Analyse

Mit kalt gepresster Wut

Wikileaks-Gründer Julian Assange beklagt sich über den Film, der ihn porträtiert. Bei dem Schauspieler, der ihn spielt.

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Der Darsteller schreibt dem Dargestellten, ob er ihn treffen könne. Dieser schreibt ihm eine lange, gewundene Absage zurück, weil er das Porträt von sich unfair findet, falsch und verlogen: «Ich glaube, dass Sie ein guter Mensch sind, aber ich glaube nicht, dass es ein guter Film ist.»

Beim Porträtierten handelt es sich um Julian Assange, den australischen Enthüllungspionier, der über seine Internetplattform Wikileaks geheime Informationen, Videos, Mails, Depeschen und 700'000 klassifizierte Dokumente veröffentlicht hat.

Holmes, Frankenstein, Assange

Porträtiert hat ihn Benedict Cumberbatch, der lange Engländer, der am liebsten Männer spielt, bei denen hohe Intelligenz mit geringer Empathie korreliert: Sherlock Holmes, Stephen Hawking, Doktor Frankenstein. Und jetzt Julian Assange im Film «The Fifth Estate» von Bill Condon, einem angeblichen Enthüllungsfilm über einen Enthüller. Laptops stehen im filetierten Halblicht der Fensterstoren, Hände huschen über klackende Tastaturen, es gibt konspirative Treffen, aufgebrachte Politiker, Krawatten, Hornbrillen und Fertigpizzas.

Das Beste am Film ist der Hauptdarsteller. Cumberbatch spielt Assange mit kalt gepresster Wut, sein Blick scannt die Gesichter der elektrischen Pfadfinder, die ihn umringen. Seine Mimik bleibt ausdruckslos, sein Lachen macht Angst.

Ist das der Grund, weshalb der Computermann seinen Schauspieler nicht treffen will: weil dieser ihn so beängstigend gut darstellt? Assange hat seine Absage gestern ins Netz gestellt, sie datiert vom 15. Januar. Dass er die Antwort erst jetzt publiziert, hat mit der anstehenden Premiere des Films zu tun. Wenn einer weiss, wie man Öffentlichkeit am besten herstellt, dann Julian Assange.

«Es würde mich freuen, Sie zu treffen», eröffnet er dem «dear Benedict», dem er mit ausgesuchter Höflichkeit begegnet. «Bitte nehmen Sie meine Direktheit als Ausdruck von Respekt», schreibt er, bevor er direkt wird: Der Film über ihn sei ein Racheakt, der auf toxischen Quellen basiere und ihn, sein Werk und seine Organisation schlechtmache. Der Film werde von der Firma Dreamworks produziert, die enge Verbindungen zur amerikanischen Regierung unterhalte. Und diese tue alles, um gegen Wikileaks und seine Informanten vorzugehen. Aus diesen Gründen, schliesst Assange seinen Brief an den Schauspieler, könne er ihn nicht treffen und müsse sein Angebot «mit unaussprechlichem Bedauern» ausschlagen.

Ein Besessener

Als Assange das alles schrieb, hatte er den Film noch nicht gesehen. Er hatte nur eine frühe Version des Skripts gelesen, die ihm jemand geschickt hatte; nicht einmal die hochvernetzten Leute von Dreamworks hatten diese Indiskretion verhindern können.

Bei aller Zerschlagungswut, die Assange aus den USA entgegenschlägt: Sein Brief dokumentiert weniger seine drohende Vernichtung als seine dröhnende Selbstbesessenheit. «The Fifth Estate» ist viel zu simpel, um Assange zu demontieren. Zugleich spielt Cumberbatch ihn so gut, dass die Faszination jede Kritik überstrahlt.

PS: Im Frühling erschien «We Steal Secrets», ein Dokumentarfilm von Alex Gibney über Wikileaks. Assange hatte dem angesehenen Regisseur das Interview verweigert. Der Film «sei einseitig, unethisch und falsch», sagte er später. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2013, 12:28 Uhr

Assange an Cumberbatch

Klicken Sie hier, um den ersten Brief von Julian Assange an Benedict Cumberbatch zu lesen.

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Trailer: «The Fifth Estate» (2013)

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Trailer: «We Steal Secrets» 2013

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Trailer: «Sherlock - Season 3»

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Zusammenschnitt: Beste «Sherlock»-Momente (2010-2013)

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