Plötzlich bricht der Krieg die Klostertür auf

Im Mai 1996 wurden in Algerien sieben christliche Mönche ermordet. Der französische Regisseur Xavier Beauvois erzählt im preisgekrönten Spielfilm «Des hommes et des dieux» von ihrem Leben.

Ruhige Klarheit vor der nebulösen Reise ins Verderben: Trappistenmönch in «Des hommes et des dieux».

Ruhige Klarheit vor der nebulösen Reise ins Verderben: Trappistenmönch in «Des hommes et des dieux». Bild: Frenetic

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am 30. Mai 1996 wurden nahe der Stadt Medea in Nordalgerien die abgeschlagenen Köpfe von sieben französischen Trappistenmönchen aus dem Kloster Notre Dame de l’Atlas in Tibhirine gefunden. Mehr ist bis heute nicht aufgetaucht von den Klosterbrüdern Luc Dochier, Paul Favre-Miville und Michel Fleury, den Patres Christophe Lebreton, Celestin Ringeard und Bruno Lemarchand und von ihrem Abt Christian de Chergé. Sie waren am 24. März im Atlasgebirge verschwunden, entführt von einem Kommando der Groupes Islamiques Armés (GIA) als Faustpfand in einem Bürgerkrieg, in dem sie mit hartnäckiger Frömmigkeit keine Partei nehmen wollten. Sie hätten das Land lang schon verlassen können und hatten sich in Gottes Namen entschieden, dort zu leben, wo sie glaubten, gebraucht zu werden.

Man weiss nicht, wo sie starben und durch wessen Kugeln. Die GIA übernahmen, wie es immer so grausig heisst, die Verantwortung für die Ermordung in ihrem Communiqué Nr. 44. Aber es hält sich hartnäckig der Verdacht, die algerische Armee und womöglich sogar die damalige Regierung unter Präsident Liamine Zeroual hätten ihre Hände im Spiel gehabt, um ihrerseits ihre fundamentalistischen Gegner zu diskreditieren. Jedenfalls sind im «Fall Tibhirine» die Fragen nach den politischen Hintergründen von sieben Exekutionen höchst unzureichend beantwortet. Und die Frage nach einem spirituellen Sinn versteckt sich und löst sich auf in der Unvernunft und dem Geheimnis des Glaubens.

Seltsame Zeitlosigkeit

Mit dem Glauben hat die Vernunft es ja schwer, er ist kaum rezensionsfähig (das ist das Schöne und vor allem natürlich das Fürchterliche an ihm). Zu sagen, das Sterben der sieben sei weiss Gott nicht gottgewollt gewesen, sondern ganz und gar sinnlos, wäre also etwas voreilig, auch wenn es vielleicht stimmt. So einfach wird es sich niemand mehr machen wollen, der den stillen, differenzierten Spielfilm «Des hommes et des dieux» des Franzosen Xavier Beauvois gesehen hat. Er ehrt diese Toten, indem er von ihrem Leben in der seltsamen Zeitlosigkeit ihres Klosters erzählt.

Nicht ihr Ende ist das Thema (darüber fällt am Schluss buchstäblich der Nebel), sondern wie es kam und warum es offenbar sein musste, dass sie blieben, wo sie eigentlich nicht, aber vielleicht eben doch hingehörten und physisch und metaphysisch ihren Acker weiterbestellten. Sie waren gewarnt – von der algerischen Armee, von der französischen Botschaft, vom eigenen Erzbischof und sogar von den Glaubenskämpfern der GIA –, dass die Zeit ihrer Zeitlosigkeit ablaufen werde. Sie wussten es selbst, und das ist der dramatische Kern von Beauvois’ Film: Er folgt in einer wahrscheinlichen Fiktion den Mönchen von Tibhirine auf dem Weg zu ihrer Entscheidung für ihr richtiges und gegen ihr besseres Wissen.

Wunderbares Stimmungsgleichgewicht

Er respektiert ihre individuellen Argumente, die alle schliesslich auf das eine hinausliefen: auf die komplexe Konsequenz und heilige Einfalt eines frommen Denkens, das die Glaubensaufgaben nicht an die Vorsicht verraten konnte. Und so ist «Des hommes et des dieux» eine sehr menschliche Tragödie geworden. Sie handelt von der faktischen Kraft des Normativen, das in Notre Dame de l’Atlas eben einfach Gott hiess, und sein Wirken haben 1996 dann nur zwei Mönche überlebt.

Gewiss ist das ein religiöser Film: einer, der nachdenkt über den Sinn, sich zu binden. Aber er frömmelt nicht. Er lässt uns die Distanz der Skepsis. Wir sehen hier keine Heiligengeschichten. Schon gar kein Lob eines Märtyrertums, nach dem die Klostergemeinschaft bei Beauvois wirklich nie ein Bedürfnis hat. Nichts «predigt». Weder die Szenen einer heiter gelebten Ökumene mit den muslimischen Nachbarn noch die Bilder einer unpathetischen Naturschönheit, in der ein gläubiger Abt seinen Gott ahnt; nicht einmal die Mönchsgespräche, in denen es zur Konfrontation der menschlichen Fluchtreflexe mit den höheren Pflichten kommt. Nie scheint es Klischee oder filmisch konzentrierte Theorie. Immer ist es glaubwürdig (im Doppelsinn des Worts: des Glaubens würdig) und sozusagen bodenständig und folgt in aller Ruhe dem Fluss der mönchischen Tage und dem Rhythmus, den die Regeln des heiligen Benedikt den Zisterziensern der strengen Observanz vorschreiben. Xavier Beauvois hat sie studiert, wie er in einem Interview sagte, und es könnte sein, dass sie etwas beitrugen zur ruhigen Klarheit seines Films – nämlich zu dem wunderbaren Stimmungsgleichgewicht von Menschennähe und Weltferne, das der Krieg dann umso dramatischer zerreisst, als er vor der Klostertür steht.

Unvergessliche Schauspieler

Das heisst auch: Hier hat ein Spielfilmregisseur gearbeitet. Mit der geschichtlichen Wahrheit allein ist es ja nie getan. In der Atmosphäre von Wahrscheinlichkeit, die er schuf, hat Beauvois auch seinen fiktiv-realen Charakteren erlaubt, sich zu entwickeln, und er bekam seinen ästhetischen Lohn. Man wird lange nicht den Schauspieler Lambert Wilson als Abt Christian de Chergé vergessen und jene Szene, in der er zum ersten Mal dem Anführer des GIA-Kommandos gegenübersteht, das ihn und seine Brüder später entführen wird: die angespannte, angstvolle, man könnte sagen bebende Glaubensfestigkeit, mit der er medizinische Hilfe anbietet, aber die Herausgabe des knappen Medikamentenvorrats verweigert; und wie der islamistische Trupp, diese «Verrückten Gottes», abzieht, weil jeder Anführer im Auge des anderen einen menschlichen Respekt erkannt hat. Man wird auch nicht den alten Michael Lonsdale als Klosterarzt Luc Dochier vergessen: wie er einem siebzehnjährigen algerischen Mädchen die Verliebtheit erklärt, nichtdie himmlische, sondern die irdische Liebe; und wie er dabei dem Himmel fast näher scheint als all seine Mitbrüder.

Beide werden sterben. Das ist das grosse Drama. Aber es sind die kleineren, lebendigen, mag sein erfundenen Würdigkeiten, die «Des hommes et des dieux» zu einem so humanen (und wenn mans einmal sagen möchte: zu so einem christlichen) Film machen. Es wird darin nicht der historische Fall gelöst, der von Spekulationen umnebelt ist. Es war nicht Xavier Beauvois’ investigatives Erkenntnisinteresse. In einer der letzten Szenen sitzen die Brüder von Tibhirine beisammen und hören keine Psalmen, sondern Tschaikowskys «Schwanensee». Es liegt darüber eine traurige Heiterkeit. Als wüssten alle schon etwas von der endgültigen Traurigkeit ihrer Zukunft. Und am Ende wird uns dieser Film einfach erzählt haben von dem, was Menschen Menschen antun und was die Götter, an die sie glauben, zulassen.

Erstellt: 08.12.2010, 08:02 Uhr

Der Film

Des hommes et des dieux (F 2010). 120 Minuten. Regie: Xavier Beauvois. Mit: Lambert Wilson, Michael Lonsdale, Olivier Rabourdin u. a.

Ab 8. Dezember Vorpremiere in Zürich im Lunchkino Arthouse Le Paris und ab 16. Dezember im regulären Programm.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...