Analyse

Schlaflos in Florida

Harmony Korine («Kids») schickt in seinem neuen Film «Spring Breakers» ein paar Disney-Sternchen ins Partydelirium. Ein greller Fiebertraum zwischen Geilheit und Leere.

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In seinem letzten Film trieben sich gewaltbereite Alte auf Parkplätzen und Hinterhöfen herum. Sie rammelten mit Abfallcontainern, sie führten sich auch sonst wie eine Horde hormonell übersteuerter Teenager auf, und dabei lachten diese Greise so dreckig, als wären sie bei Beavis und Butthead zur Schule gegangen. Der Film hiess «Trash Humpers», er flimmerte und flackerte wie eine kaputte alte Videokassette und war überhaupt eine einzige Zumutung. Das Ganze fühlte sich an wie ein Trip durch den Unterleib der Nation: nicht der amerikanische Traum im Zerrspiegel, sondern eine amerikanische Darmspiegelung, gewissermassen. Da wurde ein obszöner Karneval des geriatrischen Vandalismus gefeiert, und unter den täuschend echten Greisenmasken steckte Regisseur Harmony Korine mit seinen Komplizen.

Jetzt stürzt sich Korine abermals in den Taumel einer kollektiven Enthemmung, aber das Personal in «Spring Breakers» schaut bedeutend frischer aus, trägt meist nur einen Bikini und manchmal noch weniger. Statt unter dementen Triebtätern sind wir bei einer entfesselten Spassjugend, und auch hier weiss man am Ende nicht so genau, ob das nun eine Komödie war oder ein Horrorfilm. Sicher ist nur das anhaltende Delirium zwischen Geilheit und Leere, das dieser Film erzeugt, wenn er in die ritualisierten Ausschweifungen der «Spring Breaks» eintaucht (siehe Zweittext).

Wer dabei eine beissende Satire oder gar die kritische Distanz einer soziologisch korrekten Analyse erwartet, sitzt bei Harmony Korine freilich im falschen Film. Schon als blutjunger Drehbuchautor von Larry Clarks «Kids» (1995) setzte er seine Studie einer verwahrlosten Jugend aus einer rückhaltlosen Innenschau zusammen. Protegiert von Werner Herzog, drehte er später Filme, die um den sozialen Auswurf der Erfolgsgesellschaft kreisten: lauter Randgestalten aus einem Amerika, das so kaputt war, dass ihnen nichts übrig blieb, als die Schönheit im Hässlichen zu suchen. Korine wurde gehasst und gefeiert dafür, und keiner seiner Filme hat bislang den Weg in die Schweizer Kinos gefunden.

Das ändert sich jetzt. Das Wunderkind von einst, inzwischen auch schon vierzig Jahre alt, probt mit «Spring Breakers» erstmals einen schamlosen Flirt mit dem Mainstream. Man sieht das vor allem an der Besetzung: Als Partymeute im Bikini dürfen sich hier drei unbescholtene Starlets austoben und sich so mit einem Hauch von Verruchtheit schminken. Die Püppchen heissen Selena Gomez (20), Ashley Benson (23) und Vanessa Hudgens (24), sie spielten bislang in pasteurisierten Disney-Filmen wie «High School Musical» und waren sonst vor allem dafür berühmt, dass sie mit Justin Bieber oder Zac Efron zusammen waren. Und die Vierte im Bund? Das ist Rachel Korine (26), die Ehefrau des Regisseurs, die schon mit Greisenmaske in «Trash Humpers» ihr Unwesen trieb.

Feiern, bis die Polizei kommt

Was Harmony Korine mit diesem Ensemble anstellt, ist ein einziger Rausch, unsäglich redundant und plakativ, aber dank der Kamera von Benoît Debie auch unverschämt hypnotisch – bis zum Showdown in fluoreszierenden Farben. Wer trotzdem einen Plot braucht, bitteschön: Vier Freundinnen träumen von einer Party ohne Ende, haben aber nicht genug Geld für einen ordentlichen Spring Break. Also ziehen sie sich böse Mützen übers hübsche Gesicht und überfallen ein Restaurant, bewaffnet mit nichts als einem Hammer und einer Wasserpistole («Tut einfach so, als wärs ein Videospiel oder ein Film»). Dann ab nach Florida, saufen und tanzen am Strand, möglichst immer im Bikini, bis die Polizei kommt.

Auftritt James Franco, der den Sternchen prompt die Schau stiehlt. Als präpotenter weisser Rapper kauft er die gegroundeten Freundinnen wieder frei, aber nicht allen ist er geheuer, dieser rettende Engel mit Silbergebiss. Die Bravste von ihnen fährt drum nach Hause, wo der Priester der Bibelgruppe zwar auch tätowiert ist wie ein Gangster, aber von Vergebung spricht statt von doppelter Penetration. Die anderen bleiben – und als ihnen der rappende Superkapitalist seine Trophäensammlung aus Turnschuhen, Schusswaffen und Baseballmützen präsentiert, nehmen sie die Sache mit dem Ballermann bald allzu wörtlich. Was von der Partymeute übrig bleibt, schreitet schliesslich zum bewaffneten Bandenkrieg. Und wie Harmony Korine hier den amerikanischen Waffenwahn mit einer Kitschballade von Britney Spears und dem Guerilla-Chic von Pussy Riot kreuzt: Das ist von grandios plakativer Dreistigkeit.

Blödheit und Transzendenz

Es gehe ihm, so Korine in einem Interview, um den Schnittpunkt zwischen Blödheit und Transzendenz. Das erklärt sehr schön, was an «Spring Breakers» so faszinierend ist und so ermüdend. Korine gönnt der enthemmten Jugend jede Unvernunft, als letztes Privileg vor ihrer endgültigen Eingliederung in die Gesellschaft. Man muss sich das vorstellen wie einen Film von Ulrich Seidl, gedreht von Oliver Stone: Das Partyvolk wird nicht denunziert, sondern gefeiert in einem frenetischen Bombardement von Oberflächenreizen, aufgepeitscht von der Musik von Skrillex. Es ist wie auf einer ethnografischen Geisterbahn durch die amerikanische Jugendkultur: Am Strand wackeln die Brüste und fliesst der Alkohol aus Schläuchen, dazu sinnieren die Mädchen in geliehenen Phrasen über das wahre Ich, das sie in der pausenlosen Party gefunden haben wollen.

Der amerikanische Traum vom Glück? Nur eine vulgäre Farce, und dieser Film ist der grellste Abgesang darauf, den man sich vorstellen kann. «Spring Breakers» ist ein fiebriger Tanz über dem Abgrund, auch wenn dieser Abgrund vielleicht nur der Rand eines Swimmingpools ist. Man müsste, sinniert eines der Mädchen einmal, das Glück mit einem einzigen Klick einfach einfrieren können. Faust trägt Bikini: Verweile doch, du bist so schön.

Aber eingefroren wäre es ja tot, das Glück.

Erstellt: 20.03.2013, 08:13 Uhr

«Spring Breakers»

Spring Break: Tanzen,Trinken, Sex

Wenn vom Spring Break die Rede ist, sind damit ursprünglich die einwöchigen Frühlingsferien an US-Colleges gemeint. Längst hat sich der Begriff jedoch zum Codewort für die rituellen Exzesse der Studenten gewandelt, die jeweils im Frühjahr zu Hunderttausenden in einschlägigen Destinationen einmarschieren – vor allem in Florida. Ziel dieser mehrtägigen Ausflüge: Tanzen und Trinken unter südlicher Sonne, Party bis zur Besinnungslosigkeit, sexuelle Kontakte inbegriffen, geschützt oder auch nicht.

Geboren wurde dieser entfesselte Partytourismus ironischerweise aus dem Geist der körperlichen Ertüchtigung. Als Wegbereiter gilt ein Schwimmtrainer, der 1936 mit seinem Studententeam nach Fort Lauderdale kam, um es in den Frühlingsferien fit zu halten. Die Stadt nahm die Idee dankbar auf, und bald verbrachten Hunderte von jungen Schwimmern die Frühlingsferien in Fort Lauderdale. Bereits 1959 berichtete die Zeitschrift «Time» erstmals über die Saufgelage der Spring Breakers, im Jahr darauf folgte mit «Where the Boys Are» der erste Hollywoodfilm zum Thema. Um 1985 pilgerten jährlich rund 370 000 Studenten für Partys nach Fort Lauderdale, was dem Ort den Spitznamen «Fort Liquordale» eintrug, nach dem amerikanischen Wort für Spirituosen.

Seither werden die Spring Breakers in grossem Stil als Zielgruppe bewirtschaftet. MTV ist seit 1986 mit Livesendungen vor Ort, Reiseveranstalter locken mit Pauschalangeboten, während die Universitäten ihren Studenten Safety-Kits mit Kondomen, Sonnencreme und Hinweisen zum Schutz vor sexuellen Übergriffen mitgeben. (flo)

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