Nichts ist mehr wunderbar

Der kasachische Regisseur Timur Bekmambetow hat «Ben-Hur» neu verfilmt. In 3-D und mit viel digitalem Aufwand. Man weiss aber nicht recht, warum.

Verletzliche Pferde ohne Namen: Jack Huston fährt als Ben Hur in «Ben-Hur» dem alten Unschulds-Charme hinterher. Foto: Philippe Antonello

Verletzliche Pferde ohne Namen: Jack Huston fährt als Ben Hur in «Ben-Hur» dem alten Unschulds-Charme hinterher. Foto: Philippe Antonello

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Man fragt sich oft nach dem zureichenden Grund für ein Remake. Insbesondere bei Kino-Klassikern und ganz besonders jetzt im Fall des über die Massen sportiven und trotzdem erstaunlich trägen US-Spielfilms «Ben-Hur» von Timur Bekmambetow, des Remakes von William Wylers Film «Ben-Hur» (1959), welcher genau genommen auch schon ein Remake war. Eines allerdings, das es zum Original gebracht hat durch die Reinheit seines frommen Pathos und moralischen Gebrauchswerts.

Denn darum ging es immer in dieser Geschichte von Not und Tod und dem römischen Schwert, das Menschen und Völker zwang zur Zeit des Kaisers Tiberius: um die Unschuld einer technicolorierten Frömmigkeit, die das Wunder eines Wagenrennens und das Wunder einer zweifachen Gesundung vom Aussatz mit der christlichen Heilsgeschichte verband; und vor allem lief es darauf ­hinaus, dass das Frühchristliche sich in dem in Ketten gelegten Fürsten Juda Ben Hur schon regte, als unser Herr Jesus Christ noch als Zimmermann arbeitete und den namenlosen Sklaven mit einer Kelle Wasser labte. Der Fürst Hur hat damals Gottes Sohn fest ins Auge geblickt und das Heilige gleich gespürt. Das sind die Erinnerungen und die Wirkungsgeschichte, mit denen umgegangen werden muss im Wiederbelebungsfall.

Zivilisiert, aber gnadenlos

Nicht dass die Inszenierung des neuen «Ben-Hur» (der seltsame Bindestrich im Originaltitel ist offiziell) nicht damit umginge. Sie geht sehr intensiv damit um, mit viel Willen zum zureichenden Grund, mit seriöser historischer Unnaivität und weltlicher Skepsis, die sie ihren Figuren aufbürdet. So nimmt sie – trotz eines lobenswert rasanten Anfangs zu Pferd – erst emotionale Fahrt auf, nachdem höchst genau erklärt ist, wie es steht mit den Römern in Judäa, die echt römisch sind, also zivilisiert, aber gnadenlos: immer von oben herab und schnell beim Kreuzigen und Versklaven. Und mit den Juden, die es mit den rebellischen Zeloten halten und mit dem jüdischen Freiheitskampf. Und mit den Juden, die zur Bequemlichkeit neigen oder sogar schon zur christlichen Friedfertigkeit, und mit denen, die zu hungrig sind, um Partei zu nehmen.

Der Trailer. Quelle: Youtube

Zu erklären waren ausserdem die ödipal etwas belasteten Verhältnisse zwischen Judah Ben Hur (Jack Huston) und Messala (Toby Kebbell), dem späteren Tribun und Todfeind, der hier ein Adoptivkind der Familie Hur ist: William ­Wyler hat seinerzeit ganz leise eine ­homoerotische Spannung angedeutet, die in Hass kippte (Charlton Heston, sein prüder Hauptdarsteller, soll gar nichts davon bemerkt haben). Bei Timur Bekmambetow handelt es sich mehr um Messalas Neid auf Judahs Blutlinie. Jedenfalls, bis dann jenes Motiv des Neids verbunden ist mit den drei Jahren auf Europas Schlachtfeldern, in denen dieser Messala sich einen Namen macht zwischen Persien und Germanien. Und bis dieses Motiv wieder dramatische Basis wird für eine Entfremdung und römische Seelenverhärtung, die den Bruder Judah auf die Galeere bringt (fünf Jahre lang, und das verraten wir jetzt: Das Training der Armmuskulatur lohnt sich gegen Ende des Films) – das verbraucht viel Dialog und dauert, trotz Bekmam­betows filmischer Ökonomie.

Wir sitzen also auf einem soliden Sockel von Motiven, und der Film hat noch gar nicht recht begonnen, aber schon eine Stunde gedauert, und es ist etwas irritierend: Was anderen Dramen nützt, alle differenzierte Mühewaltung, schadet diesem «Ben-Hur». Nichts ist mehr wunderbar. Nichts ist mehr selbstverständlich ohne Begründung. Nicht einmal Jesus von Nazareth (Rodrigo Santoro), dessen Beruf das Wunder ist.

Halten wir uns also an die filmtechnischen Mirakel. An die gefährliche, düstere, stickige Atmosphäre von Klaustrophobie, die geschaffen wurde im Bauch einer Galeere. Ans Wagenrennen natürlich, das erwartungsgemäss grossartig ist: rasende Pferde, splitternde Wagen, schreiende Männer, zerschundene Leiber und kein Wunsch mehr offen, oder wie der Statthalter Pontius Pilatus sagt: Da sind wir alle Römer.

Aber ist das schon jener zureichende Grund? Rache und Rösser und gar keine poetischen Sentimentalitäten (vom Schluss des Films reden wir jetzt nicht: Sein Verkündigungs-, Erlösungs- und Vergebungskitsch, das, was Bekmam­betow doch so lang vermieden hat, läuft einem noch geraume Zeit klebrig den Rücken herunter)? Persönlich wär ich ja schon damit zufrieden gewesen, noch einmal das zärtliche Gedicht aus Pferdenamen zu hören, die Namen der Schimmel, mit denen der würdige Scheich Ilderim (Morgan Freeman) den Judah Ben Hur ins Rennen schickt. Sie hiessen bei Wyler wie Sterne: Altair, Aldebaran, Antaris und Riegel, und am Ende lebten sie, und ist das nicht schön? Jetzt kommen sie namentlich nicht mehr vor und sind nur noch verletzliche Tiere, und das ist es eben, was fehlt: ein wenig vom alten Unschulds-Charme.

In Zürich ab Donnerstag in den Kinos Abaton, Arena Cinemas, Corso und Metropol. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2016, 19:09 Uhr

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