Penetrant brillant

Der Schauspieler und Regisseur Sean Penn wird am Zurich Film Festival mit einem Award geehrt. Seine beste Rolle spielt er in der Wirklichkeit – als aufsässiger Freidenker.

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Er ist nicht zum Aushalten, so denkt man in den ersten Minuten von «This Must Be the Place», dem neuen Film mit Sean Penn. Dabei, die Frisur ist ja eine Attraktion für sich, diese kunstvoll zerzupfte Mähne eines traurigen Schreckgespensts, bis in die Haarspitzen dem Vorbild von Robert Smith von The Cure nachempfunden. Als irischer Rockstar in Frühpension schleppt er sich müde durch seinen mit Tantiemen gepolsterten Alltag, die Augen mit Kajal umrandet, die Falten im Gesicht mehr schlecht als recht mit Leichenblässe überschminkt. Dieser Mann wirkt wie das Fossil einer Jugendkultur, die ihr Verfallsdatum längst überschritten hat.

Dann macht er den Mund auf, und heraus kommt das klägliche Fistelstimmchen einer alten Tunte. Dabei spricht Penn im gleichen Tempo, wie er sich fortbewegt. Langsam. Sehr langsam. Es ist nicht zum Aushalten, eigentlich.

Dass man es dann trotzdem aushält in «This Must Be the Place», das zeigt, was dieser widerspenstige Star für ein toller Schauspieler ist, und zwar jenseits von Kategorien wie Charisma oder Mimikry. Geht es um das Metier der Schauspielerei, gleitet die Kritik ja regelmässig ins Ungefähre, weil ihr die Begriffe ausgehen. Aber wenn einer eine traurige und eigentlich hoffnungslos lächerliche Figur wie diesen Rockstar im Ruhestand so spielt, dass sie eigentlich nur aus Frisur und schauspielerischen Manierismen besteht, und wir ihn gegen alle Abwehrreflexe trotzdem ins Herz schliessen – dann kann man sich vor einem solchen Bravourstück nur verneigen.

Überhaupt: Man vergisst ja allzu leicht, dass Sean Penn auch ein begnadeter Komödiant ist. Daran ist er allerdings zu einem guten Teil selber schuld. Dass er keine Angst vor Frisuren kennt, hat er früh genug bewiesen, als pubertärer Haschkopf mit Vokuhila in «Fast Times at Ridgemont High» (1982). Es war die Blaupause für das bald grassierende Genre der Highschool-Komödie, aber dieser entkrampfte Penn hatte seither Seltenheitswert. Lieber suchte er sich Filme aus, in denen er nach allen Regeln des Method-Actings und mit vollem Körpereinsatz eine geradezu verbissene Zerquältheit aufbauen konnte.

Der Oscar war unvermeidlich

Penn ist oft penetrant, wenn er sich an den inneren Kämpfen seiner Figuren abarbeitet. Aber manchmal ist er trotzdem brillant dabei. Und natürlich waren es diese Parts, die zuverlässig mit OscarNominierungen honoriert wurden. Da war der verstockte Redneck, der in «Dead Man Walking» (1995) in seiner Todeszelle hockt und erst in langwierigen Gesprächen mit einer Nonne lernt, sich seiner Schuld zu stellen. Da war, schauspielerisch alles andere als subtil, der geistig behinderte Vater, der in «I Am Sam» (2001) beharrlich um das Sorgerecht für sein Töchterlein kämpft. Und schliesslich der Familienmann, der in

Clint Eastwoods «Mystic River» (2003) so schwer an einem Kindheitstrauma trägt, dass ihm die seelischen Qualen gewissermassen aus jeder Pore trieften. Der erste Oscar war unvermeidlich.

Man müsste deshalb von Sean Penns inoffizieller Schmerzensmann-Trilogie sprechen, stünde dazwischen nicht Woody Allens «Sweet and Lowdown» (1999), wo er sich als hibbeliger Gitarrist und selbstverliebter Casanova durch die Swing-Ära wurstelt. Das ist nicht zuletzt deshalb so umwerfend, weil er uns hier nicht permanent beweisen will, was für ein tiefschürfender Schauspieler er ist.

Und dann gibt es da noch die Rolle, die er seit gut zehn Jahren unter seiner eigenen Regie verkörpert, die des «Citizen Penn». Das ist kein Film, sondern ein politisches Stück, das in der Wirklichkeit spielt. In der Hauptrolle: der Filmstar als Freidenker und aufsässiger Citoyen, der sich ohne ideologische Scheuklappen ins politische Leben einmischt. Und sich dabei auch mal die Hände schmutzig macht, wenn es die gute Sache erfordert.

Schon 2002 schaltet Penn in der «Washington Post» ein fast ganzseitiges Inserat an die Adresse von Präsident Bush, er möge sein Kriegstreiben stoppen. Kostenpunkt: 56 000 Dollar. Bald darauf, just zur Adventszeit, fliegt er auf eigene Faust für ein paar Tage nach Bagdad, weil er sich vergewissern will, ob dort wirklich Massenvernichtungswaffen versteckt werden. 2006 reist er nach Teheran und schreibt für den «San Francisco Chronicle» eine epische Reportage über seine Erlebnisse während der Wahlen im Iran. Später rekrutiert er auf dem Rockfestival im kalifornischen Coachella freiwillige Helfer, mit denen er dann im «Dirty Hands Caravan» nach New Orleans rollt, um unterwegs Unterkünfte für Obdachlose zu bauen.

Karriere des Vaters nachgeholt

Es ist der Aktionismus eines Filmstars, der immer alles aus erster Hand wissen will. Das politische Engagement ist bei Penn keine Pose, weil es untrennbar mit Hollywood und seiner familiären Herkunft verbunden ist. Vater Leo Penn landete als Schauspieler einst auf Hollywoods Blacklist, weil er sich weigerte, vor dem Ausschuss von Kommunistenjäger McCarthy seine Kollegen zu denunzieren. Aus seinem Beruf gedrängt, zog er sich ins Fernsehen und hinter die Kamera zurück, drehte als Auftragsregisseur für Serien von «Bonanza» bis «Matlock». Die Karriere, die ihm aus politischen Gründen verwehrt blieb, hat sein Sohn längst nachgeholt, und zwar als Schauspieler wie auch als Regisseur.

Unter Hollywoods linken Galionsfiguren ist Sean Penn das Gegenteil von George Clooney, der seine politische Gesinnung mit mondäner Eleganz bekleidet und allergisch reagiert, wenn man da einen Widerspruch zu seinem Millionenjob als Werbeträger von Nespresso zu wittern wagt. Penn ist kein geschliffener Ironiker wie Clooney. Öffentliche Auftritte absolviert er mit dem Missmut eines Outlaws, und man muss lange graben, bis man einen lustigen Satz von ihm findet. «Was ist der Unterschied zwischen Joghurt und Los Angeles?», soll er früher gern gewitzelt haben. Antwort: «Joghurt hat eine lebendige Kultur.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2011, 14:41 Uhr

Info

Acht der wichtigsten Filme von und mit Sean Penn sind am 7. Zurich Film Festival im Zürcher Filmpodium zu sehen. «This Must Be the Place» läuft am 1. Oktober um 21.15 Uhr im Kino Corso und ab 10. November in den Schweizer Kinos.

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