Schweigt Gott, oder hören wir ihn einfach nicht?

Im Spielfilm «The Tree of Life», ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes, versucht der amerikanische Regisseur Terrence Malick nicht weniger, als die Existenz Gottes zu beweisen.

Die kleine Welt der Familie: Wer bestimmt über das Glück und das Leid in der Keimzelle der Gesellschaft?

Die kleine Welt der Familie: Wer bestimmt über das Glück und das Leid in der Keimzelle der Gesellschaft? Bild: Ascot Elite

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In den Filmen von Terrence Malick, dem umschwärmten Einsamen des amerikanischen Kinos, geht es nie um weniger als um alles. Um Mensch und Natur und den Krieg der beiden gegeneinander und die Versöhnung der beiden miteinander. Um den Gott hinter oder in all dem. Um die Frage, ob es ihn überhaupt gibt und – gesetzt, es gibt ihn – warum er zulässt, was er zulässt. Warum er Kinder sterben lässt vor ihren Eltern. Und warum er nicht antwortet auf alles Fragen, Fluchen und Beten und neugierdelos verharrt in der stummen Gleichgültigkeit seiner Schöpfung. Oder ob die Menschen die Sprache seiner Fürsorge einfach nicht mehr verstehen vor lauter Gebetslärm, den sie selber machen.

Da sind wir bereits tief im religiösen Stimmungs- und Spannungsraum von Terrence Malicks neuem Spielfilm, «The Tree of Life», dessen Titel ja schon andeutet, dass hier Schöpfungsgeschichtsschreibung unternommen wird, gewissermassen von der Wurzel bis zum Blatt. Da hinein ist Malicks ganze Frömmigkeit gewebt, ein Nicht-ohne-Gott-sein-Wollen und die Angst, vielleicht ohne Gott sein zu müssen. Darin sind kleine Einzelmenschen und ihre kleine Bosheit und grosse Sehnsucht nach Güte verwoben mit dem gewaltigen Versuch, diesen Gott zu beweisen: in der Evolution, in Glut und Eis und Sternenstaub, in jedem Grashalm, gegen jede Vernunft und Erfahrung und gerade im Skandal, dass ein Kind stirbt.

Sarkastischer Gott

So ein Film ist das. Ein in eine fragmentierte Dramatik gepackter religionsphilosophischer Esssay; und eigentlich sind es zwei Filme, die sich ungemein rhythmisch durchdringen und trennen und dann wieder sozusagen im All-Eins finden, von dem Terrence Malick auch nur weiss, dass er nichts davon weiss.

Am Anfang von «The Tree of Life» steht ein Zitat aus dem Buch Hiob im Alten Testament, wo der Herr aus dem Wetter spricht und den Menschen geradezu sarkastisch in den Senkel stellt: «Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sag an, wenn du Bescheid weisst! Wer hat die Masse bestimmt ( . . . ), als die Morgensterne frohlockten und alle Gottessöhne jubelten?» Unter dieser Fuchtel der Allmacht müssen die Menschen in «The Tree of Life» sich ducken. Es herrscht eine fromme Düsternis am Anfang einer Suche nach der Helligkeit der Erlösung und des Paradieses.Alles beginnt mit der Nachricht von einem Tod. Ein 19-Jähriger ist gestorben, ein sanfter Junge, wie man erfahren wird, und er hat es nicht verdient, wie man so schön und trostlos sagt. Die Mutter (Jessica Chastain), die ihm die Sanftheit beigebracht hat, möchte ihm schuldbewusst nachsterben. Der Vater (Brad Pitt) kapselt sich ein ins quälende Gefühl, er habe dem Jungen mit zu viel Härte einen eigennützigen Glauben abverlangt, der sich ans Naturrecht des Stärkeren hielt. Der ältere Bruder (Sean Penn) – lange nach dem Tod des jüngeren, aber filmzeitlich parallel – gleitet hinein in die Erinnerung an die Kindheit und den Streit der väterlichen und mütterlichen Prinzipien in sich. Seine Erinnerung produziert nun plötzlich Bilder vor der Zeit der eigenen Geburt, und es spült ihn in einen kosmologischen Wirbel . . . denn hier lässt sich auch Terrence Malick von der Exposition in den ersten Film und ins Kosmische treiben. Er fährt bildgewaltig in die Lichterschlieren eines – eben geschaffenen? – Alls und in die Glutmasse der entstehenden Erde; und die Gluten erkalten, Amöben teilen sich, aus dem Wasser kriecht Leben ans Land, und offenbar hat schon damals der stärkere Saurier dem sanfteren den Schädel eingetreten.

Visuelles Strömen

Es sind wunderbare, kaleidoskopartige Bildflüsse. Das Kino entwickelt da eine predigende Überzeugungskraft. Noch überzeugender wärs wahrscheinlich, wenn nicht in dieses visuelle Strömen immer wieder Menschenstimmen aus dem Off schwer gefühlsinnig nach Gott riefen und sicher wären, dass es ihn gibt, obwohl er schweigt, und dass es – die Stimmen sagen es nicht, aber man versteht es so – bestimmt seine göttliche Logik habe mit dem Kometen, der die Saurier vernichtete und die Menschwerdung ermöglichte. Denn das ist im elliptischen dramaturgischen Fliessen von «The Tree of Life» der Beginn von Malicks zweitem Film.

Er handelt von der menschlichen Geburt, von texanischer Kleinstadt, von Erziehung und Regen und Sonnenschein und auch vom göttlichen Geist im Schmetterling. Eine Zeit lang legt sich noch schöpfungsschwer die Metaphorik des «ersten» Films auf den zweiten (so, dass einer Geburt gleich der Begriff «Wunder» quasi innewohnt; und Sean Penn geht oft fürchterlich zerfurcht durch eine Gegenwart, in der Vogelschwärme um Hochhäuser schwirren, als wären es die unerlösten Seelen von Toten). Jedoch ist es ganz erstaunlich, wie Malick dann die Metaphysik zurücknimmt in die zart und scharf beobachteten Szenen eines realistischen Dramas.Es erzählt von einem Vater, der sich – liebend – an einem Sohn rächt für die eigene Erfolglosigkeit. Vom Hass eines Kindes, der auch eine dunkle Art von Liebe ist. Von der Dynamik einer spielerischen Aggression, in der Kinder lebende Frösche sprengen – und dabei ist es durchaus unsicher, ob sich darin jene Spiele spiegeln, die Gott vielleicht mit den Menschen treibt. Die Atmosphäre einer religiösen Unsicherheit ist das Beste an diesem religiösen Film.

Hang zur Spiritualität

Aber Terrence Malick hat sie nicht ausgehalten, scheints, denn am Ende holt die Glaubenssicherheit «The Tree of Life» fliessend wieder ein. Sean Penn muss durch eine Tür ins Jenseits, und das ist schreckliches Kino. Terrence Malick ist gewiss ein kühner Filmautor, einer mit dem Mut zu den grössten Fragen und zum angemessenen Pathos einer Antwort. Seine Schwäche ist nur ein Hang zur spirituellen Sentimentalität. Das war schon so in seinem letzten Film, «The New World» (2005), in dem die Indianerprinzessin Pocahontas Sonnengesänge sang. Jetzt beschwört er noch dezidierter und furchtbarer ein edelkitschiges Paradies von weltseelenvoller Freundlichkeit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2011, 08:17 Uhr

Die grosse Welt des Alls: Ist die Erde ein evolutionärer Zufall oder die Schöpfung eines Allmächtigen? (Bild: Ascot Elite)

Der Film

The Tree of Life (USA 2011). 138 Minuten. Regie: Terrence Malick. Mit Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain. In der Deutschschweiz startet der Film am 26.5.

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