Sex, Lügen und kein Video

Nicht nur Schauspielerinnen haben aus Angst vor Harvey Weinsteins Macht und Einfluss geschwiegen, sondern auch Journalisten. So etwas passiert immer wieder.

Der Mann, der Frauen missbrauchte: Hollywood-Produzent Harvey Weinstein. Foto: Al Powers (AP, Keystone)

Der Mann, der Frauen missbrauchte: Hollywood-Produzent Harvey Weinstein. Foto: Al Powers (AP, Keystone)

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Und jetzt gehen sie alle auf ihn los. Seit die «New York Times» vor zwei Wochen ihre Vorwürfe an den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein veröffentlicht hat, wonach er Schauspielerinnen sexuell belästigt, ausgebeutet und sich ihr Schweigen mit der Drohung gesichert hatte, andernfalls ihre Karriere zu beenden, steigert sich die mediale Empörung von der Fassungslosigkeit über die Wut zu einem moralisierenden Gospelchor.

Das Medienrudel

Massenmedien tendieren bei Skandalen dazu, im Rudel einem Leitwolf nachzuhetzen. Dabei handelt es sich jeweils um jenen Journalisten oder jene Journalistin, manchmal sind es auch mehrere, die einen Skandal als Erste publiziert haben. Und dabei so sorgfältig vorgegangen sind, dass sie und ihre Nacherzähler keine Klage zu befürchten haben: weil es halt stimmt, was sie sagen.

Zum medialen Nachtreten gehört die Story nach der Story zu den Hintergründen der Story. Also mediale Fragen wie: Wieso haben die Medien so lange geschwiegen? Wusste die Branche nicht seit Jahrzenten, wie systematisch Weinstein Frauen sexuell missbrauchte? Wie war es möglich, dass ein so kriminelles Verhalten inmitten der Klatschmaschine Hollywood verheimlicht werden konnte? Und der sich daraus ergebende Verdacht ist ebenso erschreckend: Wenn sich Weinstein mit seinem Verhalten so sicher fühlen könnte, stimmt das auch für andere? Für wen, für wie viele? Wie mächtig sind sie, wie weit sind sie gegangen?

Klar ist: Harvey Weinstein, «die 120-Ki­lo­gramm-Ego­ma­schi­ne», wie der «Spiegel» ihn nennt, konnte sich sicher fühlen, weil er seinen Einfluss schon lange auf die Medien ausgeweitet hatte. Weil er eine Macht besass, deren Grösse sich nicht nur durch sein Vermögen, sondern durch seine Beziehungen definierte. Macht besteht auch darin, die Karriere anderer vernichten zu können.

Konkret wurde letzte Woche bekannt, der Fernsehsender NBC habe eine Recherche von Ronan Farrow über Weinsteins Verhalten unterdrückt. Farrow sagte einem anderen Sender, er sei zum Schluss gekommen, NBC sei von Weinstein und seinen Leuten bedroht worden. Und habe darum geschwiegen.

Der Sender wies die Vorwürfe umgehend zurück. Wie er das schon vor einem Jahr getan hatte, als ihm vorgehalten wurde, er habe das sexualprahlerische Video von Donald Trump zurückgehalten. Dass Medienleute von Weinstein und seinem Umfeld bezahlt, bedroht und sogar diffamiert wurden, schreiben allerdings auch andere Medien. Sex, Lügen und kein Video.

Die rechte Heuchelei

Zur Heuchelei der amerikanischen Medien gesellt sich die Heuchelei der amerikanischen Rechten: Mehrere Republikaner und ihre Megafone attackieren seit Tagen die Demokratische Partei, die seit Jahrzehnten von Weinstein unterstützt wurde. Hillary Clinton, Barack Obama und all die anderen müssten jetzt ihre Wahlkampfspenden zurückzahlen, verlangen sie und beklagen das Schweigen der liberalen Medien über den liberalen Produzenten. Sie beben vor Empörung.

Dazu ist erstens zu sagen, dass es ausgerechnet die «New York Times» war, die bekannteste liberale Zeitung der Welt, die Weinstein mit ihrer Recherche zu Fall brachte. Dass zweitens eine Partei, deren amtierender Präsident sich für seine sexuellen Attacken noch brüstete, mit ihren Vorwürfen wenig glaubwürdig klingt, zumal es drittens noch andere prominente Rechte gibt, denen Ähnliches vorgeworfen wird wie Weinstein. Dazu gehören Roger Ailes und Bill O’Reilly, der ehemalige Chef und der ehemalige Chefkommentator des konservativen TV-Senders Fox. Immerhin mussten auch sie gehen.

Trotzdem wirft diese Häufung von Missbrauch und Schweigen eine Frage auf: Warum wiederholt sich dieses Muster? Als Missbrauchsvorwürfe gegen Männer wie den französischen Sozialisten Dominique Strauss-Kahn oder den amerikanischen Schauspieler Bill Cosby bekannt wurden: Verlief die mediale Empörungswelle nicht genau gleich und mit derselben Verspätung? Als vom englischen Moderator und gefeierten Wohltäter Jimmy Savile ein Jahr nach seinem Tod bekannt wurde, dass er über 400 Kinder missbraucht oder sogar vergewaltigt hatte, obwohl die BBC und andere Medienleute davon wussten: Warum war ein solcher Mann nicht viel früher enttarnt worden?

Macht macht still.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2017, 21:13 Uhr

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