Meister der Albträume

Tobe Hooper schockte mit Filmen wie «Texas Chainsaw Massacre» die amerikanische Gesellschaft. Nun ist der brillante Horrorfilm-Regisseur im Alter von 74 Jahren gestorben.

Formal ist sein Kettensägenmassaker ein Lehrstück in Sachen Horrorkino: Tobe Hooper.

Formal ist sein Kettensägenmassaker ein Lehrstück in Sachen Horrorkino: Tobe Hooper. Bild: Keystone

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Anfang der Siebzigerjahre fand der Regisseur Tobe Hooper, dass es in seinem Leben eindeutig zu wenig Blut und Sex gab. Damals arbeitete er hauptberuflich als Lehrer, hatte aber schon ein paar Dokumentarfilme gedreht. Hooper, Jahrgang 1943, geboren und aufgewachsen in Texas, wollte nach Hollywood, war sich aber bewusst, dass die Produzenten dort nicht gerade per Steckbrief nach Dokumentarfilmern aus der Provinz suchten. Also beschloss er, einen Skandalfilm zu drehen, um auf sich aufmerksam zu machen. Das Problem: Die Jungs des New Hollywood - Martin Scorsese, William Friedkin und Konsorten - waren damals schon am Wüten und es brauchte eine neue Eskalationsstufe, um deren Werke zu überbieten.

Wenn es einer geschafft hat, Filme wie «Mean Streets» oder «Der Exorzist» wie Spiesserkino aussehen zu lassen, dann war es Hooper mit seinem «Texas Chainsaw Massacre» (1974). Die Geschichte über eine Gruppe Teenager, die im texanischen Hinterland einer Kannibalenfamilie in die Hände fällt, ist der pure amerikanische Albtraum.

Der Schrecken ist nur einbildet

Hooper konzipierte diese Story, für die er sich lose vom echten Serienmörder Ed Gein inspirieren liess, als bösen Kommentar auf das Erbe der Hippie-Bewegung. Flower-Power und sexuelle Revolution hatten in den Sechzigern eine liberale und emanzipierte Gesellschaft versprochen. Herausgekommen war in den Siebzigern aber eine Welle anarchischer, patriarchalischer Gewalt, vom Vietnamkrieg bis zur Manson-Bande.

Formal ist sein Kettensägenmassaker ein Lehrstück in Sachen Horrorkino. Der Film wurde zur düsteren Legende, landete in mehreren Ländern - auch in Deutschland - auf dem Index. Seine blutige Aura ist aber vor allem ein Produkt von Hoopers Handwerkskunst. Im Gegensatz zum heutigen Splatterkino gibt es wenig explizite Detailaufnahmen, kaum Kunstblut. Aber durch den geschickten Einsatz von Tonspur und Montage glaubt der Zuschauer Schrecken gesehen zu haben, die er sich in Wahrheit nur eingebildet hat. Weil der Film kaum 80'000 Dollar gekostet, aber Millionen eingespielt hat, landete Hooper dort, wo er unbedingt hinwollte: in Hollywood.

Dummerweise konnte er seinen ersten grossen Erfolg dann nur noch einmal wiederholen, weil seine Visionen eben am besten unter den prekären Bedingungen des Independent-Kinos gediehen. Einzige Ausnahme: «Poltergeist» von 1982. Dieses Comeback hatte er Steven Spielberg zu verdanken. Ursprünglich war ihm ein Film namens «E.T.» angeboten worden, niedliche Kinder, niedliche Ausserirdische. Aber Spielberg, der wiederum für «Poltergeist» vorgesehen war, erkannte den Irrsinn in dieser Konstellation - also tauschten sie die Projekte. Der eine drehte sein braves Hollywoodwerk, und der andere seinen zweiten grossen Albtraum. Am Samstag ist Tobe Hooper im Alter von 74 Jahren in Los Angeles gestorben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2017, 08:59 Uhr

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