«Man kann selbst mit IS-Terroristen reden»

Mehran Tamadon lädt in seinem Film «Iraner» vier Mullahs zu sich ein, um mit ihnen über das Regime zu streiten. In diesem Experiment sieht er einen Weg, wie man fundamentalistischen Haltungen begegnen kann.

«Ich bin einzelnen Menschen begegnet, nicht dem System», sagt Mehran Tamadon, Regisseur von «Iraner». Das Foto zeigt eine Szene aus seinem Dokumentarfilm. Foto: www.boxproductions.ch

«Ich bin einzelnen Menschen begegnet, nicht dem System», sagt Mehran Tamadon, Regisseur von «Iraner». Das Foto zeigt eine Szene aus seinem Dokumentarfilm. Foto: www.boxproductions.ch

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Nach drei Jahren ist es Ihnen gelungen, Anhänger des iranischen Regimes zu einem Gespräch einzuladen. Der Film wird aber nie im Iran gezeigt werden. Frustriert?
Nein, das Thema des Films geht ja weit über den Iran hinaus. Im Kern ist es ein Film über die Andersartigkeit. Der Film handelt davon, wie weit man sich in ­andere hineinversetzen kann. Der Zuschauer tritt im Film über meine Person in Verbindung mit Leuten, mit denen er eigentlich nichts zu tun haben möchte. Er sieht sich plötzlich vis-à-vis von einem Mullah und sieht, wie dieser seinen Bart streichelt, wie er sich bewegt, wie er isst, trinkt, spricht, und bekommt – hoffentlich – Lust, mit ihm zu dialogi­sieren. Die Zuschauer sind in diesem ­Experiment in Kontakt mit jemandem, der gegen sie ist, der ihnen schaden kann. Diese Übungsanleitung weist weit über den Iran hinaus. Es geht darum, wie wir mit Haltungen umgehen, die den un­seren diametral widersprechen.

Im Film leben Sie als Atheist zwei Tage mit vier Mullahs zusammen. Am Schluss wird Ihnen mitgeteilt, man werde Ihnen den Pass ­abnehmen, wenn Sie in den Iran zurückkehrten. Ist Ihr Experiment gescheitert?
Im kleinen Rahmen ist das Zusammenleben geglückt. Nur schon, weil die ­Mullahs überhaupt kamen. Sie haben gehört, dass ich für den Laizismus bin – und sind nicht gegangen. Sie haben gehört, dass ich den Islam für eine Ideologie halte – und sind nicht gegangen. Sie wussten, dass ich mit einer Frau unverheiratet zusammengelebt habe – trotzdem blieben sie. Das gibt mir Hoffnung. Mein Ziel war es, ihnen zu sagen: Ich existiere, ich bin auch Iraner, akzeptiert das. Für kurze Zeit bin ich einzelnen Menschen begegnet, nicht dem System. Aber mit der Drohung am Schluss hat sich das System wieder eingeigelt.

Die Mullahs werfen Ihnen vor, selber einer Ideologie anzuhängen: dem laizistischen Denksystem. Was haben Sie aus dem Dialog gelernt?
In Frankreich hat der Laizismus sicher etwas Doktrinäres. Er führt dazu, dass Religion tabuisiert wird, bis auch die laizistische Gesellschaft ideologisch wird. Laut den Mullahs ziehen auch wir eine Grenze, so, wie sie eine Grenze ziehen. Warum gilt die eine Grenze und die andere nicht? Eine berechtigte Frage. Ich wurde da auch in die Enge getrieben.

Die wichtigste Grenzziehung im Islam ist wohl jene gegenüber der Frau. Im Film wird ständig darüber diskutiert. Wo liegt das Problem?
Es geht um das Begehren. Das Postulat der Mullahs ist: Der Mensch ist schwach, er muss beschützt werden. Unser Postulat ist: Der Mensch kann stark sein, er kann sich selbst beherrschen. Er hat es nicht nötig, den Frauen zu sagen, sie sollen einen Schleier tragen. Er hat seine Schranken im Innern, braucht keine ­äusseren, wie sie die Mullahs verordnen. Laut ihnen kann man etwa die Kriegslust zügeln, nicht aber den Sexualtrieb, das sei wissenschaftlich bewiesen (lacht).

Im Moment sind die ­Atomverhandlungen mit dem Iran in der heissen Schlussphase. Kann man aus Ihrem Film etwas in Bezug auf diese ­Gespräche lernen?
Vielleicht kann man aus meiner Versuchsanordnung ableiten, dass ein Dialog mit dem islamischen Staat tatsächlich möglich ist. Dass es gelingen kann, selbst über Abrüstung und die Einstellung des Atomprogramms mit dem Regime zu reden, wenn man bereit ist, aus der eigenen Reserve zu kommen. Nachdem ich den Mullahs versichert hatte, dass auch ich bereit war, meine Standpunkte infrage zu stellen, liessen sie sich auf das Spiel ein, Regeln für die Gestaltung eines gemeinsamen öffentlichen Raums zu formulieren, eines Raums für Atheisten wie für gläubige Muslime.

Aber nur, weil es ein Spiel war. In der Realität hätten sie diesen ­gemeinsamen Raum nie zugelassen.
Richtig. Aber immerhin haben sie akzeptiert, dass dieses Experiment öffentlich wird. Sie wussten ja, dass die Kamera lief. Die Lehre lautet also: Sobald ich aus der Deckung komme, geben auch sie ihre Deckung auf. Das ist im Atomstreit wohl nicht viel anders.

Sehen Sie realistische Chancen für die Lösung des Atomstreits?
Ja, wenn man auf beiden Seiten bereit ist, sich ins Gegenüber hineinzuversetzen. Denn letztlich wird es nicht gelingen, den Gesprächspartner von seinen Überzeugungen abzubringen oder ihn zu einer anderen Meinung zu zwingen. Was eher Erfolg verspricht, ist, die ­eigene Haltung zu überdenken und zu öffnen. Dann ist es möglich, dass auch die andere Seite ihre Position anpasst. So geschieht es jedenfalls auf der individuellen Ebene. Ob das auch auf zwischenstaatliche Beziehungen übertragen werden kann, weiss ich nicht.

Derzeit sieht sich das schiitische Mullah-Regime mit dem ­sunnitischen Fanatismus des Islamischen Staats (IS) konfrontiert. ­Überdenkt das Regime nun die eigene ­fundamentalistische Haltung?
Das ist möglich. Es ist ja sogar die Rede von einer engeren Zusammenarbeit zwischen dem Iran und den USA, um den IS zu bekämpfen. Die Frage ist, ob das ­Regime in Folge auch seine Repression nach innen lockert. Aber hier sehe ich keinerlei Aufweichung. International mag eine gewisse Öffnung zu beobachten sein, innenpolitisch aber können die Menschen nach wie vor nicht atmen.

Hat sich das unter dem neuen ­Präsidenten Hassan Rohani ­gebessert?
Rohani tritt gegenüber dem Westen ­offener auf. In der Innenpolitik hat sich aber nichts geändert. All die Verbote, die Einschüchterungen und die Verhöre gehen weiter.

Könnte man auch mit IS-Terroristen in einen Dialog treten?
Sobald eine menschliche Beziehung aufgebaut werden kann, ist es möglich, selbst mit IS-Terroristen ins Gespräch zu kommen. Davon bin ich überzeugt. Das lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen bewerkstelligen. Im Iran arbeite ich seit zwölf Jahren am Aufbau von solchen zwischenmenschlichen Beziehungen. Erst diese lange Vorarbeit hat mir am Ende ermöglicht, in einen Dialog mit den Verteidigern des Systems zu treten und mit ihnen auch sehr schwierige Fragen anzusprechen.

Wie würden wohl iranische ­Zuschauer auf Ihren Film reagieren?
Paradoxerweise dürfte er sie gar nicht besonders interessieren.

Weshalb nicht?
Weil sie diese Beziehung, die ich mit den Mullahs suche, nicht besonders schätzen. Vor allem Menschen aus meinem Umfeld haben keine Lust, sich mit den Regimevertretern auseinanderzusetzen. Natürlich auch, weil sie vom System zum Teil verletzt wurden. Die wenigsten Iraner wollen auf die Mullahs zugehen.

Weil die Mehrheit das Regime ­bestenfalls erduldet, eine ­Auseinandersetzung aber scheut?
Weil der Film sie dazu auffordert, sich mit den Mullahs auseinanderzusetzen, mit ihnen in einen Dialog zu treten. Das wollen viele nicht.

Wären die Mullahs denn an einem solchen Dialog interessiert?
Nein, wieso auch? Sie haben mir erklärt: «Wer bist du denn? Du vertrittst 2 Prozent der Iraner, 98 Prozent haben nach der iranischen Revolution 1979 für die Einrichtung einer islamischen Republik gestimmt. Wir können mit dir reden, aber das interessiert niemanden.»

Auch im Film tragen die Mullahs offen ihre Überheblichkeit zur Schau.
Ja, sie wissen, dass sie über Macht verfügen und zeigen das auch im Film.

Inwieweit ist es ein iranischer Film?
Ich drehe keine iranischen Filme, ich stelle mir andere Fragen, als sie sich die Iraner stellen. Ich habe mich mit west­lichen Denkern wie Michel Foucault oder Gilles Deleuze auseinandergesetzt. Philosophen, die sich mit der Frage befasst haben, wie man sich gegenüber von Extremen verhält.

Wie stark ist das Regime in der Gesellschaft verankert?
Das System ist omnipräsent, sehr breit abgestützt und weit verästelt. Es ist keine Diktatur, die sich auf eine Person wie Ben Ali in Tunesien oder Mubarak in Ägypten stützt. Es hat seine Vertreter in den Moscheen, in der Wirtschaft, in vielen Gesellschaftsbereichen. Die Menschen sind vom System umgeben, werden auch miteinbezogen – wenn auch viele vor ­allem aus Angst mitmachen. Aber wie alle Regimes mit totalitären Tendenzen hat es auch etwas sehr Fragiles. Es ist vergleichbar mit der UdSSR: Man hat die Anfälligkeit des Systems erst bemerkt, als es plötzlich wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach.

Was tun Sie jetzt, wo Sie nicht mehr in den Iran reisen dürfen?

Doch, ich darf einreisen. Man hat mich nur gewarnt, dass ich nicht mehr aus­reisen kann. Das ist eine versteckte ­Warnung, ich solle nicht mehr in den Iran kommen.

Werden Sie die Warnung beachten?
Ich werde trotzdem hinreisen. Nicht sofort, aber in einem Jahr vielleicht. Ich werde das Risiko eingehen, dass ich eine Zeit lang dort festsitze.

Ist das nicht sehr gefährlich?
Ich bin sicher, dass man mich nach einer gewissen Zeit wieder gehen lässt. Das ist wie mit den Mullahs: Drei Jahre lang wollte keiner mit mir über die Möglichkeit eines Zusammenlebens von Atheisten und gläubigen Muslimen sprechen. Doch am Ende habe ich doch vier Mullahs davon überzeugt, mit mir darüber zu diskutieren.

Fürchten Sie sich nie, wenn Sie sich so eng mit dem Regime befassen?
Doch, aber man muss die Angst überwinden.

Erstellt: 20.11.2014, 20:53 Uhr

Trailer «Iraner»

Vorpremiere:
Bern: Sa, 22.11., um 11 Uhr im Kino Kunstmuseum.
Zürich: So,  23.  11. um 11 Uhr im Zürcher Kino Riffraff. Nach dem Film anschliessend jeweils Gespräch mit Mehran Tamadon und Philippe Welti, ehemaliger Schweizer Botschafter im Iran, sowie in Bern zusätzlich mit Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS).
Filmstart: Donnerstag, 27.  11.

Mehran Tamadon

Iraner im Exil

Der in Paris lebende Iraner Mehran Tamadon (*1972) versucht in «Iraner», während zweier Tage mit Anhängern des iranischen Regimes zusammenzuleben und über Schleier, Musikverbote und schnell erregbare Männer zu diskutieren. Das Experiment ist erhellend, aber mühselig: Immer wieder drehen die Mullahs dem Regisseur die Worte im Mund um und das Verständnis stösst an Grenzen.

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