Nach dem Sturm

An der 90. Oscar-Verleihung war viel vom Wandel die Rede. Bei den Preisen blieb man trotzdem konservativ.

Sam Rockwell, Frances McDormand, Allison Janney, Gary Oldman.

Sam Rockwell, Frances McDormand, Allison Janney, Gary Oldman. Bild: Keystone

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Hollywood glitzert wieder. Oder wie hätte man sonst die 45 Millionen Swarovski-Kristalle interpretieren sollen, die für die Bühne des Dolby Theatre in Los Angeles verbaut worden waren? Die Kulisse an der 90. Verleihung der Academy Awards wirkte wie eine Inszenierung maximaler Stabilität. Eine Art Wellenbrecher aus geschliffenem Glas gegen den Windsturm, den Hollywood nach den Enthüllungen um Harvey Weinstein erfasst hat.

Moderator Jimmy Kimmel blieb freundlich und erwähnte den gefallenen Produzenten kurz in seinem Eröffnungsmonolog: als verdienter Nominierter für den Ausschluss aus der Academy. Er sprach vom Wendemoment, den Hollywood jetzt erleben würde. Von einer Nacht der positiven Einstellungen. Das drohte sie dann auch zu werden, total positiv und ohne einen markanten Augenblick.

Video: Teile aus Kimmels Eröffnungsmonolog

Zum Glück kam dann Frances McDormand. Als sie den Oscar für ihre Hauptrolle in «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» erhielt, wo sie als gnadenlos bittere Mutter einer vergewaltigten und getöteten Tochter die Polizei auf Trab hält, rief sie in den Saal: «Ich habe ein paar Dinge zu sagen.» Sie entschuldigte sich dann zuerst einmal dafür, dass sie so hyperventiliere. Tatsächlich fuchtelte McDormand nervös mit den Armen und fing an zu gackern wie eine wahnsinnige Druidin, die gerade einen Zaubertrank erfunden hat.

Dann bat sie alle weiblichen Nominierten, aufzustehen. Meryl Streep stand auf, Greta Gerwig, die Regisseurin von «Lady Bird», stand auf, einige andere standen auf. Es war der stärkste Moment dieses Oscar-Abends. Auch weil man mal eine sehr klare Übersicht darüber hatte, wie wenige Frauen nominiert waren.

«Schaut sie euch an», rief McDormand. «Wir haben alle Geschichten zu erzählen und Projekte, die finanziert werden müssen. Ladet uns in eure Büros ein!» Schliesslich forderte McDormand Verträge für Top-Darsteller, in denen festgehalten wird, dass die Nebendarsteller die tatsächliche Vielfalt der Bevölkerung repräsentieren. Der Fachbegriff dazu: «Inclusion rider».

Video: McDormands MeToo-Moment

Der andere Höhepunkt war Sandra Bullock. Sie war nur als Präsentatorin vor Ort, aber ihr Witz war grossartig: «Leute, könnt ihr die Scheinwerfer runterdimmen? Dann sieht es wieder so aus, als sei ich in meinen Vierzigern».

Die Schauspielerin Ashley Judd, die zu den ersten Frauen gehörte, die mit Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein an die Öffentlichkeit gingen, sorgte dafür, dass wohl erstmals in der Oscar-Geschichte das Wort «Intersektionalität» ausgesprochen wurde.

Video: Vier Oscars für «The Shape of Water»

Die vier Oscars für den Fantasy-Liebesfilm «The Shape of Water» von Guillermo del Toro – bester Film, beste Regie, beste Filmmusik, beste Ausstattung – wurden dann zum kristallklaren Beleg für Hollywoods Konservatismus: Wieder mal ein Film, der das Kino und die Magie der Illusion feiert – also die Filmindustrie selbst. Dabei ist «The Shape of Water» eine sehr schlichte Geschichte über die Liebe zwischen einer stummen Putzfrau und einem Fischwesen, das in einem Geheimlabor der US-Regierung Anfang der 60er-Jahre zu Forschungszwecken gefangen gehalten wird (zur Filmkritik).

Wieder ein weisser Mann

Auch sonst verlief alles gemäss Erwartung und ohne Panne. Gary Oldman erhielt einen Oscar für seinen Winston Churchill in der Historienfasnacht «Darkest Hour». Beste Nebendarstellerin wurde Allison Janney, die in «I, Tonya» die böse Mutter der Eisläuferin spielt. Sam Rockwell wurde trotz Kritik an seiner Rolle eines geläuterten rassistischen Cops in «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» mit einem Oscar geehrt.

Und doch: Jordan Peele bekam als erster Schwarzer in der Geschichte einen Academy Award in der Kategorie Bestes Original-Drehbuch. Sein Skript zur politischen Horrorsatire «Get Out» schlug völlig zu Recht das von Widersprüchen und billigen Tricks strotzende Drehbuch zu «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri».

Und doch: Kameramann Roger A. Deakins erhielt endlich seinen Oscar für «Blade Runner 2049». Er war 14-mal nominiert, jetzt hat er es geschafft. Auch eine Form von Inklusion. Halt wieder ein alter weisser Mann. Aber immerhin!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2018, 09:04 Uhr

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