Interview

«Schon früher war 80 Prozent Schrott»

Ist das Kino tot? Wie schauen wir in Zukunft Filme? Das neue Buch «Filmriss» untersucht den Zustand der Filmkunst.

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Herr Maurer, wie oft gehen Sie ins Kino?
Filme sehe ich mir täglich an. Allerdings ist Kino, wie ich es verstehe, zunehmend ein sozialer denn ein konkreter Ort: Das Kinoerlebnis muss nicht in einem Saal, sondern kann auch auf dem Sofa mit einer DVD oder einem heruntergeladenen Film stattfinden.

In Ihrem Buch behaupten Sie, dass das Kino tot ist.
Das Kino des 20. Jahrhunderts ist tot – die Vorstellung vom Kino als Gesellschaftsereignis, das öffentliche Debatten einnahm. Als Phänomen ist das Kino lebendig wie eh und je. Nur seine Gestalt hat sich verändert.

Ist das keine Herabwürdigung des Kinos?
Das ist doch keine Herabwürdigung: Bewegte Bilder bewegen mehr Menschen denn je. Vielmehr emanzipiert sich das Publikum. Und es nutzt die neuen digitalen Möglichkeiten.

Trotzdem trauern wir der guten alten Zeit nach, «als noch gute Filme gemacht wurden».
Das ist letztlich eine romantische Vorstellung, die oft aus Kindheits- und Jugenderlebnissen genährt wird. Die Realität sieht nicht so aus. Schon früher waren 80 Prozent von allem Schrott – nur gibt es heute mehr von allem.

Sie schreiben, dass das Kino früher die Hoch- und Niederkultur vereinte. Heute reisse es die Genres auseinander. Wie muss man das verstehen?
Es gab eine Zeit, in der alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten nebeneinander im Kino sassen, etwa in einem Hitchcock-Film. Das hat sich geändert. Heute haben wir auf der einen Seite die Arthouses und auf der anderen die Multiplexe. Die Budgets sind explodiert, das grosse Geld wird nicht in Gangsterfilme, Melodramen oder Komödien investiert, sondern in Fantasy- und Superheldenfilme. Solche richten sich aber in erster Linie an junge Männer. Im westlichen Mainstreamkino gibt es kaum mehr Genrefilme, die das ganze breite Publikum ansprechen. James Bond ist hier eine grosse Ausnahme.

Sie haben DVDs und Downloads angesprochen. Welche Filme sollte man trotz der neuen Distributionskanäle unbedingt im Kino schauen?
Natürlich sehe ich einen Film wie «2001: A Space Odyssey» lieber auf einer grossen Leinwand. Doch die Grenzen zwischen den Medien verschwimmen. Viele Filme werden ja längst bewusst für kleinere Bildschirme produziert. Und dank digitalen Restaurierungen kann man ironischerweise auf Blu-ray Titel wie «Metropolis» wiederentdecken – der originalen Filmfassung von 1927 so nah wie nie zuvor.

Was ist mit dem viel beschworenen Gemeinschaftsgefühl im Kinosaal?
Kürzlich hörte ich ein Gespräch zwischen drei jungen Frauen. Weil sie zu müde waren, um auszugehen, beschlossen sie, sich online einen Film anzusehen – allerdings nicht zusammen, sondern jede für sich, wohlgemerkt denselben Film. Danach wollten sie per Telefon den Film besprechen. Das zeigt, dass das Bedürfnis, sich über einen Film auszutauschen, ihn gemeinsam zu erleben, nach wie vor wichtig – und nicht nur im Saal möglich ist.

Was können die Kinobetreiber gegen die Publikumsabwanderung tun?
Sie stehen tatsächlich unter massivem wirtschaftlichem Druck. Als Schüler überlege ich mir zweimal, ob ich 20 Franken fürs Kino ausgebe oder mit Freunden zusammen eine DVD kaufe. Die Kinos ihrerseits müssen sich sehr genau überlegen, was ihr Mehrwert ist: die Grösse, das Ambiente, die Gastronomie? Das Zeitfenster zwischen Kinopremiere und DVD- bzw. Online-Release wird immer kleiner. Und vielleicht entwickelt sich das Kino so auch mehr zu einem «Cinema-on-Demand», bei dem das Publikum etwa vorab online sein Wunschprogramm zusammenstellen kann.

Hat der Kinosaal bald ausgedient?
Das glaube ich nicht. Der Reiz des Kinobesuchs liegt auch in der Mischung aus Öffentlichkeit und Intimität. Man sitzt im Dunkeln und lacht, weint oder erschrickt sich gemeinsam. Und selbst wenn! Alexander Kluge sagte einmal: «Kino ist älter als die Filmkunst. Auch wenn die Kinoprojektoren nicht mehr rattern, wird es immer etwas geben, das wie Kino funktioniert.»

Erstellt: 15.11.2012, 14:34 Uhr

Andreas Maurer: «Filmriss - Zehn grosse Irrtümer rund ums Kino des 21. Jahrhunderts». Edition Howeg, 2012. Am 27. November findet im Zürcher Filmpodium eine Diskussionsveranstaltung zum Buch statt.

Andreas Maurer ist der Autor von «Filmriss». Maurer war Filmredaktor bei der NZZ und arbeitet heute in der Kommunikationsbranche.

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