudert und damit eigenhändig ihre Karriere ruiniert. Faye Dunaway bleibt dabei: «Lindsay Lohan ist die talentierteste Schauspielerin ihrer Generation!»

Keine echten Geschichten mehr

Ansonsten klingt es nicht grad freundlich, wenn sie über das Kino von heute redet. «Es geht ja nur noch um Spezialeffekte. Es gibt keine echten Geschichten mehr, kein echtes Drama.» Dabei hat sie doch selbst einmal in einem Superheldenfilm mitgespielt, damals in «Supergirl» (1984). Jetzt lacht sie herzlich: «Stimmt. Aber immer, wenn ich dort etwas Komisches versuchte, hat mich der Regisseur sofort unterbrochen. Weil ich einfach nicht lustig war.» Sie schwärmt von Roman Polanski, mit dem sie «Chinatown» drehte: «Er ist zwar ein Diktator auf dem Set. Aber das spielt keine Rolle, weil er genau weiss, was er will.» Ihre wichtigste Lektion jedoch hat sie von Elia Kazan gelernt: «Ich war unsicher, als ich Gefühle zeigen sollte vor der Kamera. Da sagte er mir: Deine Gefühle machen dich nicht schwach, sie machen dich stark.»

Dieser Rat könnte auch als Motto über ihrem langgehegten Herzensprojekt stehen. Seit Jahren schon träumte Faye Dunaway davon, ein Theaterstück über die Operndiva Maria Callas zu verfilmen, mit sich selbst in der Hauptrolle. Der Film ist angeblich bereits abgedreht, aber verraten will sie nichts. Es wäre ihr Erstling als Regisseurin. Eine Debütantin von 72 Jahren.

Erstellt: 10.08.2013, 06:50 Uhr

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Faye Dunaway und ihre Filme

Faye Dunaway und ihre Filme Die Schauspielerin Faye Dunaway wurde in Locarno geehrt.

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