Rhetorisches Kokain

Aaron Sorkin schreibt brillante, ironische Drehbücher. Im Film «The Social Network» porträtiert er Mark Zuckerberg, den ebenso intelligenten wie gestörten Erfinder von Facebook.

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An zwei Minuten Dialog, sagt er, arbeite er manchmal wochenlang. Dafür passiert in diesen zwei Minuten mehr als bei anderen Filmen in einer lähmenden halben Stunde. Denn Aaron Sorkin bringt die Sprache zum Tanzen. Seine Dialoge fliegen wie Geschosse, die Protagonisten sprechen in schnellen, durchrhythmisierten Wortkaskaden, von Ironie und rhetorischer Brillanz durchsetzt.

Nervöse Energie

Sorkins Figuren reden viel, aber man hört ihnen gebannt zu. Weil die Sprechenden immer etwas sagen, wenn sie reden. «Ich liebe Sprache und Dialoge», sagt der Drehbuchautor, den seine Eltern schon als Kind ins Theater mitnahmen – «und ich möchte so schreiben, dass die Sprache klingt wie Musik.»

Er sitzt in einem stillen Pariser Hotelzimmer, ein 48-jähriger Mann mit einem Bubengesicht, konzentriert, rastlos, sprungbereit. Auf jede Frage reagiert er mit einer präzisen, in langen Sätzen druckreif formulierten Antwort. Seine Sprache und Körpersprache verbreiten die gleiche nervöse Energie, die er mit seinen Figuren teilt.

Schnell laufen, schnell denken

Zum Beispiel Felicity Huffman als manische Produzentin einer kleinen New Yorker Sportredaktion in «Sports Night», Sorkins erster Fernsehserie. Tom Cruise als junger Anwalt im Gerichtsdrama «A Few Good Men», das der Autor zuerst als Theaterstück verfasste. Tom Hanks als fröhlicher Republikaner in «Charlie Wilson’s War», der im Alleingang die Russen aus Afghanistan schiessen möchte. Matthew Perry als Satireschreiber in der Serie «Studio 60», der mit pochenden Drogen kämpft und mit dem Auftrag, jeden Freitag lustig zu sein.

Und schliesslich Bradley Whitford als der schnell laufende und hyperschnell denkende politische Berater in der Serie «The West Wing», die Sorkin berühmt gemacht hat und sein Meisterstück bleibt. Beiläufig hat er mit ihr den Beweis erbracht, dass sich auch das amerikanische Publikum für ein so komplexes Thema wie die Mechanik der Macht begeistern lässt, wenn das so brillant inszeniert, gespielt und vor allem gesprochen wird.

Was haben seine Figuren mit ihm zu tun? «Wir glauben daran, dass Amerika nicht nur aus Männern besteht, die vor dem Fernseher sitzen und sich von ihren Frauen Bier bringen lassen.»

Der bleiche Milliardär

Sorkin kultiviert einen Schreibstil, der das Komplexe und das Gebildete und das Anspruchsvolle geschmeidig macht. Dank diesem raren Talent konnte nur einer wie er ein Thema wie dieses verhandeln. Nämlich die Geschichte des Mark Zuckerberg, wie Sorkin ein brillanter Jude aus New York, anders als Sorkin schwer kontaktgestört.

Mit zwanzig Jahren erfand der bleiche Hacker, der an der Harvard-Universität studierte, die Kontaktbörse Facebook, die heute von 500 Millionen Menschen auf der Welt benutzt wird. Sie machte ihn zum jüngsten Milliardär Amerikas. Dass ein gehemmter Einzelgänger die Welt neu vernetzt: Die Ironie konnte Sorkin nicht entgehen. «Mark Zuckerberg hat etwas erfunden, was er selber brauchte», sagt er. «Er ist scheu, fühlt sich in Gesellschaft unwohl und bleibt der Aussenseiter, der durchs Fenster auf die Leute sieht, mit denen er gerne zusammen wäre.»

«Facebook macht uns falsch»

Sorkin zeichnet Zuckerberg als kalten Kindmann mit überragender Intelligenz, aber ohne Skrupel. Der junge Informatiker (hervorragend gespielt von Jesse Eisenberg) täuscht seine Geschäftspartner und hintergeht seine Freunde, attackiert seine ehemalige Freundin im Internet und kann weder die Nähe noch die Verlockungen zulassen, die sein global verschaltetes Programm in Aussicht stellt. «The Social Network», der Film von David Fincher, ist wie sein Drehbuch: sarkastisch, schnell, gescheit. Und wie immer bei Sorkins Skripten spielt die Sprache selbst die Hauptrolle: als rhetorisches Kokain, das ins Hirn fährt. Mit Kokain hat sich Sorkin auch jahrelang zum Schreiben gedopt.

Die Person Zuckerberg habe ihn fasziniert, sagt er, von seiner Erfindung halte er wenig: «Das Eindringen in die Privatsphäre wird immer mehr zur Unterhaltung, das macht uns schäbig.»

Sein neuer Film stellt die beunruhigende Frage, ob wir über Facebook wirklich miteinander zu tun bekommen oder nur unsere Einsamkeit wegschreiben. Aaron Sorkin mag Facebook nicht: «Es erlaubt den Menschen, sich virtuell zu erfinden, aber es verdrängt das Entscheidende, was uns menschlich macht: unsere Fehler. Wer wir sind, rücken wir im Internet so zurecht, wie wir gerne wären. Facebook macht uns falsch.»

Sympathie für den Hacker

Dabei hat Sorkin durchaus auch Sympathie für den Hacker von Harvard: «Ich kann nicht über eine Figur schreiben, für die ich nichts empfinde», sagt er. Ihm imponiert an Zuckerberg nicht nur, dass er ein Genie ist: «Mich hat auch seine Scheu berührt. Er hätte sich gut zu einem Irren entwickeln können, der von einem Dach herunter auf die Menschen schiesst. Stattdessen wurde er zum Erfinder. Ich stelle ihn dar, wie er ist, aber ich greife ihn deswegen nicht an; das wäre zu einfach.»

Aaron Sorkin kann nicht nur schreiben. Er weiss auch eine Gruppe von Leuten in eine komplexe Geschichte einzubinden, die nicht eine Wahrheit behauptet, sondern verschiedene Standpunkte einnimmt. Sein Vorbild für «The Social Network» sei «Rashomon» von Akira Kurosawa, sagt Sorkin. Das ist jener berühmte Film, in dem alle Beteiligten das gemeinsam Erlebte völlig anders nacherzählen.

Sein Drehbuch, sagt der Autor, erzähle «eine Geschichte von Freundschaft, Loyalität, Verrat, Eifersucht, Klasse und Macht, vor einem modernen Hintergrund zwar, aber mit den Elementen, die schon Aischylos oder Shakespeare inspiriert haben». Zugleich erzählt der Film seine Geschichte aus der widersprüchlichen Wahrnehmung der Konfliktparteien heraus: Zuckerberg und seine ehemaligen Freunde und Partner. Der Film beschreibt die Erfindung von Facebook und zeigt parallel dazu den Gerichtsprozess über seine Autorenschaft. Zuletzt wird klar, dass jeder auf seine Art recht hat.

Zeigen, was man nicht sieht

Am meisten interessiert sich Aaron Sorkin für das, was man sonst nicht sieht: Die Minuten vor dem Auftritt des Präsidenten in «The West Wing», die Schreibblockade des Satirikers am Tag der Sendung in «Studio 60». Was er als Nächstes vorhabe, fragt man ihn zuletzt. Die tägliche Arbeit einer Nachrichtenredaktion zu zeigen, sagt er – und ihr Versuch, in so wenig Zeit wie möglich so viel Wahrheit als möglich zu verbreiten. «Es mag clever sein, sich vor der Welt zu inszenieren: Aber es ist nicht aufrichtig.» Ein Satz wie aus einem Drehbuch.

«The Social Network» läuft ab Donnerstag in Zürich in den Kinos Abaton, Arena und Corso. Aaron Sorkins Serien und Filme sind auf DVD erhältlich.

Erstellt: 06.10.2010, 10:50 Uhr

Stückeschreiber und Produzent: Der New Yorker Aaron Sorkin, 1961 geboren, ist vor allem Drehbuchautor. Er hat drei Serien und fünf Filme verfasst und dafür viele Preise gewonnen. (jmb)

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