Schnipp-schnapp, Arm ab

Oscar-Regisseur Danny Boyle hat die Geschichte des Mannes verfilmt, der sich bei einer Bergtour selber den Unterarm amputieren musste. Das Publikum mag den Film - wenn es denn nicht in Ohnmacht fällt.

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Der Fall erregte weltweit grosses Aufsehen: Der junge Bergsteiger Aron Ralston geriet bei einer Canyon-Tour unter einen Felsblock und musste sich, nachdem er Stunden vergebens auf Rettung gewartet hatte, sich selber den Arm absäbeln – mit einem Taschenmesser. Der englische Starregisseur Danny Boyle («Slumdog Millionaire») nahm Ralstons später erschienenen Tatsachenbericht als Vorlage für seinen Film «127 Stunden», der soeben bei ersten Filmfestival Premiere feierte. Doch der Film hat es in sich – wo er auch gezeigt wird, fallen die Zuschauer bei der Amputationsszene in Ohnmacht. Oder übergeben sich. Oder leiden nach dem Film unter Übelkeit.

Jeder Filmemacher wünscht sich starke Reaktionen des Publikums – dass sie allerdings so stark ausfallen könnten, damit hatte auch Boyle nicht gerechnet. Schauspieler James Franco, der Ralston spielt, kommentierte dazu: «Es handelt sich nicht um einen Horror-Film – wir wollten die Leute nicht absichtlich erschrecken und anekeln.» Dennoch muss sich die Produktionsfirma Fox Searchlight bereits sorgen, ob die Übelkeitsattacken nicht vielleicht ein breiteres Publikum davon abschrecken, sich den 20-Millionen-Film anzusehen.

Das Franco-Gliedmassen-Syndrom

Dass einzelne Zuschauer bei gewissen Filmszenen wegkippen ist ein nicht ganz neues Phänomen – bislang aber eher bei konventionellen Horror-Filmen wie «Der Exorzist» oder «Alien» zu beobachten, welche darauf angelegt sind, das Publikum mit explosiven Kotz-Szenen oder Kreaturen, die aus den Innereien eines Menschen schiessen, zu schockieren.

Doch bei Boyles Film liegt der Fall anders - es soll kein Horror-Film, sondern will ein Drama für ein anspruchsvolles Publikum sein. Kritiker in Los Angeles handeln den Film sogar bereits als Kandidaten für eine Oscar-Nominierung. Regisseur Boyle und Hauptdarsteller Franco nähmen das Publikum so für sich ein, dass man als Zuschauer gar nicht anders könne, als mitzufühlen, so berichtete eine Zuschauerin dem Magazin «Entertainment Weekly». «Wenn es dann zur Sache geht, beginnt man an einer Krankheit zu leiden, die ich als Franco-Gliedmassen-Syndrom bezeichnen würde», sagt sie weiter. Und Franco und Boyle sollten die Ohnmachtsanfälle ihres Publikums als Kompliment nehmen.

Beste Werbung?

Das «127 Stunden»-Team hat seine eigenen Erklärungen dafür, warum ihr Film für das Publikum so schwierig auszuhalten ist. Es liege wohl an Boyles Stil als Filmemacher, heisst es. Andere Regisseure hätten in der entscheidenden Szene vielleicht eher auf die Bemühungen der Rettungsmannschaft fokussiert. Boyle aber bleibt bei Ralston im Canyon. Die Absicht sei gewesen, das Publikum möglichst intensiv an Ralstons misslicher Lage teilhaben zu lassen, sagte Boyle selbst. Er habe gewollt, dass die Zuschauer so intensiv mitfiebern, als hinge ihr eigenes Leben davon ab. «Ich wollte, dass es ein möglichst subjektives Experiment wird», sagte Boyle.

Dass der Nimbus des Nicht-Auszuhaltens dem Film zusätzlich Publicity verschafft, ist klar. Denkbar ist auch, dass das Publikum den Film gerade deswegen auch sehen möchte. Doch denkbar ist auch, dass dies dem Film im Rennen um den Oscar schaden könnte. «Ich würde es vorziehen, wenn die Leute nicht in Ohnmacht fallen», sagt die Co-Präsidentin von Fox Searchlight zum Thema. «Wir sehen darin keinen speziellen Publicity-Wert.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.11.2010, 11:28 Uhr

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