Reise zu den Berührbaren

Die absurde Normalität nach den Kriegen: Der Basler Regisseur Nicola Bellucci zeigt in seinem Dokumentarfilm «Grozny Blues» eine Stadt zwischen Islam und Kreml. Heute feiert er Premiere in Nyon.

Seit dem Ukrainekonflikt, sagt Nicola Bellucci, habe sich die Lage in Tschetschenien verschlimmert. Foto: Basile Bornand (13 Photo)

Seit dem Ukrainekonflikt, sagt Nicola Bellucci, habe sich die Lage in Tschetschenien verschlimmert. Foto: Basile Bornand (13 Photo)

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Arglose Regisseure erkennt man daran, dass sie sagen: «Das Thema ist politisch, aber letztlich handelt mein Film von den Menschen.»

Nicola Bellucci gehört nicht zu dieser Sorte von Regisseuren. Das Thema sind die Menschen, aber sein Film ist politisch. Hochgradig und in dem Sinn, dass der Film selbst politisch wird, indem er Vorstellungen neu arrangiert und frische Bilder im Kopf anregt. Erst fünf Minuten dauert «Grozny Blues», wir fahren im Auto durch das modernistisch angepinselte Grosny von heute, da schneidet Bellucci in einer flüssigen Bewegung auf eine Archivaufnahme um. Plötzlich sehen wir ein Hotel voller Einschusslöcher, als seien wir eben durchs Zeitloch gefallen.

Die beiden Tschetschenienkriege, der erste von 1994 bis 1996 und der zweite von 1999 bis 2009, die insgesamt rund 160'000 Tote gefordert haben und einige Vermisste und Verschleppte mehr, sind in «Grozny Blues» stets gegenwärtig. Aber nicht als Erklärtafeln mit Opferzahlen, sondern als gespenstisches Flackern in den Bildern, als Imaginäres eines gequälten Landes. Alles Konkrete steht hier wie auf heiss spuckendem Boden. Als könne das, was im neuen Grosny sichtbar ist, jederzeit ins höllische Magma zurücksinken: die glatten Wolkenkratzer ebenso wie die gigantische Moschee und der Führerkult um den kremltreuen Lokal­fürsten Ramsan Kadyrow.

Ohne Bewilligung gefilmt

Immer wieder ist Nicola Bellucci nach Tschetschenien gereist in den letzten Jahren. Grosny kam dem Regisseur vor wie «absurdes Theater», halbleer, eine «Attrappe». Er hat die Stadt gefilmt, ohne Bewilligung und in ständiger Angst – etwa dann, wenn die Schergen Kadyrows jugendliche Anhänger aufgereiht hatten, damit sie dem Präsidenten zuwinken. Er hat die drei mutigen Frauen gefilmt, die in einem Büro in Grosny für die Einhaltung der Menschenrechte kämpfen, ein schier aussichtsloses Unter­fangen in einer Republik, in der es nur einen Spaltbreit Freiheit gibt. Die Männer hat er porträtiert, die im Untergeschoss einen Bluesclub eröffnet haben und dort für ihresgleichen Musik spielen, einen Ort, wie es ihn in Grosny nur einmal gibt.

Eine seltsame Stadt. Jeder Schritt, jede Verhaltensweise sei in Tschetschenien festgelegt, erzählt Nicola Bellucci. Liebespaare beispielsweise müssen offiziell anderthalb Meter Abstand voneinander halten, man bewegt sich durch einen strukturierten Raum. Über sich selbst und die Liebe redeten die Tsche­tschenen erst recht nicht, sagt Bellucci. In «Grozny Blues» tun sie es trotzdem – in intimen Szenen. Ein junger Städter etwa erzählt von seiner Faszination für den Krieg, die er mittlerweile widerlich findet; eine der drei Frauen spricht von der Ehre ihres Vaters, die sie nicht beschmutzen wollte und sich deshalb zwangsverheiraten liess. Die Tränen werden weggewischt, auch eine politische Geste.

Material aus Berner Archiv

Wie bloss hat er diese Nähe herstellen können? Vielleicht liege es daran, dass er Italiener sei, sagt Nicola Bellucci. Die Tschetschenen liebten Italien, und als Gast habe er den Kodex oft verletzt, Frauen berührt zum Beispiel, die gestikulierenden Hände waren halt «irgendwo». So hätten sich die Protagonisten allmählich geöffnet. Man kann es sich gut vorstellen. Bellucci wurde 1963 in der Toskana geboren und lebt seit einigen Jahren in Basel. Im Gespräch redet er ohne Pause, insistiert, fragt «Rede ich zu viel?», spricht weiter, übergangslos wechselnd zwischen Deutsch und Italienisch.

Seinen Dokumentarfilm «Nel giardino dei suoni» (2010), das Porträt eines blinden Klangforschers, hat er in seiner Heimat in Arezzo gedreht. Jahre zuvor war er in Bern auf das Archiv der Exil­tschetschenin und Menschenrechtskämpferin Zajnap Gaschajewa gestossen, einen Fundus von «fürchterlichen» Kriegsbildern; Hunderte von Stunden. Eric Bergkraut porträtierte Gaschajewa in seinem Dokumentarfilm «Coca» (2005), Bellucci nahm den Faden später wieder auf, wühlte sich in das Archiv und verbindet nun dieses Material mit seinen Bildern aus Tschetschenien.

Putins Spielwiese

Aber was heisst Faden: «Grozny Blues» ist ein assoziativ gesponnenes Gewebe, kontrastreich und suggestiv, ein Film ohne Kommentar und Einblender. Kino der vielen Geschichten, die sich zu einem Bild zusammenfügen, das wenig zu tun hat mit den Klischees von den Kalaschnikowterroristen aus dem Kaukasus. Vielmehr sehen wir die Gleichzeitigkeit von Zerstörung und Alltag in Tschetschenien, von planierter Vergangenheit und surrealer Normalität. Seit dem Ukrainekonflikt, erzählt Bellucci, habe sich die Lage verschlimmert. Gegen Putin dürfe nichts mehr gesagt werden. Moskau finanziere heute das Teilgebiet, das Putin 1999 brutal niedergewalzt hatte, womit zugleich sein eigener Aufstieg begann. Von denselben Leuten, die gelernt haben, ihn zu hassen, fordere er heute die Liebe, sagt Bellucci. «Kann man sich eine üblere Demü­tigung vorstellen?»

Unterdessen ist auch bekannt, dass einige prorussische Kämpfer in der Ukraine aus Tschetschenien stammten. Ramsan Kadyrow, Putins Ziehsohn und der Zwergdiktator in Tschetschenien, habe unlängst seine Privatarmee versammelt, um Putin die martialische Treue zu schwören, so Bellucci. Wenn Putin wünschte, dass er alle Tschetschenen umbringen müsse, würde Kadyrow das tun, sagt eine der Frauen in «Grozny Blues». Im Film grüsst Kadyrow von Plakaten am Strassenrand und wünscht eine «Gute Reise».

Das ist nur eine Ebene in der komplex geschichteten Erzählung von «Grozny Blues». Auf einer anderen werden das System der Sowjetunion und die Macht des Kreml mit der islamischen Reglementierung des heutigen Alltagslebens verwickelt. In Tschetschenien gebe es offiziell einen moderaten Islam, sagt Bellucci, das aber sei vor allem als Abgrenzung gegen die islamistischen Fanatiker an den Rändern zu verstehen. Wahr sei eher, dass sich mit dem Islam das Verhalten «biopolitisch» disziplinieren lasse: Die Kadyrow-Jünger wiegen sich mit dem Koran in den Händen, für die Frauen gilt Kopftuchpflicht auf der Strasse. Eine Schülerin erzählt, für sie sei das Tuch wie die Verpackung eines Lollipops – es halte die «Käfer» fern. Eine der Aktivistinnen hört ihr zu und verschiebt als Entgegnung ihr eigenes Kopftuch, sodass es mehr nach alter kaukasischer Tracht aussieht.

Ein paradoxes Land. Es scheint eine Form von karnevalesker Subversion zu geben in diesem Tschetschenien nach den Kriegen. Eine Art der schöpferischen Unterwanderung, die auch Nicola Bellucci als Mittel benutzt, wenn er in «Grozny Blues» die Zeiten verwirbelt. Er ruft die Verwüstung ins Gedächtnis, bis sie durch die Adern des Alltags läuft und die Bürotürme in Grosny wie Grabsteine wirken. Er erhält das Verschwundene am Leben, als Form eines Geister­bewusstseins in der Gegenwart. Er lässt die Dinge aufeinanderprallen, damit wir sie selber zusammenblenden. Wir erschrecken – und erkennen.

Premiere: 18. April um 16.30 Uhr im Théâtre de Marens in Nyon, Wiederholung morgen, 12.15 Uhr im Capitole Leone. Filmstart voraussichtlich im Herbst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2015, 19:27 Uhr

Gegen den Naturalismus

Visions du Réel in Nyon

«Grozny Blues» passt quasi auf den Milli­meter genau in den Wettbewerb des Dokumentarfilmfestivals in Nyon, wo man nichts so sehr hasst wie «Didaktizismus und Naturalismus» und wo man «dem Erfassen des Sichtbaren zur Andeutung des Unsichtbaren» nachspürt, wie Leiter Luciano Barisone es mit dem ihm eigenen Intellektualismus ausdrückt. Immer geht es irgendwie darum, aus den Realitätsstücken das Unsagbare herauszuholen, sei es 2015 in Stefan Schwieterts «Imagine Waking Up Tomorrow And All Music Has Disappeared» oder in Anka Schmids «Wild Women» über Dompteurinnen. Gespannt erwartet wird «Above and Below» des Wallisers Nicolas Steiner über das Wohnen an extremen Orten. Der Fokus gilt heuer Georgien, der Ehrenpreis geht an den Schweizfranzosen Barbet Schroeder. (blu)

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