Als Sex noch schön war

SRF-«DOK» zeigte die Eigenproduktion «Happy Porno?». Eine Ausrede für Einschaltquoten?

Ist Porno chic geworden? Der SRF-«DOK» «Happy Porn – Das Ende der Scham» geht dieser Frage nach. Video: SRF


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Spätestens seit dem Aufkommen des Internets haben Pornofilme starken Einfluss auf unsere Gesellschaft genommen. Sie vermutlich übersexualisiert, wie viele sagen. Popstars wie Miley Cyrus befeuern das Ganze, indem sie Nacktkonzerte ankündigen und sich in pornografischen Kostümen zeigen.

Genau das sollte das Thema der gestrigen SRF-«DOK» sein. Die einzige Aussage dazu, die wirklich aufhorchen liess, kam von Sandra Lichtenstern vom Basler Kunst-Porno-Projekt «Glory Hazel» (Achtung: ab 18 Jahren): «Logisch, empfinden das Jugendliche als nachahmungswürdig.» Und tatsächlich: Es ist kein Geheimnis, dass sich gerade junge Mädchen auf Plattformen wie Instagram immer aufreizender zeigen. Das Spiel mit der Illusion der Nacktheit ist in sozialen Medien längst salonfähig geworden.

Von Sitten und bürokratischen Ausgeburten

Man könnte glauben, die Medien hätten der Staatsanwaltschaft die Rolle der Sittenpolizei abgenommen. Denn einerseits versuchen sie zwar, in aufgeklärter Manier mögliche Auswirkungen aufzuzeigen, scheitern aber daran, überhaupt ein konkretes Problem zu entdecken. Dafür analysieren sie ausgiebig ihre Einschaltquoten und Klicks. Genau wie die Pornoseiten. Auch die Sendung «DOK» vom Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) strahlte mit dem gestrigen Film bereits die zweite Sendung innerhalb weniger Monate zum Thema Pornografie aus. Wenn auch aus verschiedenen Perspektiven.

Pornohochburg Zürich

Zugegeben, «Happy Porno? – Das Ende der Scham» setzte jedoch viel früher an und zeichnete in erster Linie die Geschichte vom fast schon amüsanten Erotikfilm in aufwendiger Szenerie bis zum selbst gedrehten Hardcoreporno im eigenen Schlafzimmer nach. Der Fokus hat gewechselt, weg von der schönen Kulisse hin zum Geschlechtsteil.

Die Blüte begann in den 70er-Jahren mit dem Aufkommen der Sexkinos. Gezeigt wurden Blankbusenfilme, ästhetische Soft-Erotik-Filme. Was dem Zuschauer vielleicht bis heute nicht bewusst ist: Mitten in Zürich sass mit E.C. Dietrich der bedeutendste Sexfilmproduzent Europas. Zahlreiche Produktionen entstanden in der Limmatstadt. Sexkinos – vor allem auf dem Land – sicherten so ihr Überleben, wie der Film aufzeigte. Laut dem Dokfilm schien es dabei vor allem einen Star zu geben: Ingrid Steeger.

Ästhetik und Sinnlichkeit in der Sexbranche: Ingrid Steeger in den 70er-Jahren. Bilder: Screenshots/SRF

Die schöne Blondine entdeckte Produzent Georg Morf damals in Berlin, als Daktylografin einer bekannten Erotikzeitschrift. Sie zierte bald darauf die damals noch «sauberen» Filmposter. Neben Filmtiteln wie «Die Blonde mit dem süssen Po» posierte sie lasziv und übernahm dabei gleich selbst die Rolle des Titels.

Stolz auf seine Werke: Grafiker und Produzent Georg Morf begutachtet seine Filmposter in der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK). Bild: Screenshot/SRF

Im Gespräch mit Filmemacher und Reporter Alain Godet gesteht Steeger: «Damals war ich es einfach gewohnt, zu gehorchen. Ich habe gemacht, was das Kamerateam von mir verlangte. Spass hat es mir nie wirklich gemacht.» Mit ihren 68 Jahren dürfte sie ihren Fans diese Illusion nun nehmen. Besonders erschütterte eine Filmszene, in der sie von Hell's Angels nackt aus dem Türlersee gezogen und vergewaltigt wurde. Das Schockierende daran war, dass Steeger als Kind wirklich mehrmals missbraucht und vergewaltigt worden sei, wie sie selbst erzählte.

Verbittet es sich, ihre Filme als Pornografie zu bezeichnen: Ingrid Steeger im Gespräch mit Alain Godet. Bild: Screenshot/SRF

Der Todesstoss in zwei Akten

Nach dieser ersten Ära des Sexfilms überschwemmten bald schon Pornofilme den Markt, die auf Ästhetik verzichteten und alles zeigten. Zürichs Antwort darauf: Staatsanwalt Marcel Bertschi. Er musste alle Filme auf ihre Sittlichkeit prüfen. Empfand er einen Film als sittenwidrig, war er dazu gezwungen, eine detailreiche Anklageschrift zu verfassen, die folglich selbst zu einer unsittlichen Pornoschrift verkam. Eine Ausgeburt unserer Bürokratie.

1995 kam die VHS. Die Justiz verlor die Kontrolle über die Filme, und der Sexfilm wurde Heimkino-tauglich – zum Ärger der Sexkinos. Mit der Erfindung des Internets hatte der kommerzielle Erfolg des Kinopornos endgültig ausgedient.

Diese Entwicklung beleuchtete der «DOK» dank gut ausgewählten Protagonisten wie dem «old school»- Sexfilmproduzenten Georg Morf, dem «new school»- Pornoproduzenten Lukas Rutschmann, der Darstellerin Ingrid Steeger und Staatsanwalt Marcel Bertschi sehr gekonnt. Doch wozu?

Dass die leichte Verfügbarkeit von Pornografie unsere Gesellschaft verändert, scheint niemand mehr zu bestreiten. Dass dadurch ein Schaden entsteht, kann aber auch keiner beweisen. Das liegt vielleicht daran, dass man einer modernen Gesellschaft die heutige Omnipräsenz von Pornografie zumuten darf. Vielleicht überschätzen wir das Ausmass der Auswirkung von Pornofilmen, und ein gesundes Gleichgewicht pendelt sich von alleine ein. Wichtig ist aber, dass Kinder und Jugendliche über die Wahr- und vor allem Unwahrheiten aufgeklärt werden.

Erstellt: 20.11.2015, 13:40 Uhr

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