Meinung

Reisst euch mal zusammen!

Filme, Bücher und TV-Serien zelebrieren gegenwärtig das Frauenbild der aufgewühlten Grossstadtneurotikerin – und werden für ihre Authentizität gelobt. Höchste Zeit für eine Trendwende.

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Jetzt reichts! Genug mit dieser narzisstischen Selbstbespiegelung, genug mit den immer gleichen Diskussionen um Selbstfindungskrämpfe und dem Ringen mit der künstlerischen Selbstverwirklichung, genug mit den leidenden Blicken hinter kaffeetellergrossen Brillengläsern.

Die Frauenfiguren irgendwo zwischen 25 und 35, die von den Kritikern als besonders authentisch gelobt werden, haben ihr Leben so gar nicht im Griff – und werden gleichzeitig als aus dem Leben gegriffene Vertreterinnen einer ganzen Generation hochgehalten: Sarah Kuttner (Autorin von «Mängelexemplar» und «Wachstumsschmerz») oder Lena Dunham («Girls») beschreiben Protagonistinnen, die mit Existenzkrisen und Depressionen kämpfen und verstörenden Sex mit verstörten Männern haben, während sie auf die 30 zu- und von einer künstlerischen Blockade in die nächste steuern.

«Frances Ha», seit Donnerstag bei uns in den Kinos, macht uns dies einmal mehr vor: Frances möchte tanzen, kriegt das aber nicht auf die Reihe und strauchelt stattdessen durch New York. Selbstverständlich lebt sie in Brooklyn, der Hochburg des hippen Prekariats, wo alle kreativ sind und «Projekte» haben, immer, egal ob sie gerade an einem Garagenflohmarkt selbstaufgefädelte Perlenketten verkaufen oder in einer Werbeagentur arbeiten. Dort sucht Frances Ha nun ihre Bestimmung – oder wartet vielmehr darauf, dass irgendetwas passiert, währenddem sie betrunken auf die U-Bahn-Schienen pinkelt und mit ihrer besten Freundin von dem Tag träumt, an dem sie beide die Weltherrschaft übernehmen. Bis dahin lebt sie auf Stand-by, lacht über sich selbst und die eigene Misere und widmet sich vor allem einem Projekt: ihrer Selbstfindung.

Die Hohepriesterin der Grossstadtneurotikerinnen

2012 packte die damals 26-jährige New Yorkerin Lena Dunham das viel beschworene Lebensgefühl von «Alles kann, nichts muss» in eine HBO-Serie: In «Girls» schauen wir vier jungen Frauen zwei Staffeln lang dabei zu, wie sie sich selbst suchen und mehr schlecht als recht finden, Panikattacken, Crackabstürze und Geschlechtskrankheiten inklusive. Dunham, Hauptdarstellerin, Produzentin und Regisseurin der Serie, gilt seitdem als Hohepriesterin der Grossstadtneurotikerinnen um die 30: Das sei es nun, das ungeschminkte Gesicht der Generation Praktikum, die hässliche Wahrheit, wunderschön auf den Punkt gebracht. Werden junge Selbstexplorations-Autorinnen mit Dunham verglichen, gilt dies längst als Ritterschlag in der Szene: Das Prädikat «Ein bisschen so wie bei ‹Girls›» garantiert ungeschönte Einblicke in verknorzte Künstlerinnenseelen. Ein Trend, von dem jüngst auch die kanadische Autorin Sheila Heti («How Should a Person Be?») profitierte, und von den Kritikern als neue Sensation am Himmel der feministischen Sinnsuche gefeiert wurde.

Doch wo bleiben die Frauenfiguren, die nicht nur stark sind, weil sie ihre mentalen Unzulänglichkeiten und die Dellen an ihren Oberschenkeln freilegen? Die nicht nur lustig sind, weil sie über ihre eigenen Missgeschicke lachen? Frauen, die genau wissen, was sie wollen, und zur Abwechslung mal keine dysfunktionale Beziehung mit einem ebenso in den emotionalen Kinderschuhen steckenden Mann führen? Denn so ist man irgendwann geneigt, den vermeintlichen Stimmen einer Generation zuzurufen: Jetzt reisst euch mal zusammen!

Erstellt: 29.07.2013, 14:52 Uhr

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Mehr strauchelnd als tanzend: Noah Baumbachs «Frances Ha».

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Grossstadtmädchen und ihre Sorgen: Trailer zur ersten Season von «Girls».

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