Mit diesem Blockbuster greift China Hollywood an

Für 140 Millionen drehte Star- und Staatsregisseur Zhang Yimou «Die grosse Mauer». Damit soll die US-Vorherrschaft auf dem Weltkinomarkt gebrochen werden.

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Muss Chinas Geschichte, besonders die seiner Grossen Mauer, neu geschrieben werden? Auf Chinesisch heisst sie die 10.000 Li oder 5000 Kilometer lange Mauer. Gerade wurde sie im Auftrag der Kulturschutzbehörden mit modernster Technologie neu vermessen. Die Mauer war, alles zusammengerechnet, viermal so lang: stolze 21.196 Kilometer.

Die Geschichte wird neu erzählt

Die Nachricht Anfang Dezember kam zur rechten Zeit. Denn Peking lässt in seinem ersten China-Hollywood-Blockbuster die Geschichte neu erzählen, warum das Bollwerk überhaupt gebaut wurde. Nach der Geschichtsschreibung sollte es die Invasion räuberischer Nomadenstämme aus dem Norden abwehren. Doch der Spielfilm «Die Grosse Mauer» strickt eine andere Legende. China baute seine Mauer, um sich gegen den Einfall von Monstern aus Urzeiten zu verteidigen. Alle 60 Jahre erwachen sie, um das Reich der Mitte heimzusuchen und dessen Menschen grausam zu verschlingen.

Doch diesmal treffen die Monster auf beherzten Widerstand chinesischer Helden. Es ist ein Märchen nach Hollywoods Geschmack. Einige seiner besten Experten, die einst mit zehn Oskars für ihre Spezialeffekte ausgezeichnet oder nominiert wurden, halfen Peking, die scheusslichen Ungeheuer mit ihren echsenähnlichen riesigen Köpfen und ihren Augen unter den Armen dramatisch in Szene zu setzen.

Drei Jahre lang arbeitete das Hollywoodstudio «Legendary Entertainment», die inzwischen für 3,5 Milliarden US-Dollar von Wang Jianlin, dem Wanda-Konzernchef und Kino-Mogul der Volksrepublik, übernommen wurden, an dem ersten Blockbuster unter Chinas Regie. Der Etat von mehr als 140 Millionen US-Dollar soll der bisher höchste für einen in China produzierten Film sein. Vier der fünf Helden in dem Streifen sind chinesische Stars, darunter die Schauspielerin Jing Tian. Als fünfter im Bunde aber spielt ein US-Superstar mit. Matt Damon ist das Zugpferd, um das Weltpublikum für Chinas Film in die Kinos zu locken. Denn nur darum geht es.

Abwehrschlachten auf der nachgebauten Mauer

Hollywood schrieb das Drehbuch. Star- und Staatsregisseur Zhang Yimou inszenierte die, wie er sagt, «Verpackung». Den Kinogänger erwarten zhangtypische Massenabwehrschlachten auf der aufwendig nachgebauten Mauer. Er taucht die Aufmärsche der Schwertkämpfer und Bogenschützen in seine starken Farben, arrangiert tollkühne Kongfu-Stunts. Der Plot spielt in der Songzeit (960–1279) als Chinas Waffenproduktion auf einem Höchststand war. Die Dreharbeiten in englischer Sprache mit 3000 Beteiligten fielen Zhang am schwersten. An einigen Tagen «waren mehr als 100 Übersetzer unterwegs».

Peking knüpft grosse Hoffnungen an den Erfolg des 150 Minuten langen Streifens, mit dem die Volksrepublik ihr Debüt als neue Filmmacht auf dem Weltmarkt geben will. Am Dienstag wurde der rote Teppich im Wanda Sofitel ausgerollt, eines der 90 Fünf-Sterne-Hotels, die dem Wanda-Konzernchef gehören. Auf der ersten internationalen Pressekonferenz zum Countdown für die Premiere am 16. Dezember in Peking sagte Regisseur Zhang: «Endlich haben wir einen Film gemacht, wo Chinas Helden die Welt retten.»

Matt Damon muss chinesische Zeichen malen

Doch schon die Pressekonferenz zeigte, wie weit Peking noch davon entfernt ist, ein chinesisches Zeitalter des Kinos global einzuläuten. Informationen zu dem Film wurden nicht gegeben. Stattdessen liess die Moderatorin zuerst Regisseur Zhang Rätselfragen lösen und veranstaltete dann Kinderspiele mit Actionheld Damon und anderen Auslandsstars, wie Pedro Pascal («Game of Thrones») oder Willem Dafoe. Sie mussten auf Chinesisch die Schriftzeichen für das altchinesische Fabelwesen «Tao Tie» schreiben, das Vorbild für die Ungeheuer im Film ist, oder es nach ihrer Vorstellung zeichnen. Der offenbar vorbereitete Damon schrieb seine chinesischen Zeichen mit Bravour.

Fragen der Journalisten waren nicht vorgesehen, um keine heiklen Themen wie etwa die Filmzensur zur Sprache zu bringen. Chinas Filmszene ist immer noch stark politisiert und verunsichert. Da hilft auch Hollywoods beste Technik nicht. Dabei könnte China heute ganz anders auftrumpfen. Es ist zum zweitgrössten Filmmarkt nach den USA geworden mit einem Kassenumsatz 2015 von 44 Milliarden Yuan (mehr als sechs Milliarden Euro). Dalian Wanda und ihr Chef Wang sind nach dem Aufkauf internationaler Kinogruppen heute die grössten Kinokettenbetreiber der Welt, von denen Hollywoodstudios bereits abhängig geworden sind. Wang baut gerade für mehr als sechs Milliarden Euro Investitionen in Qingdao bis 2018 das grösste Filmzentrum Asiens. Teile des chinesischen Blockbusters «Die Grosse Mauer» entstanden dort. Wang bot den Hollywoodstudios nun an, künftig in Qingdao ihre neuen Filme zu produzieren, zwei nahmen sein Angebot bereits an.

Matt Damon mache «Weisswasch-Aktion»

So viel chinesisches Engagement in der Traumfabrik der USA, hat Misstrauen über die Absichten Pekings geweckt. 16 Kongressabgeordnete verlangten Mitte September in einem Schreiben von Washington, den wachsenden Einfluss ausländischer Akquisitionen auf Hollywood zu überprüfen. Sie zeigten dabei mit dem Finger auf Wanda. Wang verteidigte sich: Er verfolge rein geschäftliche Interessen. Er helfe Hollywoods Gesellschaften, die pro Jahr nur 34 ihrer Filme nach China exportieren dürfen, besseren Zugang zum Markt in der Volksrepublik zu finden.

Auch der erste Blockbuster Chinas hat schon Kontroversen hervorgerufen, bevor er noch gezeigt wurde. Patriotische Medien kritisierten das Engagement von Matt Damon als «Weisswasch-Aktion», weil wieder einmal «weisse Stars» aus Hollywood gerufen würden, wenn es um Chinas Rettung gehe. Regisseur Zhang Yimou widersprach zornig. Damon sei nur einer von fünf Helden im Film «Grosse Mauer». Alle anderen seien Chinesen.

Der Söldner findet etwas, wofür zu kämpfen sich lohnt

Zhang verteidigt die Besetzung der Heldenrolle mit Damon aber auch patriotisch. Im Film würde er und seine Bande zuerst als «Söldner» nach China kommen. Sie wollten dort das von den Chinesen erfundene Schiesspulver stehlen, um es in Europa zu verkaufen. Erst als er erkennt, mit wie viel Mut und Aufopferung chinesische Soldaten die Ungeheuer bekämpfen, schliesst Damon sich ihnen gegen den gemeinsamen «Feind der Menschheit» an, läutert sich. Er hat plötzlich etwas gefunden, «wofür es sich zu kämpfen lohnt. Dadurch wird er zum Held.» Natürlich unter der Anleitung Chinas.

Erstellt: 07.12.2016, 15:22 Uhr

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