Filmkritik

Schweizer Sklavenbuben

Oscarpreisträger Xavier Koller verfilmte den Jugendbuchklassiker «Die schwarzen Brüder». Im Zeitalter von Harry Potter und Pixar hat der Film einen schweren Stand.

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Man wolle, sagte die Moderatorin gestern, Jugendfilme fernab vom Mainstream zeigen. Es ist ein löbliches Unterfangen, das sich das Zurich Film Festival vorgenommen hat – Jugendliche nicht nur zu unterhalten, sondern zum Nachdenken zu bringen. Und überhaupt: Wieso sollte der Nachwuchs an einem Festival ausgeschlossen werden? Ähnliche Reihen gibt es an anderen Filmfestivals denn auch schon länger.

Mit «Die schwarzen Brüder» wurde nun das Filetstück des Programms gezeigt. Die Buchvorlage ist ein Primarschulklassiker, die Frage vor der Weltpremiere lautete aber, ob der Stoff auch als Film funktioniert. Zwar wurde der Roman bereits früher verfilmt, im Zeitalter Harry Potters und der rasanten Pixar-Abenteuer liegt die Messlatte für intelligente und packende Jugendunterhaltung aber höher.

Nun ist ein packender Film nichts anderes als die Aneinanderreihung von Konflikten, und einen solchen bietet der Film gleich zu Beginn. Als die Frau des Tessiner Bergbauern Luca verunfallt, muss er sich entscheiden. Entweder er lässt sie sterben – oder er verkauft, um sich Medizin leisten zu können, seinen Sohn Giorgio als Kaminfegerjungen. So landet Giorgio im Jahr 1850 in Mailand, wo er zusammen mit anderen Jungen ein sklavenähnliches Dasein fristet.

Halb tot über Mailand

Die Produktion beruht auf dem Roman der Schweizer Autorin Lisa Tetzner respektive ihres deutschen Gatten Kurt Held: Aus Angst vor Nazi-Deutschland belegte die Schweiz den jüdischen Kommunisten im Exil mit einem Schreibverbot. Also veröffentlichte der spätere «Rote Zora»-Autor die Geschichte 1941 unter dem Namen seiner Frau. Regie geführt hat Xavier Koller, der vor 20 Jahren mit «Reise der Hoffnung» einen Oscar gewann. Darin erzählte er die Geschichte einer alevitischen Familie, die in Mailand von Schleppern über die Alpen in die Schweiz geschleust wurde. Dass «Die schwarzen Brüder» quasi die Umkehrung jener Geschichte ist, dürfte dem Zielpublikum entgehen.

Was Tetzners Buch ausmacht, das sind die starken Bilder. Etwa wie Giorgio auf dem Boot des Menschenhändlers Luini (Moritz Bleibtreu) Schiffbruch erleidet und seine Kameraden verliert. Und natürlich, wie er verrusste Kamine fegt, die Schächte hochklettert und, endlich oben angekommen, halb tot nach Luft japst – unter ihm das Dächermeer Mailands.

Wie «Silas»

Einige dieser Kulissen gibt der Film gekonnt wieder, aber leider kopiert er auch die Langatmigkeit des Romans. Trotz dramaturgischer Anpassungen dauert es immer noch lange, bis die Schwarzen Brüder in Mailands Untergrund zueinander finden. Auch führt der Film unzählige Figuren ein, ohne sich die Zeit zu nehmen, sie einem näher zu bringen. Gerade die erwachsenen Schauspieler wirken wie verkleidete Kindergeburtstagsanimatoren, sie bleiben einem fremd oder sogar egal. Bei einem Film, in dem es um Leben und Tod geht, ist das suboptimal.

Moderne Kinderfilme, hört man immer wieder, überfordern die jungen Zuschauer mit Handlung und Tempo, weil sie auch Erwachsene ansprechen wollen. Zugegeben, Kinder müssen bei den «Schwarzen Brüdern» nicht gleich heulend aus dem Kino strömen. Aber entweder man nutzt das dramatische Potenzial der Vorlage – oder betont die spannenden Elemente. Dieser Film macht weder das eine noch das andere und erinnert in seiner Harmlosigkeit an TV-Produktionen aus den 80ern wie «Silas» oder «Jack Holborn». Das kann man auch als Kompliment verstehen. Aber eine Neuinterpreation, gerade bei einem derart klassischen Stoff, wäre auch reizvoll gewesen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.09.2013, 10:09 Uhr

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