Hintergrund

Seins oder nicht seins?

Sex, Inzucht, Action: Hollywood-Regisseur Roland Emmerich hat sich Shakespeare vorgenommen. Das wirklich Schockierende: Sein Film ist gar nicht übel.

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Vor 4oo Jahren schrieb Shakespeare seine Stücke, vor 150 Jahren wurden erstmals Zweifel laut, ob er sie selber verfasst hat. War es wirklich ein einzelner genialer Geist, der die grössten Dramen unserer Kulturgeschichte erdacht und aufgeschrieben hat? Oder waren es mehrere? Auch Christopher Marlowe, Francis Bacon und Königin Elizabeth werden seither als «wahre» Shakespeares ins Gespräch gebracht.

Die gescheitesten Köpfe der Welt, darunter Nietzsche oder Freud, stritten sich über die Autorschaft – und heute hat die Debatte auch Zürich erreicht. Im Kino Corso stellte Roland Emmerich seinen Film «Anonymous» vor, der die Shakespeare-Frage zum Thema hat. Danach stand er der Literaturprofessorin Elizabeth Bronfen, die ihre Anglistik-Studenten mitgebracht hatte, Red und Antwort.

Nun geht, wenn Roland Emmerich im Regiestuhl sitzt, für gewöhnlich die Welt unter. Mal durch Alienangriff («Independence Day») oder Umweltkatastrophe («The Day after Tomorrow»), mal, weil es der Mayakalender so will («2012»). Immer aber mit lautem Getöse und atemberaubenden Special Effects. Spannung, was einen mit «Anonymous» erwarte, war also durchaus angebracht. Zumal im Vorfeld von einem wissenschaftlich fundierten Historiendrama die Rede war – was Literaturwissenschaftler schon mal aufheulen liess.

Saftige Verschwörungstheorie

Der fertige Film dürfte sie erst recht zum Toben bringen. Zum einen stützt er sich auf die wacklige Theorie der sogenannten «Antistratfordianer»; der Dichter der shakespeareschen Werke könne kein einfacher Mann aus der Provinz gewesen sein – weil nur ein Adliger über die nötige Bildung verfügt habe, solche Werke zu schreiben. Vor allem aber macht Emmerich, was er auch in seinen Hollywood-Blockbustern tut: Er zimmert sich eine saftige Verschwörungstheorie zusammen. In seinem Film steckt Edward de Vere, der Earl von Oxford, hinter Shakespeare. Und das ist nicht alles: De Vere soll der geheime Sohn von Elizabeth I. (Englands Virgin Queen!) gewesen sein – mit der er später ein inzestuöses Verhältnis hatte und einen Sohn zeugte.

Das ist natürlich historischer Humbug – und Emmerich weiss es. Im anschliessenden Podiumsgespräch ging weder er noch Bronfen auf die Frage der Autorschaft ein. Stattdessen gab er zum Vergnügen des Publikums unverblümt zu, seinen Drehbuchautor «mit viel Wein auf den richtigen Weg» gebracht zu haben. Weiter verglich er seine Blockbuster-Filme keck mit Shakespeares Stoffen. Beide seien unterhaltsame Vehikel, um eine unbequeme politische Botschaft zu portieren.

Ob das für einen Katastrophenfilm wie «The Day after Tomorrow» tatsächlich gilt, wie Emmerich behauptete, sei hier dahingestellt. Sicher ist, dass dem Deutschen mit «Anonymous» etwas gelungen ist, das ähnlich raffiniert ist: die Verbindung zwischen Kunst und Politik aufzuzeigen. Königin Elizabeth etwa ist hier ein glühender Theaterfan, was ihrem Berater, dem Realpolitiker Cecil, ein Dorn im Auge ist. Denn im Theater, diesem Ort der Worte, der vor allem vom Mob besucht wird, liegt revolutionäres Potenzial.

Fest für die Augen

Ob solche Details dem Zuschauer vertraut sind, ist natürlich eine andere Frage. Trotzdem dürfte der Film gefallen. «Anonymous» ist zwar revisionistisch und arg verschachtelt erzählt, aber auch originell und witzig. So wird Shakespeare als Trunkenbold gezeigt, der des Schreibens nicht mächtig ist und durch einen Zufall zum berühmtesten Schriftsteller aller Zeiten wird. Und natürlich erwartet einen ein Fest für die Augen. Während der Regisseur mit seinen hervorragenden Darstellern in kunstvollen Holzkulissen drehte, entstanden in den Computern Trickbilder des alten London von Blockbuster-Qualität.

«Anonymous» ist, wenn man so will, ein Artverwandter von «Shakespeare in Love». Beide Filme tun, was Shakespeare selbst so meisterhaft verstand: Sie nehmen ein paar verbürgte Fakten und schaffen daraus etwas Neues. Das erinnert bei «Anonymous» mal an «Gute Zeiten, schlechte Zeiten», mal an eine griechische Tragödie. Dass dabei die Autorschaft einem adligen Inzüchtler zugeschrieben wird, mag renommierte Shakespeare-Forscher erzürnen. Den jungen Anglisten im Kino Corso schien es zu gefallen. Vor allem jene Szene, in der Elizabeth nach dem Beischlaf Edward de Vere fortjagen will – doch dieser schmiedet einen seiner Verse und liegt alsbald wieder im königlichen Bett. Das ist dann wohl die wahre Macht der Worte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2011, 15:09 Uhr

Trailer

Film

«Anonymous» mit Vanessa Redgrave, Rhys Ifans, Joely Richardson,Regie:Roland Emmerich. Ab 10.11. 2012 im Kino.

Roland Emmerich mit Elizabeth Bronfen im Zürcher Kino Corso.

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