Porträt

Schläfrige Sexiness

Die Regisseurin Sofia Coppola ist wie ihre Filme: cool, schläfrig-schön und wortkarg.

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Berühmt zu sein, ist scheisse. Geld und Schönheit bringen auch nichts.

Das zumindest will uns Sofia Coppola in ihrem neusten Film «Somewhere», für den sie in Venedig den Goldenen Löwen gewann, weismachen. Die Frau muss es wissen. Wie ihre Hauptfigur, ein Hollywoodstar in einer Sinnkrise, bewegt sie sich in der erlauchten Kaste von prominenten Zeitgenossen. Ihr erster Mann war der gefeierte Videoclip-Regisseur Spike Jonze. Es folgten Quentin Tarantino und Phoenix-Sänger Thomas Mars, mit dem sie zwei Kinder hat.

Coppola, die zu jener Sorte von beneidenswerten Menschen gehört, die mit zunehmendem Alter attraktiver aussehen, wurde wortwörtlich in die künstliche Welt des Showbusiness hineingeboren. Bei ihrer Geburt war Vater Francis Ford mit der Kamera dabei. «Ich habe mir den Film mal angesehen», so die 39-Jährige in einem Interview. «Lustig fand ich, dass mein Vater vor Freude die Kamera fallen liess, als der Arzt sagte: ‹Es ist ein Mädchen!›» So schlimm kann der Schreck nicht gewesen sein; ein Jahr später verpasste Coppola seiner Tochter ihre erste Rolle – als Baby in «Der Pate».

Geheimnisvolle Worte

Als Teenager folgten weitere kleine Rollen. Dann kam der Auftrag, der für Coppola das Ende ihrer Schauspielkarriere bedeutete. Die damals 18-Jährige sollte die erkrankte Winona Ryder als weibliche Hauptdarstellerin im dritten «Paten» ersetzen. Offenbar an die Grenzen ihrer Schauspielkunst gebracht, lieferte Sofia eine farblose Leistung ab und wurde von der Presse mit Hohn überschüttet. Es folgten ein paar Jahre der Orientierungslosigkeit. Kunsthochschule, eigener Nachtclub, eigenes Modelabel (Milk Fed).

Lange dauerte es allerdings nicht bis das Filmgen der Coppolas (ihr Bruder Roman ist ebenfalls Regisseur, Cousin Nicolas Cage ist Schauspieler) sich wieder bemerkbar machte. Sie drehte einen Kurzfilm und lieferte mit «The Virgin Suicides» einen respektables Debut ab. Über Nacht berühmt wurde sie durch ihren Film «Lost In Translation» (2003) mit Bill Murray und Scarlett Johansson in den Hauptrollen. Die Schlussszene gehört zu den grossen Kinogeheimnissen: Murray flüstert Johansson etwas offenbar Bewegendes ins Ohr, ehe er sie küsst. Bis heute will Coppola nicht verraten, was die Worte waren.

Mit «Lost in Translation» liess Coppola zum ersten Mal erahnen, was auch ihre nächsten Filme ausmachen sollten. Geschichten über Erwachsene, die nicht gross werden wollen. Sei es Bill Murray als abgehalfterter Schauspieler, der in der Vergangenheit lebt. Oder Marie Antoinette, die sich in Versailles einer Dauerparty aus Pink und Pastell hingibt. Und nun der Hollywood-Beau, der erst durch die Begegnung mit seiner verlorenen Tochter aus einer spätpubertären Blase erwacht.

Existenzielle Müdigkeit

Kindsköpfe könnte man solche Figuren nennen. Vielleicht sind es auch einfach typische Vertreter von Coppolas Generation. Menschen, denen alle Möglichkeiten offenstehen, die es dennoch oder gerade deshalb nicht schaffen, ihren Platz im Leben zu finden. Ähnlich verwirrt erscheint Coppola in Interviews. Sie wirkt oft müde und leicht distanziert, als ob sie gerade an etwas anderes denkt, die Antworten sind unverbindlich.

Ist das der der traurige Alltag des Starkults, den Coppola in ihrem neusten Film den Zuschauer so genau empfinden lässt? Eine existenzielle Müdigkeit – auch wenn man das Leben noch vor sich hat? Falls ja, soll es uns recht sein – solange wir dabei in das schöne Gesicht der Sofia Coppola und ihrer noch schöneren Filme schauen dürfen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.11.2010, 11:01 Uhr

Film: Somewhere

Hollywood galt schon immer als Sündenbabel. Und dieser Ruf der Traumfabrik scheint auch heute noch durchaus begründet. Das Leben des Film- und Fernsehstars Johnny Marco (Stephen Dorff) jedenfalls bestätigt alle Vorurteile: Schnelle Autos vor der Tür, gefügige Girls in diversen Betten und immer mal ein paar bunte Pillen bestimmen das Leben des Mittdreissigers, der im Luxushotel Chateau Marmont am Sunset Boulevard residiert.

Sofia Coppola, Tochter des legendären Regisseurs und Produzenten Francis Ford Coppola, erzählt in ihrem neuen Spielfilm launig vom Leben Johnnys hinter der Fassade. Da bröckelt der Lack. Deutlich wird das, als plötzlich und unerwartet die elfjährige Tochter Cleo (Elle Fanning) Urlaub vom Leben bei der Mutter nimmt und sich bei dem verdutzten Papa einnistet.

Zur Katastrophe führt die Ausgangssituation nicht und ebenso wenig zur krachkomischen Klamotte. Sofia Coppola mag es bekanntlich leise. Wie schon in ihrem bisher erfolgreichsten Spielfilm, «Lost in Translation» (2003), für dessen Drehbuch sie den Oscar bekam, erzählt sie auch diesmal eher verhalten, oft melancholisch, stets mit augenzwinkernd-leisem Humor.

Somewhere, USA 2010, 98 Min., von Sofia Coppola, mit Stephen Dorff, Elle Fanning, Chris Pontius. Ab Donnerstag im Kino.

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