Reise ins Land der Kleinigkeiten

An den 50. Solothurner Filmtagen wurden Geschichten aus dem Mittelland gezeigt. Orte und Menschen, die keine grossen Dramen erleben – und trotzdem berühren.

Hans (Jörg Schneider, links) will nicht ins Altersheim, sondern sterben. Sein Freund Willi (Mathias Gnädinger) hilft ihm dabei. Foto: Frenetic Films

Hans (Jörg Schneider, links) will nicht ins Altersheim, sondern sterben. Sein Freund Willi (Mathias Gnädinger) hilft ihm dabei. Foto: Frenetic Films

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Die 50. Solothurner Filmtage gehen heute zu Ende. Man kann wieder entspannen, ihre Unerheblichkeit wurde nicht bewiesen. Dass ihre Erheblichkeit in der «NZZ am Sonntag» bestritten wurde, weil die Filmtage in 50 Jahren dafür mitgesorgt hätten, die Existenz und Sichtbarkeit des Schweizer Films als demokratische Selbstverständlichkeit zu etablieren, war ohnehin etwas seltsam. Als ob man einem lebenden Menschen, dessen Intentionen sich nützlich erfüllt haben, sagte, er müsse jetzt gefälligst den Löffel abgeben. Als ob im Solothurner Fall nicht das freie Spiel des Unnützen auch eine künstlerische Qualität wäre. Und eine Zukunft, befreit von nationalem Genialitätsdruck.

Ein paar Filme haben einem das Schweizersein auf ihre unaufgeblasene Art angenehm gemacht. Vielleicht werden sie nicht eingehen in die Ewigkeit der Solothurner Filmgeschichte durch Kampfeswut und -mut oder den Willen zur Definition, was schweizerisch sei. Sie warens halt, weil sie nicht anders konnten. Sie hatten etwas zu erzählen von diesem Land, in dem der Beton der Vorstädte und das bluemete Trögli ko­existieren. Sie erzählten von dem kalten Hauch dort und der wärmenden Nostalgie nach Herzigkeit; von der Sehnsucht an ein besseres Früher, das es nie gab, für manche aber gegeben haben muss, weil das Jetzt so mühselig ist. Von Olten, Solothurn, wo das Kuriose sehr schöpferisch wirkt. Und von Oerlikon, Zürich, wo einer in den Tod flüchtet aus Angst vor dem Sterben.

Es waren Filme, die schweizerisch waren, weil sie hier spielten und gemacht wurden. Die dramatische Kleinheit war ihr Schicksal, gegen das sie nichts hatten. Sie schlugen aus der Prosa des Alltäglichen ein paar poetische Funken. Und kams zum Kitsch, dann wars ein gut gemeinter, der noch lang nicht der Feind des Guten war. Man traute ihm ein gewisses Realitätsbewusstsein zu.

Man ist so alt, wie man ist

Da war «Usfahrt Oerlike» von Paul Riniker, ein liebenswertes, melancholisches Drama über die Molesten des Alters und einer still so vor sich hin seufzenden Spiessigkeit. Nicht immer will dieser Film nur das sein. Am liebsten, scheints manchmal, stellte er auch noch eine allgemeine Weltharmonie her. Dann treibt es die Melodramatik etwas üppig, und die Erzählung von einer kleinen, möglichen Oerliker Realität stösst ins grosse humanistische Horn. Aber das beschädigt nicht den einfachen und einfach sympathischen Kern.

Die Geschichte eines anständigen Mannes wird hier erzählt, dem alle Freude am Leben abhandenkam. Wie es war, wars gut, und er will nicht klagen. Aber jetzt ist der Hans (Jörg Schneider) krank und viel zu lang schon Witwer. Sein Haus ist nicht mehr Heim, sondern richtet sich gegen ihn mit all den Treppen. Kurzum, er will nicht mehr. Schon gar nicht in einem Altersheim, wo sich ihm ein freundlicher, busperer Senior jeden Morgen aufs Neue vorstellt. Hans’ treuer Freund Willi (Mathias Gnädinger) soll ihm Gift besorgen. Allerdings sind da noch ein paar unbeglichene väterliche Schulden, und das Leben macht es einem nicht so leicht mit dem Sterben.

Natürlich zehrt das jetzt ein wenig von unserem Wissen, dass es dem Hauptdarsteller Jörg Schneider, der aus seinem Herzen ja keine Mördergrube macht, wirklich nicht gut geht. Vor allem jedoch lebt «Usfahrt Oerlike» vom stillen, feinen Spiel eines Mannes, der auch in gesunden Tagen nie nur der Kasperli war (in der TV-Serie «Motel» seinerzeit schlug er seine ernsten Töne an). Überhaupt lebt Rinikers Film nach Thomas Hostettlers Theaterstück «Exit» von einer ernsthaften Sanftheit. Und noch im Kitsch eben – ja, er nimmt sich seine sentimentalen Rechte – steckt die realistische Erkenntnis, dass die Zeit kommt, in der man nicht mehr so alt ist, wie man sich fühlt, sondern nur noch so alt, wie man ist.

Anrührendes Geschwätz

Das roch nach Schweiz, das roch nach überall, wo die kleinen Geschichten häufiger vorkommen als die grossen. Es passte im Rahmen der Solothurner Filmtage, die alles mit allem verbinden, wunderbar zu einem zweiten Film, der verspielten Dokumentation «Mitten ins Land» von Norbert Wiedmer und Enrique Ros. Das ging so: In der Mitte des Landes zieht sich das Mittelland hin, und die Mitte ist Olten, von wo aus man überallhin etwa eine halbe Stunde braucht. Dort lebt der Schriftsteller Pedro Lenz, der ein Auge und vor allem ein Gehör hat für die Kleinen und die Kleinigkeiten.

Ihn haben Wiedmer und Ros auf eine mittelländische Suchfahrt geschickt. Es sei, hiess es an der Uraufführung, nicht von Anfang an so geplant gewesen, habe sich aber so ergeben, und Pedro Lenz fährt ohnehin gern Zug. Es ist ihm Inspirationsquelle für seine Literatur, deren Stoff das anrührende Geschwätz der Welt ist. Deshalb nimmt uns jetzt Lenz mit seinen Texten auf diese Reise mit. Es geht durch die Gegenwart, die ein behäbiger Fluss von Wirklichkeit und von Worten darüber ist; es ist, als führe man durchs Leben, und ab und zu, wie Pedro Lenz einmal sagt, «faarts ii».

«Mitten ins Land» ist kein Film über den Schriftsteller Lenz, sondern einer mit ihm. Er ist «nur» der Reiseführer und bringt uns zu Menschen, die nicht so schöne Worte haben und keine Riesengeschichte, aber eine erzählenswerte: zur Lokomotivführerin, die in ihrem Führerstand manchmal denkt, der Sonnenuntergang gehöre ihr ganz allein. Zum Mann, der für Ordnung und Abbau sorgt in dem Drecksloch unter Kölliken, Aargau, wo der Giftmüll des Landes liegt (das Licht dort sei schöner als das Rampenlicht, sagte er in Solothurn). Zum zufriedenen Volkan Inler, der die Fussballerjugend des FC Trimbach trainiert und den Oltnern den Abfall wegräumt, obwohl er es doch war, der seinem jüngeren Bruder Gökhan, dem Natispieler, die Pässe beibrachte.

Zur Bernerplatte zwei Koteletts

Ein heiles, sauberes Land sah man da, aber nicht zu heil und sauber. Denn das Gift unter Kölliken ist nicht beseitigt, nur begraben. Und dass der Volkan Inler kürzlich in Schwierigkeiten geriet, weil er zwei Arbeitskollegen verprügelte, hätte vielleicht dem Friedrich Dürrenmatt gefallen, der aus dem Berner Mittelland stammte und die Widersprüche liebte.

Er kam auch vor an diesen Filmtagen, 25 Jahre nach seinem Tod. Ein Film von Sabine Gisiger, «Friedrich Dürrenmatt im Labyrinth», Resultat sorgfältiger Archivarbeit, liess ihn Bilanz ziehen, auch über die Schweiz. Er tat es weitergreifend als Lenz, in globaleren, apokalyptischeren Zusammenhängen, und gewaltig war sein Appetit auf alle Möglichkeiten des Guten, Bösen und Verrückten im Individuum. Davor sass er, ein unmässiger Gourmet, so wie er vor einer Bernerplatte sass, zu der er dann noch zwei Koteletts bestellte. Der Schweizer esse immer von allem zu wenig, sagte er. Und uns wurde das Schweizersein angenehm, weil wir uns sagen durften: So einen hatten wir auch einmal!

«Usfahrt Oerlike» ab heute in Zürich in den Kinos Arena, Arthouse Alba und Corso. «Mitten ins Land» startet am 5. 2. «Dürrenmatt: Im Labyrinth» läuft am 1. 2. um 12 Uhr auf SRF 1. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2015, 19:39 Uhr

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