Mehr Filmpaläste für weniger Zuschauer

2018 wird ein miserables Filmjahr. Trotzdem entstehen landesweit über 50 neue Kinosäle. Wie passt das zusammen?

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An der Schweizer Kinozukunft wird gebaut – und wie: Erst im April eröffnete das Cinedome im Osten von Bern mit 10 Sälen. Und in den kommenden zwei Jahren sollen über 50 weitere Kinosäle folgen, verteilt über das ganze Land. Gebaut wird in Basel, Spreitenbach, Netstal, Riddes VS und Chur. An all diesen Standorten entstehen Multiplexe – entweder am Stadtrand oder in der Agglomeration –, und gebaut werden sie von den drei grössten Kinobetreibern der Schweiz: Kitag, Pathé und Arena Cinemas.

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Liegt da so etwas wie Goldgräberstimmung in der Luft? Nein, der Bauboom gleicht eher einer kollektiven Flucht nach vorn, denn die Kinozahlen in der Schweiz sind seit dem Spitzenjahr 2002 um rund 5 Millionen Eintritte gesunken (2017: 13,8 Millionen Eintritte). Erstaunen mag vor diesem Hintergrund, dass in derselben Zeitspanne die Zahl der Kinosäle stark gestiegen ist und bald wieder den Stand der goldenen Sechzigerjahre erreichen wird.

Der Grund: Grosse Einzelsäle wurden wegen mangelnder Rentabilität geschlossen und durch Kinokomplexe oder Multiplexe mit teils deutlich kleineren Sälen verdrängt. Das wiederum erklärt, weshalb die Anzahl Sitzplätze trotz Kino-Bauboom nicht zu-, sondern abnimmt.

Kitag macht dicht in Bern

Doch der Verdrängungskampf in der Schweiz geht erst richtig los. Besonders krass ist die Lage in Bern, wo der Mainstream derzeit an die Peripherie ausgelagert wird. Vor zehn Jahren startete das Pathé Westside mit grossem Erfolg am Stadtrand, jetzt hat die Kitag mit dem Cinedome Muri im Osten Berns nachgezogen und macht dafür ihr einst 14 Säle umfassendes Innenstadt-Kinonetz dicht. Kitag-Chef Philippe Täschler bestätigt: «Wir werden Ende 2018 keine Innenstadtkinos mehr in Bern haben – bis auf das Splendid, das 2021 schliesst.»

«40 bis 50 Prozent unseres Publikums kommen bei uns an die Kasse, ohne zu ­wissen, was sie schauen möchten.»Patrick Tavoli, Arena-Chef

In Einzelsäle zu investieren, lohne sich heute nicht mehr, sagt auch Arena-Chef Patrick Tavoli. Dies ist nicht zuletzt einem veränderten Publikumsverhalten geschuldet. Tavoli will das in seinem 18 Säle umfassenden Sihlcity-Megaplex in Zürich beobachtet haben: «40 bis 50 Prozent unseres Publikums kommen bei uns an die Kasse, ohne zu ­wissen, was sie schauen möchten. Sie wissen nur, dass sie in unserem Angebot etwas finden werden, das ihrem Geschmack entspricht.» Tavoli, dessen Sihlcity-Kino in Zürich nach eigenen Angaben einen Marktanteil von ungefähr 34 Prozent hat, will denn auch nichts mehr von der traditionellen Unterscheidung zwischen Arthouse- und Mainstreamfilmen wissen. «Wir spielen ein neues Werk von Woody Allen oder Pedro Almodóvar mit derselben Selbstverständlichkeit, wie das kleine Houdini an der Kalkbreite den jüngsten ‹Star Wars›-Film zeigt.»

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Mit einem breiten Programm ist es allerdings nicht getan. Die Arena Cinemas investieren laufend in die Infrastruktur (grosse Leinwände, bequeme Sitze) sowie in technologische Neuerungen – im März präsentierte man den weltweit ersten 3-D-fähigen LED-Screen, der einen herkömmlichen Filmprojektor ersetzt. Das kostet natürlich Geld. Doch Tavoli verweist dabei auf sein Credo: «Früher konnten Kinos an den Kassen auf Zuschauer warten. Heute müssen wir die Besucher holen.»

Der Zuschauer soll ein möglichst vielseitiges Vergnügungs-, Einkaufs- und Essensangebot in Kinonähe vorfinden.

Ähnlich sieht das Pathé-Chef Venanzio Di Bacco: «Die Gesamt-Experience wird für den Zuschauer immer wichtiger. Deshalb bieten wir zum Beispiel auch Live-Übertragungen von Konzerten an und arbeiten kontinuierlich an Partnerschaften punkto Gastronomie und Erlebniskultur.» Der Zuschauer soll also nicht nur einen guten Film, sondern ein möglichst vielseitiges Vergnügungs-, Einkaufs- und Essensangebot in Kinonähe vorfinden. Der Grund: Die Konkurrenz bezüglich Freizeitgestaltung ist riesig. Streamingdienste sind auf Knopfdruck verfügbar. Das grösste Kassengift ist für Philippe Täschler von der Kitag jedoch das Wetter: «Wenn es am Wochenende 30 Grad warm wird, geht die Schweiz nach draussen. Da kann der beste Film anlaufen – er wird mit Garantie nicht auf die Zahlen kommen, die er machen müsste.»

Bilder: Auf dem Heidi-Set in Latsch

Nur: Ein schlechtes Kinojahr lässt sich nicht mit dem Wetter allein erklären, auch die Bewegungen auf dem Filmmarkt prägen die Bilanz. «2018 fehlte bislang ein grosser Blockbuster», sagt Di Bacco von Pathé. Das bestätigt man auch bei Arena und der Kitag, wobei Philippe Täschler zu bedenken gibt: «2015 hatten wir ein Superjahr dank ‹Heidi› und ‹Schellen-Ursli›. Diese Eigenprodukte fehlen uns jetzt, aber die produziert leider auch niemand.»

Folgen des Kinobooms in China

Ein wichtiger Faktor sind auch die Entwicklungen auf dem internationalen Markt. Dank des enormen Kinobooms in China und der teilweisen Öffnung für ausländische Werke spielen amerikanische Filme wie «Ready Player One», «Tomb Raider» oder der von China koproduzierte «Pacific Rim: Uprising» in China inzwischen mehr Geld ein als in den USA. «Hollywood hat dieses Potenzial erkannt und enorm viel für den asiatischen Markt produziert», sagt Täschler. «Das rächt sich jetzt in Europa: Weil zum Beispiel Liebeskomödien in Asien nicht laufen, haben wir nun einen Mangel im deutschsprachigen Raum.»

Dass 2018 in der Schweiz ein miserables Kinojahr wird, ist jetzt schon beschlossene Sache. Laut provisorischen Zahlen von Procinema wurden bis Ende Mai über 1 Million weniger Eintritte gezählt als in der gleichen Periode der Vorjahre.

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Dabei steht die Fussball-Weltmeisterschaft in Russland erst noch bevor. Diese ist bei den Kinobetreibern bereits als Verlustgeschäft budgetiert. «Früher konnten wir in dieser Zeit das weibliche Publikum mit entsprechenden Angeboten noch ins Kino locken», sagt Täschler, «aber das funktioniert heute nicht mehr.»

Die wichtigsten Faktoren: Trend, Wetter, Konkurrenz

Die Fussball-WM ist auch der Grund, weshalb der Hollywood-Blockbuster «Jurassic World: Fallen Kingdom» in Europa bereits angelaufen ist, während der Kinostart in den USA erst am 22. Juni erfolgt. «Wenn wir diesen Film erst während der WM gestartet hätten, würde ihn niemand schauen», sagt Täschler. «Und wenn wir ihn erst nachher spielen würden, hätten ihn alle schon auf illegalen Portalen gesehen.» Für Täschler eine verrückte Situation: «Wir bauen für viel Geld erstklassige Kinosäle, aber die wichtigsten drei Erfolgsfaktoren können wir als Betreiber nicht beeinflussen: den Filmtrend, das Wetter und die Konkurrenz.»

«Unser grösster Kinosaal wird mehrmals im Jahr für Gemeindeveranstaltungen genutzt werden.»Venanzio Di Bacco, Pathé-Chef

Was Letzteres betrifft: Der Kampf um die Kinovorherrschaft in der Schweiz ist in vollem Gange. Im November 2017 eröffnete Pathé in der Mall of Switzerland im luzernischen Ebikon ein Multiplex mit 12 Sälen – in unmittelbarer Nähe des Multiplexes Maxx in Emmenbrücke, welches der Kitag gehört (die nun ihrerseits von 8 auf 12 Säle aufrüstet). Auch in der Agglomeration Zürich werden die Karten neu gemischt – im Boomgebiet Limmattal. Pathé wird 2019 in Spreitenbach ein Multiplex mit 10 Sälen eröffnen. Pathé-Chef Di Bacco streicht dabei die gute Zusammenarbeit mit der Gemeinde heraus: «Unser grösster Kinosaal wird mehrmals im Jahr für Gemeindeveranstaltungen genutzt werden.» Weniger Freude am neuen Kino-Hotspot dürfte der alteingesessene Familienbetrieb Sterk haben, der im nahegelegenen Baden ebenfalls 10 Säle betreibt.

Seilziehen in Chur, Kräftemessen in Basel

In Chur artete ein ähnliches Projekt zum jahrelangen Seilziehen aus: Die Kino Chur AG, die in der Innenstadt vier Säle betreibt, wehrte sich mit Händen und Füssen gegen ein acht Säle umfassendes Multiplex am Stadtrand. Erst im Mai entschied das Bündner Verwaltungsgericht: Das Kino darf gebaut werden. Vorausgesetzt, die Beschwerdeführer (offenbar von der Kino Chur AG instrumentalisierte Anwohner) ziehen das Urteil nicht ans Bundesgericht weiter.

Zum eigentlichen Clash der Giganten dürfte es jedoch Anfang 2020 in Basel kommen. Dort ist die Kitag bislang mit vier und Pathé mit acht Sälen im Stadtzentrum präsent. Diese Situation wird sich radikal verändern, wenn die Arena Cinemas im Stücki-Zentrum im Norden der Stadt ihr Megaplex mit 18 Sälen eröffnet. Bereitet das der Konkurrenz Bauchweh? «Natürlich», sagt Täschler, «der Markt wird ja nicht grösser.» Patrick Tavoli von Arena entgegnet jedoch: «Mitte der Neunzigerjahre verzeichnete die Stadt Basel 1,2 Millionen Kinoeintritte pro Jahr. Inzwischen sind es noch knapp 600'000.» Einen so dramatischen Besucherrückgang habe es sonst nirgendwo in der Schweiz gegeben. Entsprechend lautet Tavolis Strategie: «Wir wünschen uns, diesen Leuten mit unserem Megaplex das Erlebnis Kino zurückzubringen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2018, 16:30 Uhr

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