Lust am Ekel

Sie stöhnt, sie haucht, sie schreit: Das Beste an der Verfilmung des Skandalromans «Feuchtgebiete» ist die Schweizerin mittendrin: Carla Juri.

Carla Juri in der Charlotte-Roche-Verfilmung «Feuchtgebiete» in der Regie von David Wnendt.

Carla Juri in der Charlotte-Roche-Verfilmung «Feuchtgebiete» in der Regie von David Wnendt.

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Wer hat Angst vor den «Feuchtgebieten»? Zumindest die vielen Pizzerien hier in Locarno hätten ja einigen Grund dazu, wegen drohender Umsatzeinbussen. Nach der Weltpremiere am Sonntagabend wird so schnell niemand mehr eine Pizza bestellen wollen, jedenfalls keine mit Spinat. Es gibt da nämlich eine besonders malerische Episode in dem Film, die das anständige Gewerbe der Pizzabäcker ziemlich in Verruf bringt. Da wird quasi die Schlüsselszene aus «American Pie» auf den italienischen Käsefladen übertragen: Beim Pizzakurier packen vier Mitarbeiter ihr Glied aus der Hose, dazu läuft der Donauwalzer, und am Ende der Session landet eine vierfache Portion Sperma in sehr dekorativen Schlieren und in Zeitlupe auf der auslieferfertigen Pizza. Guten Appetit.

So kulinarisch gehts aber selten zu in der Verfilmung des Bestsellers der TV-Moderatorin Charlotte Roche. Das Buch, das ja überall nur noch als «Skandalroman» figuriert, kreist zwar obsessiv um weibliche Selbstverstümmelung und Körperausflüsse aller Art, aber hinter solchen Eskapaden und dem aufgekratzten Ton schwelt schon im Roman, und noch deutlicher jetzt im Film, das Drama einer schwer dysfunktionalen Familie. Der Riss am After, den sich Helen (Carla Juri) bei einer missglückten Intimrasur beifügt, ist nur ein erster Schritt zur Katharsis, denn im Spital fasst sie einen Plan: Helen wünscht sich, am Krankenbett ihre entfremdeten Eltern wieder zusammen zu bringen. Möge über der Wunde an ihrem Hintern der Riss in der Familie heilen.

Gut gemachtes Kaugummikino

Regisseur David Wnendt gestaltet das, ganz im Geist des Buches, erst mal als flotte Revue - laut und knallig, ein Stilmix in fiebrigem Tempo. Eben das, was sich Teenager und ihre Eltern unter einem poppigen Film vorstellen. Dabei werden fast alle einschlägigen Schlüsselreize aus dem Buch abgehakt: Helen rutscht genüsslich auf schlimm verschmierter Klobrille herum; Helen prüft Obst und Gemüse darauf, wie gut es zur Masturbation taugt; Helen besiegelt die Blutschwesternschaft mit ihrer besten Freundin, indem sie ihre (gebrauchten) Tampons tauschen.

Das darf schockierend finden, wer will, aber in erster Linie spielt dieser Film mit der Lust am Ekel - und der Lust an der Lust. Dabei überrascht Regisseur Wnendt immer wieder mit tollen visuellen Einfällen: ein Zoom auf besagte Klobrille entführt uns auf eine mikroskopische Reise in die Welt von Bakterien und anderem Schmutz. Es ist ein kurzer Trip durch ein computeranimiertes Märchenland, und es fühlt sich an wie «Avatar» auf irgendwelchen kaputten Drogen.

Ansonsten ist «Feuchtgebiete» gut gemachtes Kaugummikino: macht hübsche Blasen, ploppt schön, aber das Aroma hält nicht allzu lang. Und das Beste an dieser deutschen Produktion ist die Schweizerin mittendrin: Carla Juri, in ihrer unschuldigen Obszönität und obszönen Unschuld. Es ist eine Rolle, die ihr vor allem körperlich alles abverlangt, und die Tessinerin absolviert diesen Parcours mit einem ähnlich treuherzigen Charme, den sie zuletzt als Berner Meitschi im «Dällebach Kari» ausstrahlte. Sie stöhnt, sie haucht, sie schreit, sie staunt wie ein Kind, als sie aus dem Avocadokern, der in ihrer Scheide steckt, ein zartes Bäumchen spriessen sieht. Und bei einem Besuch im Bordell taucht sie ungeniert dorthin, wo schon viele Männer vor ihr gekommen sind.

Um es mit einem Wort von Helen zu sagen: «Feuchtgebiete» ist ein recht zeigefreudiger Film, der seiner Vorlage gerade so weit folgt, wie es das Mainstreamkino noch duldet (und manchmal ein bisschen darüber hinaus). Den Ruf des Skandalfilms mit Ansage übrigens kontert Regisseur David Wendt gleich zu Beginn mit präventiver Ironie: Da blendet er den Kommentar eines vorsorglich empörten Lesers ein, gepflückt von der Onlineausgabe der «Bild»-Zeitung. «Wir brauchen Gott», predigt dieser Leser, keine Verfilmungen von schlimmen Büchern wie «Feuchtgebiete». Was folgt, ist ein Bild, das uns mit der ersten Einstellung buchstäblich verarscht: ein Po in Grossaufnahme, doch als die Kamera wegzoomt, ist es nur der Spalt zwischen Schenkel und Wade. Mit der Empörung ist es halt wie mit der Schönheit: Sie liegt im Auge des Betrachters.

Feuchtgebiete (D 2013). 109 Minuten. Regie: David Wnendt. Mit Carla Juri, Meret Becker, Axel Milberg u.a.

Weltpremiere in Locarno: Sonntag, 18.30 Uhr im Fevi. Ab 29. August in den Schweizer Kinos.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2013, 21:12 Uhr

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