«Manchmal quasseln auch seine Bilder»

Experte Fred van der Kooij hat sich durch das Werk des russischen Regisseurs Alexander Sokurow gewühlt, dem das Filmpodium eine eigene Reihe widmet.

Widerspricht seinem Helden auch mal: Der russische Regisseur Alexander Sokurow. Foto: Denis Sinyakov (Reuters)

Widerspricht seinem Helden auch mal: Der russische Regisseur Alexander Sokurow. Foto: Denis Sinyakov (Reuters)

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Der bekannteste Film von Sokurow ist «Russian Ark» von 2002, die Tour durch die Eremitage in St. Petersburg ohne einen einzigen Schnitt. Funktioniert der Film noch?
Er bleibt eine gigantische Leistung. Im Film geht ein französischer Tourist durchs Museum, mit zynischem Blick auf die gross angerichtete Provinz, für die er Russland hält. Aus dem Off hört man Sokurow, der ihm widerspricht. Das ist witzig, weil heute jedem Filmstudenten eingetrichtert wird, dass er seinen Helden lieben muss. Sokurow dagegen verachtet ihn. Das ist ganz erfrischend. Dazu gibt es eine Wirrnis von Zeiten: Die Ist-Zeit des Films wird überlagert von vielen historischen Gegenzeiten. Nur die sozialistische Epoche klammert Sokurow aus. Am Schluss bleibt deshalb ein nostalgischer Blick auf eine Menge Leute mit Perücken. Das ist mir dann doch eine zu parfümierte Sicht.

Wieso übergeht er die Sowjetzeit?
Er hasst sie. Er zeigt nicht einmal die Zerschlagung des Faschismus durch die Rote Armee, sicher die grösste Leistung der Sowjetunion. Merkwürdig für einen Offizierssohn, nicht? Immerhin sind Sokurows Filme von seiner Biografie geprägt, Russe ist er zu 150 Prozent.

Stimmt es, dass Präsident Wladimir Putin Geld gesprochen hat, damit Sokurow «Faust» (2011) fertigstellen konnte?
Ja, obwohl Sokurow ihm gegenüber sehr kritisch eingestellt ist. Sokurow meint, Putin habe die Beziehung zwischen Deutschland und Russland verbessern wollen. Da schien diesem das Faust-Projekt wohl eine gute Gelegenheit.

Der Film hat vor allem viele Dialoge.
Um nur einen Nachteil zu nennen. In seiner wunderbaren Dostojewksi-Verfilmung «Die verborgenen Seiten» gibt es dagegen fast keinen Text. Im Grunde bleibt da nur der «Geruch» von «Verbrechen und Strafe» übrig. Nur so entsteht grosses Kino: Die literarische Vorlage wird zerstört, damit Bilder und Klänge die Herrschaft übernehmen können.

Sokurow hat eine Tetralogie über mächtige Führer gedreht: Hitler, Lenin, Hirohito – und Faust?
Keine Ahnung, was Faust mit dem japanischen Kaiser oder mit Hitler zu tun haben soll. Sokurow erzählt gern, Faust habe halt das Gretchen auf dem Gewissen. Aber da gibt es dann doch einen Unterschied zu Hitlers Todesschwadronen!

Wie muss man sich «Taurus» von 2001 vorstellen, seinen Film über Lenin?
Ein ganz erstaunlicher Film! Sokurow verachtet Lenin und hat trotzdem einen äusserst einfühlsamen Film gedreht. Er erzählt von Lenins letzten Tagen, als sich sein Hirn zersetzte, nachdem ihm in den Kopf geschossen worden war. Von einem virulenten Antikommunisten wie Sokurow erwartet man, dass er Lenin als hilflosen Idioten porträtiert. Das Gegenteil ist der Fall. Bis zuletzt kämpft hier ein Mensch um seine Würde und politische Souveränität. Atemberaubend.

Was zeichnen Sokurows Filme aus?
Es gibt bei ihm, wie bei Michelangelo Antonioni, diese merkwürdig leere, ungefüllte Zeit. In «Mutter und Sohn» trägt ein Mann eine alte Frau durch eine Landschaft, sonst geschieht eigentlich nichts. Aber die Bilder sind hypnotisierend, wie ein sanft in Bewegung gesetztes Gemälde. So was sieht man sonst kaum im Kino: Bilder, die zugleich tief und flach sind. Die Leinwand als spürbare Wand und zugleich als Weltfenster. Man denkt immer wieder: «Was geschieht da überhaupt?» Nichts und vieles zugleich, nicht zuletzt dank den Tonspuren: Es sind die spannendsten überhaupt in der Filmgeschichte, da laufen immer zwei, drei Filme gleichzeitig, aber in anderen Räumen! Das ist seine Methode: die Suggestion von etwas, das irgendwo geschieht oder geschehen könnte. Dadurch sind seine Filme voll von Ahnungen, voll von den vibrierenden Möglichkeiten eines Geschehens.

Woran erkennt man Sokurows schlechte Filme?
Wenn wirklich nichts geschieht (lacht). Oder wenn er zu theologisieren beginnt über Seele und Gnade, all diese Wolkenpumpen. Dann ist es wie bei Tarkowski, und man denkt: Hör bloss mit dem Geschwafel auf! Bei Sokurow aber quasseln manchmal auch die Bilder. Dann ist nur noch pseudometaphysischer Nebel da.

Was ist Ihr Fazit nach 50 Filmen von Sokurow?
Eine Mischung aus Begeisterung und Verärgerung. Immer wieder entsteht eine einmalige Magie der Bilder. Und dann wieder bricht alles zusammen. Sokurow kann sehr bleiern werden. In solchen Fällen rettet ihn dann manchmal der Humor. In «Die Sonne» wartet Kaiser Hirohito auf den Bescheid, ob er zu Tode verurteilt wird. Er sitzt alleine da, es wird ihm langweilig, und dann macht er ein kleines Tänzchen. Wunderbar. Und zugleich völlig irreal. Sokurow sorgt immer wieder für Überraschungen.

Welche Filme empfehlen Sie?
Ich glaube, es gibt vier Meisterwerke: «Die Tage der Sonnenfinsternis», ein früher Film, «Die verborgenen Seiten», der bereits erwähnte «Taurus» sowie den Dokumentarfilm «Elegie einer Reise». Sokurow reist darin nach Rotterdam und zeigt uns diese ziemlich langweilige Stadt, als sei sie eine Trauminsel! Dazu murmelt er aus dem Off, als habe er keine Ahnung, was er da sieht. Paradoxerweise liegt darin Sokurows Stärke. Ich kenne kaum einen anderen Regisseur, der derart weit in das Terrain jener Bilder und Klänge vorstösst, das jenseits von allem Literarischen, Narrativen, kurz jenseits des bloss Erzählbaren liegt.

Fred van der Kooij ist Filmemacher und Dozent für Filmtheorie. Ab morgen hält er immer mittwochs um 18.30 Uhr im Filmpodium Vorlesungen über Sokurow. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2014, 18:51 Uhr

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