Raues Grossstadt-Drama vs. berührender Dokfilm

Zwischen den Besuchen von Weltstars hat es am Zurich Film Festival auch Platz für einige Schmankerl. Das Drama «Mary & Johnny» und die Dokumentation «Ursula - Leben in Anderswo» stechen heraus.

Driften auseinander: Johnny (Philippe Graber)und Mary (Ex-Miss-Schweiz Nadine Vinzens). (Bild: maryandjohnny.ch)

Driften auseinander: Johnny (Philippe Graber)und Mary (Ex-Miss-Schweiz Nadine Vinzens). (Bild: maryandjohnny.ch)

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Dem Zurich Film Festival, das zu oft nur mit eingeflogenen Stars von sich Reden macht, ist diesmal auch im Wettbewerb ein Coup geglückt. «Mary & Johnny» passt in eine seit langem beklagte Lücke im Schweizer Filmschaffen. Hiesige Produktionen, die vielfach als zu glatt gelten, sind auffallend oft in ländlichem Milieu angesiedelt. «Mary & Johnny», das auf Ödön von Horvaths (1901-1938) Theaterstück «Kasimir und Karoline» basiert, ist rau und urban.

Dass Zürich, wo der Film von Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal spielt, gleich zu Beginn als «seelenloses, reiches, verpisstes Kaff am Fuss der Glarner Alpen» beschimpft wird, passt zum rotzigen Ton des Streifens. Nett ist hier niemand. In schnellen Szenen, mit Vor- und Rückblenden erzählen die Regisseure von einer Nacht im Sommer 2010. Zwischen den Wirtschaftskrisen schöpft Europa Atem, die Fussball-WM in Südafrika bietet Ablenkung - und die halbe Schweiz ist am «Zürifäscht».

Johnny (Philippe Graber), der eben den Job als Verkäufer verloren hat, ist allerdings schlechter Laune und irritiert damit seine Freundin. Mary (Ex-Miss-Schweiz Nadine Vinzens in ihrer ersten Hauptrolle) will haltlos feiern und findet bald einen vermeintlich amüsanteren Spielgefährten, den coolen Eugen (Nils Althaus).

Schmieriger Manager und Ganoven

Dieser wiederum macht Mary mit Sepp (Andrea Zogg) bekannt, einem schmierigen Manager, der an wenig prominenter Stelle - sonst wär er ja an der WM - beim Fussballverband FIRM arbeitet. Mit von der Partie sind ausserdem der Ganove Mischa (Marcus Signer) und dessen Freundin Fränzi (Gina Gurtner), die eine Wettersendung moderiert.

Die ungleichen Protagonisten ziehen in unterschiedlichen Paarungen über das Festgelände, flirten, streiten, umarmen und prügeln sich. Mit der Dauer der Nacht steigt der Drogenkonsum: Johnny säuft, Mary kokst und Eugen mischt K.O.-Tropfen in die Drinks.

Immer härter werden die Zwiste geführt und mit schärferen Waffen bis alles einem dramatischen Ende entgegensteuert. Offene Fragen bleiben in diesem Streifen, was jedoch in einer Filmlandschaft, in der bisweilen alles auserklärt wird, eher für das Werk spricht.

«Mary & Johnny» wartet zudem mit überzeugenden Schauspielern und treibendem Soundtrack auf. Ein Termin für den Filmstart in der Deutschschweiz ist noch nicht festgelegt. Ein weiterer Schweizer Streifen, der am Zurich Film Festival am Wochenende Weltpremiere feierte, dürfte im Januar in die Kinos kommen.

Kontrastreiches Festivalprogramm

«Ursula - Leben in Anderswo», der neue Film von Rolf Lyssy, ist quasi das Kontrastprogramm zu «Mary & Johnny» - und auf seine Weise genauso überzeugend. In dem Dokfilm begegnet Altmeister Lyssy Ursula Bodmer wieder, die 1964 im Zentrum des Streifens «Ursula oder das unwerte Leben» stand, an dem er beteiligt war.

Aus der damals zwölfjährigen taubblinden Ursula Bodmer ist eine fast 60-jährige Frau geworden, die noch immer in einer eigenen Welt lebt. Mit viel Geduld haben ihr Pflegerinnen und vor allem die Pflegemutter Anita Utzinger Begriffe und Fertigkeiten gelehrt.

«Man musste 100-mal dasselbe vormachen. Beim 101-mal hat sie es selber gemacht - aber anders», erinnert sich Utzinger, die auf eine eigene Familie verzichtete, als sie Ursula in ihre Obhut nahm.

In der berührendsten Szene des Films blickt die mittlerweile gebrechliche Pflegemutter auf ihr Leben zurück. «Ich bin reich geworden», sagt Utzinger über die vielen Jahre an der Seite ihrer Tochter, zu deren Welt es kaum einen Zugang gibt. (kpn/sda)

Erstellt: 26.09.2011, 07:16 Uhr

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