Schaulaufen für die Oscars

Das Filmfestival im kanadischen Toronto ist das zweitwichtigste der Welt. Es baut auf Premieren, ein Best-of-Filmprogramm – und zahlreiche freiwillige Helferinnen und Helfer. 

Das Filmfestival in Toronto ist hoch professionell organisiert – aber ohne die über 3000 Volunteers geht nichts. Foto: Mark Blich (Reuters)

Das Filmfestival in Toronto ist hoch professionell organisiert – aber ohne die über 3000 Volunteers geht nichts. Foto: Mark Blich (Reuters)

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Nicole Kidman war da, Julia Roberts auch und Lady Gaga sowieso. Doch bevor sie auf die Bühne gebeten wurden, gab es immer das gleiche Ritual: Der Moderator dankte dem Volk der Mississauga und noch zwei weiteren Indianerstämmen, auf deren Land das Filmfestival stattfindet. Darauf erklang jeweils der erste Applaus des Abends, obwohl kaum jemand dieser Ureinwohner im Premierenpublikum sass. Es wurde auch keiner zwischen all den glitzernden Hochhäusern im Entertainment-Bezirk gesichtet, wo die Filmvorführungen stattfinden.

Tradition und Moderne, darauf baut das Toronto International Film Festival. Das Tiff, 1976 gegründet, hat sich längst zum zweitwichtigsten Festival nach Cannes hochgearbeitet. Die zehntägige Veranstaltung bietet nach Berlin im Februar und Cannes im Mai den dritten Filmmarkt des Jahres. Aber es ist auch ein Publikumsfestival, wo im Dreiklang mit den fast gleichzeitig stattfindenden Veranstaltungen von Venedig und Telluride die Filme für die Oscars lanciert werden. Darum zögern Nicole Kidman und Co. keine Sekunde, nach der Vorführung jeweils noch einmal die Bühne zu betreten und geduldig Publikumsfragen zu beantworten.

Unkenntliche Nicole Kidman

Lady Gaga hat sich so mit dem bereits in Venedig gezeigten Remake «A Star Is Born» in Oscar-Position gebracht. Julia Roberts präsentierte mit «Ben Is Back» ein Drogendrama, in dem sie um ihren süchtigen Sohn kämpft. Und Nicole Kidman setzt im Polizeifilm «Destroyer» auf etwas, was bei den Oscars immer gut ankommt: Die Schöne ist als alkoholsüchtige Polizistin bis zur Unkenntlichkeit hinter ihrer Filmmaske versteckt.

Dieser Krimi der New Yorker Regisseurin Karyn Kusama war im «Platform»-Programm zu sehen, der einzigen Reihe, in der es in Toronto einen jurierten Preis zu gewinnen gibt. Sie ist dem anspruchsvollen Kino gewidmet, auch der Schweizer Film «Der Unschuldige» von Simon Jaquemet startete hier. Doch Preise stehen beim gestern zu Ende gegangenen Festival im Hintergrund. Gradmesser für das Oscar-Potenzial der Filme sind die Publikumsschlangen, die sich vor den Vorführungen jeweils um die Häuserblocks bilden. Alle Menschen warten geduldig, einer hinter dem andern. Gelenkt ­werden sie dabei von in orangen T-Shirts gekleideten Helfern, den sogenannten Volunteers.

Die über 3000 Freiwilligen sind das Herzstück der Organisation. Es gibt sie überall, sie sind freundlich und beflissen. Die Älteste ist bereits seit 1982 beim Festival, viele andere immerhin schon jahrelang. Und es gibt ein hartnäckiges Gerücht, dass einige davon in der Nacht Kuchen backen und an übermüdete Festivalteilnehmer verteilen.

Das tönt hemdsärmelig, aber man darf sich nicht täuschen ­lassen, das Tiff ist hoch professionell organisiert. 342 Filme wurden dieses Jahr gezeigt, 1450 Presseleute berichteten darüber in alle Welt. Und dass die Stars zu den Galas antraben, ist eine Selbstverständlichkeit. Ist dies für einmal nicht der Fall, wird das Team um den künstlerischen Leiter Cameron Bailey knallhart: Dieses Jahr wurde die Vorführung des Films «Galvestone» zwei Tage vor dem Festivalstart gestrichen, weil weder Regisseurin Mélanie Laurent noch die Darsteller verfügbar waren.

Nervige Fürsorge

Wichtige Premieren gab es trotzdem genug. Zu reden geben wird «Widows», der neue Film des Briten Steve McQueen, in dem vier Witwen einen Raubüberfall vollbringen, den ihre verstorbenen Männer geplant hatten. Herausragend ist auch «If Beale Street Could Talk», der neue Film des «Moonlight»-Oscar-Gewinners Barry Jenkins nach James Baldwin. Und die Französin ­Claire Denis sprengt mit ihrem Weltraumdrama «High Life» mit Robert Pattinson alle Grenzen des Genres.

Das Festival liess wenig Wünsche offen, und fehlte etwas, war bestimmt ein Volunteer da. So viel umsorgende Liebe kann allerdings auch nerven. «Ich habe einen Herzanfall», schnauzte ein US-Journalist eine Freiwillige an, als die sich nach seinem Befinden erkundigte. Sie mobilisierte sofort Hilfe – und verzeigte den Journalisten anschliessend, als dieser sagte, es sei nur ein Witz gewesen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2018, 21:30 Uhr

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