Quentins Welt

Von seiner Liebe zum 35-mm-Film bis zu Uma Thurmans Füssen: Unser A-Z über Quentin Tarantino und seinen neuen Film «Once Upon a Time ... in Hollywood».

Der Trailer von «Once Upon a Time ... in Hollywood».
Video: Sony Pictures

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«Once Upon a Time ... in Hollywood», der 9. Film von Quentin Tarantino, ist schon jetzt das Debattenthema des Kinojahrs. Erstmals sind Leonardo DiCaprio (als Fernsehwesterndarsteller Rick Dalton) und Brad Pitt (als sein Stuntdouble Cliff Booth) zusammen vor der Kamera zu sehen. Zum Start am 15. August bieten wir das endgültige Tarantino-Lexikon. Gleich zum neuen Film? [→ Hier entlang].

35-mm «Wenn ich nicht mehr auf Film drehen kann, höre ich auf», hat Quentin Tarantino einmal gesagt. Er und sein Kameramann Robert Richardson bestehen auf das traditionelle 35-mm-Filmformat, [→ «The Hateful Eight»] haben die beiden sogar im längst eingemotteten 70-mm-Format gedreht. Tarantino sieht es am liebsten, wenn seine Filme auch bei der Vorführung als Zelluloidstreifen durch den Projektor laufen. In den allermeisten Kinos scheitert er dabei allerdings an der real existierenden digitalen Vorführpraxis. Deswegen hat er vorgesorgt: Auch die digitale Kopie von [→ «Once Upon a Time … in Hollywood»] hat Kratzer und Hüpfer, als sei es ein 35-mm-Film.

Achronologisches Erzählen (od. nonlinear), wird eingesetzt in u.a. [→ «Reservoir Dogs»] und [→ «Pulp Fiction»], bedient sich literarischer Vorbilder (etwa Tarantinos Lieblingskrimiautor Elmore Leonard) und unterläuft Erwartungen bei Genre-Erzählungen. Wegen des selbstreferenziellen Charakters wurde das Tarantino-Kino sofort forschungsrelevant (siehe etwa die Beobachtung von Jean Baudrillard, es gebe nichts Reales ausser medialer Zeichensysteme). Bis heute erscheinen erstaunliche Untersuchungen mit Titeln wie «Gespaltene Geschlechter und flottierende Signifikanten in Tarantinos ‹Kill Bill›».

Leonardo DiCaprio spielt in «Once Upon a Time ... in Hollywood» einen fiktiven Westerndarsteller, der in einem fiktiven Spaghettiwestern des realen Spaghettiwestern-Regisseurs Sergio Corbucci mitgespielt hat. Bild: PD

B-Movies Tarantino wurde in den 70ern weniger politisch denn kulturell sozialisiert: mit Kung-Fu-Filmen, Fernseh-Sitcoms, Spionage- und Rasermovies in speckigen Mitternachtskinos; all das, was in den Ritzen wuchs und auch in [→ «Once Upon a Time … in Hollywood»] wieder zum Leben erweckt wird. Die Schundkultur (Englisch pulp), der Genuss billiger Gefühle, war damals verpönt und höchstens geschätzt in Form des Film noir und der Krimis eines Raymond Chandler. Im Gegensatz zur desillusionierten Poesie der Nacht, die diese Künstler geschaffen haben, formalisiert und analysiert Tarantino den Trash, er zerrt die Gangstertypen als cleveres Zeichenspiel ans «banale Tageslicht» (US-Kritiker David Denby) von Los Angeles.

Casting Tarantino weiss, wie man vergessene Darsteller reaktiviert und Entdeckungen lanciert: John Travolta in [→ «Pulp Fiction»] oder die Blaxploitation-Ikone Pam Grier [→ «Jackie Brown»] schafften es zurück ins Rampenlicht. Uma Thurman und Samuel L. Jackson verdanken ihm den Durchbruch, Christoph Waltz hat es unter Tarantino zum zweifachen Oscar-Preisträger gebracht. Da lassen sich dann auch Topstars wie Leonardo DiCaprio und Brad Pitt gerne zu Tisch beziehungsweise ans Set bitten.

Noch mit 30 soll Tarantino in einer muffigen Single-Wohnung gelebt haben.

«Django Unchained» Western-Soundtracks haben das Werk von Tarantino stets begleitet, egal ob er sich in diversen Kampfsportarten mit Bill schlug oder ob er Nazis skalpierte. Aber erst 2012 drehte er seinen eigenen [→ Spaghettiwestern]. «Django Unchained» präsentiert wie die Klassiker einen schwarzen Rächer, wobei sich die Farbe hier nicht auf die Kleider bezieht, sondern auf die Hautfarbe. Es geht um Sklavenbefreiung, arrogante Plantagenbesitzer und eine grosse Romanze, wobei Tarantinos ewiger Kontrahent [→ Spike Lee] mäkelte: «Die Sklaverei war ein Holocaust und kein Spaghettiwestern.»

Einzelkind T. wurde am 27. März 1963 geboren und wuchs in einer Reihensiedlung im Quartier South Bay in Los Angeles auf, erzogen von seiner Mutter und wechselnden Stiefvätern. Er schwänzte oft die Schule und vergrub sich zu Hause in Comicheften oder sass vor dem Fernseher; als Teenager brach er die Schule ganz ab und fing an, im [→ «Video Archives»] in Manhattan Beach zu arbeiten. Noch mit knapp 30 soll Tarantino in einer muffigen Single-Wohnung voller Filmposter und Beigen schmutziger Wäsche gelebt haben. Im Wohnzimmer stand ein TV-Gerät zur Wiedergabe von Filmen im korrekten Seitenverhältnis; daher auch die Fernsehvernarrtheit der Figuren in [→ «Once Upon a Time … in Hollywood»].

Füsse Den berühmten [→ Twist] aus [→ «Pulp Fiction»] tanzt Uma Thurman selbstverständlich barfuss. Das ist zum Markenzeichen geworden im Werk von Tarantino, er macht aus dem Fetisch keinen Hehl und präsentiert praktisch in jedem Film eine oder mehrere Grossaufnahmen nackter Frauenfüsse. Besonders schön ist diejenige im neuen Werk: Margot Robbie schleicht als Sharon Tate ins Kino, in dem ein Film läuft, in dem sie mitspielt. Und als sie merkt, dass er dem Publikum gefällt, legt sie entspannt die Füsse auf den Vordersitz.

Quentin Tarantino und Mira Sorvino, circa 1995. Bild: The Life Picture Collection (Getty Images)

Gewalt Erlaubt uns Tarantino, Gewaltdarstellung als Meta-Unterhaltung jenseits der Moral zu geniessen, oder steckt in ihm ein sadistischer Manipulator? Sein kundiger Bezug auf Schundkultur setzt das Vergnügen an Leinwandbrutalitäten voraus, weshalb T. nicht unrecht hatte, als er sagte, ihn wegen des Gewaltthemas zu kritisieren, sei etwa so sinnvoll, wie wenn man Vincente Minnelli bitten würde, seine Musical-Sequenzen zu rechtfertigen. Tatsächlich hat das Blut bei Tarantino immer Gänsefüsschen, was Dietmar Dath einmal als «stubenreine Drastik» bezeichnete: «Sie ist ‹sicher›, weil sie durch Verweise auf ihre Quellen im jeweils beliehenen Genre als uneigentlich, als Übertreibung, die man nicht wörtlich nehmen soll, verstanden werden kann.» Das Publikum lacht, weil es Bescheid weiss. Allerdings kann selbst Zitat-Gewalt Schockwirkung entfalten. Eine Studie unterscheidet zwei Sorten von Tarantino-Gewalt: der saubere Schuss, der ein Leben ausknipst, und der Blut-Exzess. Die erste Form verweist auf den alten Western, wo [→ geredet] wird und dann geschossen, die zweite auf den neuen, temporeicheren Hollywood-Film mit all seinen Effekten. Die Gewaltdarstellung ist bei Tarantino also immer schon reflektiert und zwingt uns zum Nachdenken über das Gesehene – sie geht über das Verweissystem Kino hinaus aber auch ganz direkt an die Nerven.

Harvey Weinstein Der Filmproduzent sass im Flugzeug von Los Angeles nach New York und las das 160-seitige Drehbuch von «Pulp Fiction». Laut Legende gab er seinem Mitarbeiter laufend Updates durch. «Der Anfang ist unfassbar. Bleibt das so gut?» – «Die Hauptfigur ist gerade gestorben. Was passiert am Schluss? Ich ruf dich zurück.» – «Fuck it, wir machen diesen Film.» Die Folge: Miramax von Bob und Harvey Weinstein wurde das erste Studio, das mit einem Independent-Film mehr als 100 Millionen Dollar einnahm, ein Erfolg, den zahlreiche Studios nun nachahmen wollten. Tarantino und Weinstein waren eng befreundet, der Regisseur hatte auch Kenntnis von Weinsteins sexuell übergriffigem Verhalten, dessentwegen der Produzent 2018 angeklagt wurde. 1995 war Tarantino mit der Schauspielerin Mira Sorvino zusammengekommen, die ihm erzählte, Weinstein habe sie ungefragt massiert. «Ich hätte genug gewusst, um mehr zu tun, als ich getan habe», sagte Tarantino nach Bekanntwerden der Vorwürfe.

«Inglourious Basterds» Tarantinos Rettungsfantasie im von Nazis besetzten Frankreich mit dem Weltstarauftritt von Christoph Waltz als sadistischer SS-Standartenführer Hans Landa und einem Was-wäre-wenn-Finale im Kinosaal, wo die Pop-Projektion über die historische Wirklichkeit triumphiert. Laut dem «New Yorker»-Kritiker David Denby hat der Regisseur mit diesem extravaganten Scherz die Türe zum Filmarchiv definitiv hinter sich zugezogen und sei zum idiot de la cinémathèque geworden. Anders die Diskussion in Europa, zum Beispiel bei der Anglistin Elisabeth Bronfen, die über den Schluss schreibt: «Tarantinos exzessive Zerstörungsorgie ist auch als Hommage an das Versprechen historischer Reimagination gemeint, das nur die Virtualität des Kinos leisten kann.»

Auf dem Filmset von «Jackie Brown» (Tarantino mit Pam Grier). Bild: Getty Images

«Jackie Brown» Zarte, aber noch immer saucoole Hommage an das Blaxploitation-Genre ab den 60ern, als billig gedrehte Hinterhofkinofilme schwarze Emanzipation mit Sex und rachsüchtiger Gewalt zusammenbrachten. Pam Grier heisst jetzt nicht mehr «Foxy Brown», sondern Jackie Brown, und ihre Szenen mit Robert Forster sind selbstverständlich das Anrührendste, was Tarantino je gedreht hat.

«Kill Bill» Die Braut (Uma Thurman) will heimlich heiraten. Dumm nur, dass ihr einstiger Killerkommando-Chef dahinterkommt und sie in der Kirche niederschiesst. Die Braut überlebt, und es folgt ein zwei Filme umspannendes Rachenetzwerk, das Elemente aus Western und Eastern vereint und mit spektakulären Martial-Arts-Sequenzen aufwartet. Noch heute staunt man über die Wucht der simplen Vergeltungsstory. Später kam jedoch aus, dass Tarantino seine Hauptdarstellerin Uma Thurman massiv unter Druck gesetzt hatte, siehe [→ Zoë Bell].

Lang In der ersten Fassung dauerte «Jackie Brown» zwei Stunden und vierzig Minuten, die folgenden Filme wurden eher noch länger – auch deshalb, weil Tarantino Szenen gern zerdehnt und die Figuren länger als nötig reden lässt – «Let’s slow it waaaaaay down» lautet ein Zitat aus [→ «The Hateful Eight»]. Siehe den Moment in «Once Upon a Time … in Hollywood», worin der Schauspieler Rick Dalton auf dem Filmset mit einer vorlauten Kinderdarstellerin zusammentrifft: Tarantino lehnt ihn an eine Szene aus der von ihm verehrten Baseballkomödie «The Bad News Bears» (1975) an, wo der unfähige Coach von seiner Stieftochter in den Senkel gestellt wird. Bei Tarantino ist die Konstellation ähnlich, aber bei ihm verschieben sich die Machtverhältnisse immer wieder, sodass es deutlich länger dauert.

Mit «Pulp Fiction» definiert Tarantino die Vision eines Kinos, das alles kann, aber nichts muss.

Mexican Standoff Reichlich rassistische Bezeichnung für jenen Western-Moment, in dem sich die Ganoven gegenseitig die Pistole vors Gesicht halten, sodass alle einfrieren. In [→ «Reservoir Dogs»] kopiert T. den berühmten Schluss aus Sergio Leones [→ Spaghettiwestern] «The Good, the Bad and the Ugly», aber wo dort gar nicht alle Revolver geladen waren, kreiert T. eine Situation, in der am Ende jeder schiesst. Gemäss dem Band «Quentin Tarantino and Philosophy» zeigt uns «Reservoir Dogs», was wir bei Leone eigentlich haben sehen wollen: die Unausweichlichkeit des Todes.

N-Wort Nachdem «Pulp Fiction» in den Kinos angelaufen war, beauftragte US-Regisseur Spike Lee einen Praktikanten, die Anzahl der N-Wörter im Film zu zählen (28). Seither kritisiert Lee die exzessive Verwendung des Worts bei Tarantino, dieser rechtfertigte sich unter anderem damit, er sei unter Schwarzen aufgewachsen und habe in seinem Leben so viele [→ Blaxploitation-Filme] gesehen, dass er die afroamerikanische Kultur besser kenne als manch anderer – was den Regisseur Melvin Van Peebles wiederum auf die Frage brachte, ob der Regisseur zum Ehrenbürger der Schwarzen ernannt werden wolle (wahrscheinlich schon). Die Tarantino-Grundfrage stellt sich hier sehr deutlich: Wo ist dieses Kino genüsslicher Exzess, wo idiotischer Quatsch? Ist jemand, der sich wie ein Trottel aufführt, automatisch problematisch, oder problematisieren wir so nur den Trottel?

«Once Upon a Time … in Hollywood» Der neue und neunte Film von Quentin Tarantino; hier gehts zum Pro & Contra und hier zur längeren Besprechung.

Die Filmcrew von «Pulp Fiction» in Cannes. Bild: Sygma (Getty Images)

«Pulp Fiction» Überheblich, unmöglich, unerreicht: In diesem Film dreht Tarantino die USA durch den Fleischwolf: Rache, Zeitsprünge und eine biblische Auferstehung sorgen für ein adrenalingetriebenes Durcheinander, zwischen Erniedrigung und Erleuchtung liegt ein schmaler Grat. Doch was im erleuchteten Koffer ist, den die Gangster Jules und Vincent auf Biegen und Brechen zurückerobern und verteidigen – siehe [→ «Quarter Pounder with Cheese»] –, weiss immer noch niemand. Mit «Pulp Fiction» definiert Tarantino die Vision eines Kinos, das alles kann, aber nichts muss. Die einen sagen: Das ist Filmkunst in ihrer Essenz. Die andern sagen: Gähn.

Quarter Pounder with Cheese Was wäre ein Tarantino-Film ohne Dialoge? In «Pulp Fiction» verkündet der aus Europa zurückgekehrte Killer Vincent (John Travolta), dass ein «Quarter Pounder with Cheese» in Frankreich «Royal with Cheese» heisse. Kollege Jules (Samuel L. Jackson) staunt. Vor der Wohnung der angeblichen Verräter sind dann [→ Fussmassagen] ein Thema, bevor man drinnen einen Burger degustiert und schliesslich zur biblischen Rache schreitet. Episches Geschwafel dient Tarantino sowohl als Kontrastmittel zur Gewalt wie als Element zur Spannungssteigerung. Je [→ ausführlicher] über Banalitäten disputiert wird, desto brenzliger ist die Lage.

Anzugträger in Zeitlupe in «Reservoir Dogs» mit Quentin Tarantino (2.v.l.) und Harvey Keitel (3.v.l.). Foto: PD

«Reservoir Dogs» Eine Handvoll Gangster diskutiert im Restaurant über Madonna-Songs und angeblich unnötiges Trinkgeld. Dann gehen die Anzugträger los – in Zeitlupe – und treffen sich nach missglücktem Überfall in einer Garage wieder. So geht Filmsprache, wenn sie auf Anhieb überwältigen soll. Tarantinos Debüt wurde massgeblich von New-Hollywood-Star Harvey Keitel gefördert. Der meinte Jahre später: «Nervig war nur, dass Tarantino damals ständig meinen Kühlschrank leergefressen hat.»

Soundtrack Film ist Rhythmus. Rhythmus ist Musik. Und Soundtracks sind bei Tarantino ein Mix aus längst vergessenen Songs: Wenn Quincy Jones’ sirenenartiger Auftakt aus «Iron Side» in [→ «Kill Bill»] ertönt, ist die Heldin im Alarmzustand. Und wenn die Killer in [→ «Reservoir Dogs»] in Zeitlupe ausschreiten, wozu «Little Green Bag» der niederländischen Band George Baker Selection erklingt, gilt das als künstlerische Absichtserklärung. Songs dienen Tarantino aber auch zur Karikierung von [→ Foltermethoden]. Als in «Reservoir Dogs» das 70er-Jahre-Stück «Stuck in the Middle with You» ertönt, tänzelt Mr. Blonde auf sein gefesseltes Gegenüber zu und schneidet ihm ein Ohr ab. Die Szene, einmal gesehen, kriegt man nicht mehr aus dem Kopf.

«The Hateful Eight» Der Schneewestern zwischen Boulevardkomödie und endlosem Kriminologie- und Rassismusseminar bzw. ein Film, von dem alle schon wieder vergessen haben, dass es ihn gibt.

USA Laut einem Essay von Joan Didion hätten die Sixties abrupt an jenem 9. August 1969 geendet, als Mitglieder der Charles-Manson-Sekte am Cielo Drive in Los Angeles fünf Menschen töteten, unter ihnen die schwangere Sharon Tate, die mit Regisseur Roman Polanski verheiratet war. Tarantino deutet diese Zäsur in «Once Upon a Time ... in Hollywood» auf seine Art um, taucht Los Angeles aber auch in eine Stimmung von Krise und nahendem Ende, als könne sich die Hippie-Paranoia in jedem Moment verwirklichen. Oder wie es Joan Didion formulierte: «Alles war unaussprechlich, aber nichts war unvorstellbar.»

Videothek Dass sich Tarantino seine Bildung nicht in der Schule, sondern als Mitarbeiter der «Video Archives» in Manhattan Beach geholt hat, ist wahr, aber auch ein Mythos: Als [→ Einzelkind], das von einer nur 16 Jahre älteren Mutter erzogen wurde, las er beispielsweise auch viel. Aber natürlich kannte er die Filme, die er seinen Kunden auslieh, und stellte dabei den obskursten Splatter-Film auf gleiche Höhe wie den neusten von Godard und schrieb Kurzrezensionen, um den Kunden die Auswahl zu erleichtern. Bis heute ist er ein wandelndes Filmlexikon geblieben. Die Filme schaut er allerdings nicht mehr ab Videokassetten, sondern im hauseigenen Kino.

«Tarantino ist auch Autorenfilm»: Die neue Locarno-Chefin Lili Hinstin über Tarantino, ihr erstes Programm und politische Korrektheit.

Western Ein Zeitlang bezog die Manson-Sekte die Spahn Movie Ranch bei Los Angeles, wo früher tatsächlich Episoden von «Bonanza» und dergleichen gedreht worden waren. In «Once Upon a Time ... in Hollywood» wird der Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt) von einer Hippiefrau ins Sektenquartier mitgenommen, und Tarantino macht daraus natürlich eine Grusel-Western-Sequenz: Ein Fremder betritt das Dorf, bringt die herrschende Ordnung durcheinander, und von weit her kommt im Galopp ein Gauner angeritten, um seine Gemeinschaft zu beschützen.

X wie zehn: So viele Filme will Quentin Tarantino nach eigener Aussage drehen, dann habe er alles gesagt. Es folgt also noch einer.

«You Never Can Tell» John Travolta galt in den Siebzigerjahren als Tanzidol. Tarantino holte ihn für «Pulp Fiction» zurück und liess ihn zu Chuck Berrys «You Never Can Tell» in Socken auf der Tanzfläche rumkaspern. Warum Chuck Berry? Der Song passt, weil die Szene im Fünfzigerjahre-Lokal Jack Rabbit Slim’s spielt, wo Buddy-Holly- und Marilyn-Monroe-Lookalikes kellnern. Eine Hommage an die Fifties. Der Song hat allerdings einen bitteren Beigeschmack: Berry war im Gefängnis, als er ihn schrieb. Er hatte als 34-Jähriger ein Verhältnis mit einer 14-Jährigen, die er auf Tournee mitnahm, was in den USA verboten war.

Zoë Bell Tarantino-Filme erfordern Stunts, viele Stunts. In «Kill Bill» übernahm die Neuseeländerin Zoë Bell heikle Szenen für Uma Thurman – ausser in jener Einstellung, als die Hauptdarstellerin mit 70 km/h gegen einen Baum fuhr und bleibende Schäden davontrug. Schuld war Tarantino, der sich später reumütig zeigte («Der grösste Fehler meines Lebens»). Immerhin ermöglichte er der Stuntfrau – wie zuvor Thurman – eine Karriere: In «Death Proof», dem Film über einen durchgeknallten Stuntman-Killer, bekam Bell eine Schauspielrolle, bei [→ «Once Upon a Time ... in Hollywood»] stieg sie zur Stuntkoordinatorin auf.

Erstellt: 05.08.2019, 14:35 Uhr

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