Mut zum Scheitern

Wieso schlittern Männer ab Mitte 40 so oft in die Krise? Das war die erste Frage an Filmemacher Jann Preuss, der uns in «Der Frosch» einen Scheiterer vorführt.

Die Couch ist kein Zufall:  Jann Preuss hat mit uns sehr offen über seinen Film «Der Frosch» geredet. Foto: Dominique Meienberg

Die Couch ist kein Zufall: Jann Preuss hat mit uns sehr offen über seinen Film «Der Frosch» geredet. Foto: Dominique Meienberg

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Die Fakten werden im Film «Der Frosch» rasch auf den Tisch gelegt, und die Fakten scheinen hart, vor allem für Jonas: Der einstige Bestsellerautor, ein Mittvierziger mit Denkerstirn, wurde nämlich aufs Abstellgleis verfrachtet: beruflich, da er wegen eines chronischen Schreibstaus in der Migros-Klubschule als Kursleiter für kreatives Schreiben nun fremde Versuche beurteilen muss – aber auch privat, weil ihn die Mutter seiner Tochter für den Krippenleiter verlassen hat.

Das ist natürlich formidabler Komödienstoff, und absurd-heiter gehts auch los. Aber mitten im Geschehen ändern Ton und Genre; es wird bitter, später melancholisch, und beim Finale irgendwie okay, notabene ohne Happy End. Anders gesagt: Die einzige Kontante in Jann Preuss’ berührender Tragikomödie, die an den Solothurner Filmtagen für den «Prix public» nominiert war, ist die psychische Baisse seines Antihelden.

Wieso schlittern Männer ab Mitte 40 so rege in Krisen?
Tun sie das?

Bei sensiblen Kreativen, wie der Filmheld Jonas einer ist, scheinen solche Lebens- oder Sinnkrisen gerade «en vogue» zu sein.
Mein neuer Film ist in grossen Teilen autobiografisch.

Oh, das wusste ich nicht. Pardon.
Woher auch, ich habe das bislang nie gross thematisiert. Aber alles bestens, jetzt bin ich da, um darüber zu reden.

Passenderweise auf einem Sofa.
(lacht) Ja, das haben Sie gut ausgewählt. Aber ernsthaft: Ich glaube nicht daran, dass «Krise» oder «Depression» nur Mode­diagnosen sind. Meines Wissens sterben hierzulande jährlich dreimal mehr Menschen durch Suizid als im Verkehr. Und bei 70 Prozent der Selbstmorde ist eine Depression der Auslöser.

Die Depression des Schriftstellers Jonas ist also nicht erfunden, die hat es in Ihrem Leben gegeben?
Ja. Ich habe versucht, möglichst ehrlich, und wahrhaftig zu arbeiten.

Obwohl das die meisten Kinogänger gar nicht überprüfen können?
Es war wichtig für mich.

Dann ist der Film also auch eine Art Hilfe zur Selbsthilfe?
Nein, sonst wäre er nicht streckenweise als Komödie angelegt. Eine Depression aufzuarbeiten, ist niemals lustig, nicht mal ansatzweise. Handkehrum gibt es im «Frosch» auch viel Fantasie, es ist ja letztlich ein Spielfilm.

Wo genau hört das Biografische auf, wo fängt das Fiktionale an?
(lacht) Diese Grenze vermag selbst ich nicht immer ganz eindeutig zu ziehen.

Das klingt ein wenig unheimlich.
Ich fand das durchaus spannend, weil es ja stets auch darum ging, die für mich gesunde und richtige Balance anzupeilen.

Wie meinen Sie das?
Ich wollte unbedingt den Mut zur Ehrlichkeit und auch zur Peinlichkeit aufbringen. Weil ich das zwar von Schweizer Doks, aber nicht von unseren Spielfilmen her kenne. Dennoch: Was Jonas in gewissen Szenen durchmacht, habe ich selber nicht alles 1:1 erlebt.

Ich glaube nicht daran, dass «Krise» oder «Depression» nur Mode­diagnosen sind.Jann Preuss

Doch warum überhaupt dieser Seelenstrip?
Der Begriff Seelenstrip geht für mich zu weit. Ich empfinde es wirklich als Mut zur Peinlichkeit. Und: Wenn ich solchem Humor in anderen Filmen begegne, wirkt er auf mich oft sehr tröstlich.

Am Ursprung solch peinlich-lustiger Szenen scheint immer wieder eine Überforderung von Jonas zu stehen.
Der Eindruck ist natürlich richtig, Jonas ist ein typischer Scheiterer der heutigen Leistungsgesellschaft. Im Vergleich mit unserer Grosseltern- und Elterngeneration haben wir bei der Gestaltung des Lebens immense Freiheiten. Dafür müssen wir pausenlos liefern, in allen Lebensbereiche gut sein und besser werden.

Den Leistungsdruck gab es schon immer, er hatte einfach andere ­Ursachen – beispielsweise die Existenzsicherung für die Familie.
Er hatte aber auch andere Folgen. Man flüchtete sich früher rascher in den Alkohol, lebte Aggressionen aus. Heute richtet man die Aggression eher gegen innen – und zermartert sich selbst so lang, bis man sich nur noch als Loser fühlen kann.

Aber dieses Problem ist doch nicht männerspezifisch.
Nein, stimmt, das ist es nicht. Die modernen Frauen müssen perfekte Mütter sein, Karriere machen, adrett aussehen, eine harmonische Beziehung führen, ihre Website selbst kreieren können . . .

Dennoch sind im Film die Frauen für Jonas’ Misere verantwortlich.
Lustig, dass Sie das sagen. Denn das ist genau das, was Jonas selbst auch lange denkt. Doch es ist nicht wahr, was offensichtlich wird, als ihm Vera nach seiner tumben Schlägerei am Geburtstag der gemeinsamen Tochter Eileen erklärt, dass sie ihn nur deshalb verlassen habe, weil er sie irgendwie schon viel früher verlassen hatte – indem er sich nur noch mit sich selbst beschäftigte.

Jetzt, wo Sie es erwähnen.
Und auch die passiv-aggressive Haltung gegenüber Gina ist unbegründet: Dass er unbedingt ihr Buch fertig schreiben will, ist allein sein Wahn, sie hat das nie von ihm verlangt. So ist das in einer Depression – man macht einen Schritt zurück und zwei nach vorn . . . oder auch mal zwei zurück und nur einen nach vorn.

In welche Richtung gingen Ihre Schritte in letzter Zeit?
Ich bin heute sicher an einem anderen Punkt als vor viereinhalb Jahren, als ich die erste Drehbuchfassung schrieb. Und auch nicht mehr da, wo ich vor zwei Jahren war, nach der letzten Drehbuchfassung. Ich kann mit Rückschlägen besser umgehen, ich habe nicht mehr dieselbe Angst wie früher, weiss, dass es vorübergehen wird.

Wie war es während des Drehs? ­ Ich frage das, weil der erst heitere Film plötzlich einen sehr ernsten Ton erhält – es wirkt beinahe so, als habe er eine Eigendynamik ­entwickelt.
Das täuscht nicht, Eigendynamik trifft es gut: Der Film wollte dahin, das hab ich gespürt (lacht). Und ich habe ihn dahin gehen gelassen, auch wenn das nicht so vorgesehen war.

Trifft das auch auf den typisch «schweizerischen» Schluss zu?
Meinen Sie mit typisch schweizerisch, dass der grosse dramatische Knall fehlt?

Ja. Das Kind als finaler Sinnstifter, das wirkt schon mächtig idyllisch.
Ich weiss nicht, ob das gelang, doch ich wollte zeigen, dass Jonas die «kleinen Dinge» im Leben wieder auf die Reihe kriegt. Und das auch realisiert. Das war wichtig, da es wiederum authentisch ist.

An ein Happy End oder den Knall haben Sie also nie gedacht?
Eigentlich wollte ich über den Schluss beim Schnitt entscheiden. Und darum parallel ein Happy End drehen, bei dem Gina überraschend wieder auftaucht. Doch Lili Amuat, die Gina spielt, hatte am betreffenden Drehtag keine Zeit, also liessen wirs bleiben. Ich bin froh.

Letzte Frage für «Der Frosch 2»: ­ Wo steht Jonas in ein paar Jahren?
Schöne Frage! Ich wünschte ihm, dass er wieder zum Schreiben gefunden hätte. Und sich mit einer neuen Frau an seiner Seite auf Augenhöhe bewegen kann.

«Der Frosch» läuft derzeit im Kino Riffraff (inkl. Sonntags-Matinee). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2017, 18:41 Uhr

Jann Preuss

Drehbuchautor und Filmemacher

Jann Preuss wurde 1972 in Zürich geboren. Von 1992 bis 1995 absolvierte er die Filmhochschule École Supérieure de Réalisation (Esra) in Paris. Danach arbeitete er erst als Autor und Regisseur für Kurz- und Werbefilme, seit 2004 auch als Drehbuchautor und Script Consultant für Spielfilme. 2013 wurde er Dozent an der ZHDK im Fachbereich Film. Als Autor hat Preuss die Drehbücher für «Barfuss» (2005) und «Die Standesbeamtin» (2009) geschrieben. 2005 lief sein letzter eigener Film «Lago Mio». (thw)

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