Selfie-Verbot an Cannes' Eröffnungsabend

So viel Glamour und Tamtam gibts nur in Cannes. Doch verkennt das Filmfestival die Zeichen der Zeit?

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Dass Diktaturen an ihr Ende kommen, erkennt man daran, dass sie beginnen, bestimmte Verhaltensweisen ausdrücklich zu verbieten. Offenbar gilt die Regel auch für die glamouröse Institution von Cannes: Zur 71. Ausgabe hat der künstlerische Direktor Thierry Frémaux ein Selfie-Verbot auf dem roten Teppich erlassen. Fotografen hat es dort ja schon ­genug, und das zusätzliche Handy-­Geknipse macht einfach keine Falle am Gala-Abend. Wer gegen das Gesetz verstösst, wird nicht zur Vorführung zugelassen, so steht es klein auf dem Flyer.

Vielleicht gehört die Zukunft ja auch nur deswegen den Streaminganbietern, weil sie niemandem die Cremetuben und Thermoskannen verbieten. Netflix etwa zeigt dieses Jahr keine eigenen Filme am Festival, weil das französische Kultur­gesetz weiterhin aufs Primat der Kinovor­führung pocht, Netflix dagegen aufs Sofortangebot für die eigenen Abonnenten. Es ist ein Stellvertreterkrieg um die Zukunft des Filmeschauens, und Cannes wird irgendwann verlieren. Bis das passiert, wird hier aber noch kulturchauvinistisch regiert, geregelt, untersagt.

Grosszügiger Sarkasmus

Andererseits hat es Netflix ja auch noch nie hingekriegt, dass plötzlich ein Cannes-ähnlicher Rummel losgebrochen wäre, nur weil der Dienst auf seiner Plattform eine neue Eigenproduktion aufgeschaltet hat. Frémaux weiss das natürlich, weshalb er jedes Jahr stärker betont, wie bedeutsam heute doch das analoge Gemeinschaftserlebnis Kino sei – dabei könnten die Vorstellungen in Cannes exklusiver kaum sein. Aber darum gehts ihm zuallererst; den rund 4000 Journalisten hat er ab diesem Jahr sogar die Vormittags-Pressevorführungen gestrichen, damit keine bösen Tweets die Gala-Anlässe am Abend trüben. In vorauseilender Beschwichtigung ging ein Mail an alle Kritiker, in dem Sätze standen wie dieser: «Zuallererst: Wir wissen, dass die meisten von Ihnen während zwei Wochen durcharbeiten.»

Video: Glamour auf dem roten Teppich

Cannes feiert Eröffnung und die Welt schaut hin.

Mit solch grosszügigem Sarkasmus im Ohr stellt man sich viel zu früh für den Eröffnungsfilm an, wo trotz geändertem Regime nicht mal Gedränge herrschte, sondern viel eher lockere Stimmung: Cannes geht wieder los! Und erst noch mit Asghar Farhadi, dem Regisseur und begnadeten Drehbuchschreiber aus dem Iran, der mit «A Separation» den Goldenen Bären der Berlinale gewann und mit «The Salesman» einen Oscar.

Ein Film wie eine Edel-Telenovela

«Todos lo saben» hat er nun in der Fremdsprache Spanisch gedreht: Laura (Pénelope Cruz) und Paco (Javier Bardem) waren einmal ein Liebespaar, nun haben beide längst neue Beziehungen und Laura hat zwei Kinder. Sie treffen sich alle in einem spanischen Dörfchen zu einer Hochzeit, und mitten in der Feier wird Lauras Tochter entführt.

Ein bisschen ein sehr lautstarker Katalysator für den Thriller-Reigen, den Farhadi darauf folgen lässt. Es geht um alte Vorwürfe und schlimme Verdächtigungen; um die Frage, wer in wessen Schuld steht und auf welche Art alle irgendwie Schuld tragen. Lags an der Sprache oder an der gefühlsmässigen Betriebsamkeit? Am Ende kams einem vor wie eine Edel-Telenovela. Halt etwas, was es so nur im Kino gibt.

Bilder: Cannes macht sich bereit

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2018, 12:25 Uhr

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