Filmkritik

Mädchen mit Mission

Zehn Oscar-Nominierungen für einen Western: «True Grit» ist der neue Film von Joel und Ethan Coen. Aber das merkt man ihm kaum an.

Auf Rachefeldzug: Die ernsthafte Mattie (Hailee Steinfeld) und ihr Erfüllungsgehilfe, der versoffene, einäugige Marshall (Jeff Bridges).

Auf Rachefeldzug: Die ernsthafte Mattie (Hailee Steinfeld) und ihr Erfüllungsgehilfe, der versoffene, einäugige Marshall (Jeff Bridges). Bild: Paramount Pictures

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Im Universum der Gebrüder Joel und Ethan Coen möchte man lieber nicht verloren gehen. Das ist eine Welt, die sich ein unbarmherziger Gott als Spielwiese für die Unzulänglichkeit seiner Schöpfung ausgedacht haben könnte. Dieser Gott könnte auch einfach Zufall heissen, denn der Himmel ist vakant in den Filmen der Coens, und der Mensch in seiner chronischen Überforderung haftet allein für seine Verfehlungen.

Diese Weltordnung haben die beiden jüdischen Agnostiker jüngst besonders schön auf den Punkt gebracht, in einer Traumszene in ihrem letzten Film «A Serious Man». Da steht dieser unglückselige Physiker vor einer riesigen, bis in den hintersten Winkel vollgekritzelten Wandtafel und erklärt seinen Studenten die Unschärferelation nach Heisenberg. Fazit seiner Lehrstunde: «Wir wissen nie genau, was wirklich vor sich geht. Es braucht uns also nicht zu kümmern.» Ungeschoren kommen die Studenten dennoch nicht davon – in den Zwischenprüfungen werden sie darüber Rechenschaft ablegen müssen.

Lauter überforderte Helden

Der Mensch weiss zwar nie genau, was um ihn herum wirklich vor sich geht, aber er haftet trotzdem dafür: In dieser Formel ist die ganze Poetik der Gebrüder Coen aufgehoben. Die Blaupause dafür lieferte der Barmann in ihrem Erstling «Blood Simple» (1984), der sich die Hände an einer Leiche blutig macht, die er erstens nicht selber erschossen hat und die zweitens noch gar nicht ganz Leiche ist, weil sie nämlich noch röchelt. So sind die Filme der Coens bevölkert von überforderten Helden, die ohne böse Absichten eine mehr oder weniger kriminelle Energie entwickeln, deren Konsequenzen ihnen bald hoffnungslos über den Kopf wachsen. Und wenn sie passiv bleiben und die Widrigkeiten aussitzen wollen, wie der arme Tropf in «A Serious Man», entgleiten ihnen die Dinge erst recht.

Doch jetzt kommt Mattie Ross. Dieses Mädchen von 14 Jahren, die Heldin in «True Grit», hat im Universum der Coens eigentlich nichts verloren. Das Jahr ist 1870, wir sind am westlichen Zipfel von Arkansas. Das Mädchen Mattie will sich am Mörder ihres Vaters rächen, einem feigen Säufer und Pferdeknecht, der westwärts in die Wildnis geflohen ist, wo das Land noch den Indianern gehört. Sie will den Mörder jagen, sie will ihn am Strang sehen, sie will, dass er in der Hölle schmort. Und sie lässt sich durch nichts und niemanden abbringen von ihrem Plan.

Ungleiches Paar

Als Kopfjäger engagiert Mattie (Hailee Steinfeld) einen versoffenen alten Marschall (Jeff Bridges) mit Augenklappe, der seine Verbrecher lieber erst dann dem Gesetz übergibt, wenn er sie schon abgeknallt hat. Zu den beiden gesellt sich zeitweise ein eitler texanischer Ranger (Matt Damon), der dem Flüchtigen wegen eines anderen Vergehens auf den Fersen ist. Die beiden Männer würden ihre halbwüchsige Begleiterin dann liebend gerne loswerden, aber eine Klette lässt sich leichter abschütteln als dieses Kind mit einer Buchhalterseele. Und als gute Puritanerin weiss Mattie: Nichts ist umsonst auf dieser Welt, ausser der Gnade Gottes.

Das unbarmherzige Mädchen, das mit einem einäugigen Säufer im Schlepptau auf blutige Rache sinnt: Mit diesem ungleichen Paar stülpen die Coens nicht bloss die klassische Helden-Ikonografie des Westerns um. Ihre Mattie verkörpert auch das resolute Gegenstück zu den männlichen Protagonisten, um die praktisch alle ihre Filme kreisen: Mattie wächst an einer Mission, die eigentlich zu gross ist für sie. In ihrer Hartnäckigkeit ist sie allenfalls eine entfernte Verwandte von Marge Gunderson, der schwerfälligen, aber bauernschlauen Polizistin aus «Fargo». Aber sonst ist dieses Mädchen, das einfach stur genug ist, um seine Vorstellung von Gerechtigkeit durchzusetzen, ohne Beispiel im filmischen Kosmos der Coens.

Kapitän Ahabs kleine Schwester

Gefunden haben die Brüder diese Figur in dem Roman «True Grit» (1968) von Charles Portis, einem Western, der wie ein Scharnier zwischen Mythos und Moderne funktioniert. Im Buch ist es die erwachsene Mattie Ross, die als selbstgerechte alte Jungfer von ihrem Rachefeldzug berichtet und uns bei jeder Gelegenheit an die passende Bibelstelle erinnert. Für den forsch-naiven Ton, der sich durch das Buch zieht, ist diese sehr amerikanische Heldin oft mit Huckleberry Finn verglichen worden. Die Autorin Donna Tartt zieht in ihrem Nachwort zum Roman eine andere literarische Verwandtschaftslinie: Mit ihrem alttestamentarischen Furor, so Tartt, gebärde sich Mattie wie die pedantische kleine Schwester des Kapitän Ahab aus Melvilles «Moby Dick».

Schon einmal, kurz nach Erscheinen, ist der Roman verfilmt worden, mit John Wayne als Held mit Augenklappe. Der Film trug ihm einen Oscar ein, dabei war jener erste «True Grit» bereits ein Abgesang auf ein untergehendes Genre. Der Typus des ungebrochenen Helden, wie ihn John Wayne verkörperte, wurde damals, im Jahr von «Easy Rider» und «Butch Cassidy and the Sundance Kid», gerade abgelöst von den Outlaws der Gegenkultur.

Ironische Schlenker

Die Coens haben den alten «True Grit» damals als Kinder im Kino gesehen und seither nie wieder, wie sie im Gespräch beteuern. Sie hüten sich auch, von einem Remake zu sprechen. Sie hätten sich nur an den Roman gehalten, sagen sie. Und sie sprechen von ihrer Mattie wie von einer Alice, die an der Grenze der Zivilisation in einer fremden Welt hinter den Spiegeln verschwindet. «True Grit», das ist für die Coens gewissermassen «Alice hinter den Spiegeln» im Wilden Westen. Es ist auch ihr erster richtiger Blockbuster geworden: Über 164 Millionen Dollar hat der Western in den amerikanischen Kinos bereits eingespielt, mehr als doppelt so viel wie «No Country for Old Men».

Ihren kaltblütigen Witz haben die Brüder dafür auf eine fast homöopathische Dosis reduziert, nur am Rande bauen sie den einen oder anderen ironischen Schlenker ein. Zum Beispiel dort, wo der einäugige Marshall seinen lautstarken ersten Auftritt hat: Da hockt er gerade auf dem Lokus und ist gar nicht zu sehen hinter dem Holzverschlag. Oder in der wunderbar skurrilen Szene, als ein zotteliger Bär gemächlich auf einem Pferd dahergeritten kommt – und erst als das Tier den Kopf hebt, sehen wir, dass das bloss ein Quacksalber auf Wanderschaft ist, der sich ein Bärenfell über die Schultern gezogen hat.

Kindische Revolverhelden

Abgesehen davon bleibt «True Grit» ein geradezu klassischer, in den Landschaftsbildern von Roger Deakins unbedingt auch prächtiger Western. Da geht es nicht um die Demontage eines Genres, an dem es schon längst nichts mehr zu demontieren gibt. Da geht es nur um Werktreue und um die Lust an der altertümlichen Sprache. Und selbst wenn nun alle Blicke auf Jeff Bridges gerichtet sind, der mit seiner Augenklappe wie ein schiesswütiger Urvater des Dude aus «The Big Lebowski» durch die Prärie wankt: Dieser Film gehört der jungen Hailee Steinfeld, ihrem Ernst, ihrem Trotz und ihrer Unbeugsamkeit.

Ihre Mattie ist zwar eine altkluge, puritanische Nervensäge. Aber die Kleine benimmt sich doch erwachsener als die beiden grossen Revolverhelden, mit denen sie durch die Wildnis trottet.

Erstellt: 23.02.2011, 08:02 Uhr

Der Film

True Grit (USA 2010). 110 Minuten. Regie und Drehbuch: Joel und Ethan Coen, nach dem Roman von Charles Portis. Mit Jeff Bridges, Matt Damon, Hailee Steinfeld u. a.

Ab 24.2. in Zürich in den Kinos Arena, Arthouse Le Paris, Capitol, Riffraff.

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