Sherlock Holmes lebt weiter

Der exzentrische Detektiv bleibt unsterblich, solange er sich selber sein darf – erst recht vor der Kamera, wie der Vergleich zwischen dem neuen Film von Guy Ritchie und einer brillanten BBC-Serie zeigt.

Ungleiche Freunde: Robert Downey Jr. (Holmes) und Jude Law (Watson) in «A Game of Shadows».

Ungleiche Freunde: Robert Downey Jr. (Holmes) und Jude Law (Watson) in «A Game of Shadows».

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«Killed Holmes», notierte der Mörder in sein Tagebuch. Er hatte Sherlock Holmes nach Meiringen im Berner Oberland gelockt. Dort brachte er ihn bei seinem letzten Fall zu Fall. Stürzte ihn die Reichenbach-Fälle hinunter zu einem tosenden Ende. Und wie so oft stand der Mörder dem Ermordeten sehr nahe, kannte ihn wie kein anderer. Denn er hatte ihn erfunden.

Arthur Conan Doyle wollte 1893 Schluss machen mit seiner Figur, weil sie seinen Geist, wie er behauptete, von besseren Dingen abhielt. Dazu gehörte alles, was der schreibende Arzt sonst noch machte, und das war eine Menge. Doyle bereiste die Arktis und Westafrika, arbeitete als Militärarzt und Kriegsberichterstatter, drängte in die Politik, interessierte sich für Kriegstechnik, schrieb Dutzende von historischen und fantastischen Romanen, betrieb Cricket und Boxen und verschrieb sich dem Spiritismus.

Menschen als Fälle

Seine berühmteste Figur entwickelte er zum Gegenteil seiner selbst. Doyle war korpulent und lebensfroh, Holmes ein hagerer Asket, hochintelligent und exzentrisch über das normale britische Mass hinaus. Doyle liebte die Frauen, Holmes misstraute ihnen. Doyle setzte sich für andere Menschen ein, Holmes war nur an Fällen interessiert. Doyle war ein konservativer Patriot, Holmes ein Ermittler ausserhalb der Norm, der Geige spielte, wenn er denken wollte, und Kokain spritzte, wenn er sich langweilte.

Doyle nannte ihn Sherlock, in Anlehnung an Shylock, Shakespeares ausgestossenen Juden im «Kaufmann von Venedig». Er machte ihn zum Bohemien wie Oscar Wilde. Und er liess ihn die induktive Methode der Spurensuche anwenden, die Doyle bei Joseph Bell erlebt hatte, seinem Medizinprofessor, der aus den kleinsten Details die Herkunft seiner Patienten erschliessen konnte.

Doyle tötete Holmes, musste ihn aber sieben Jahre später reanimieren; der öffentliche Druck war zu gross geworden. Widerwillig, aber erfolgreich schickte er ihn und seinen Freund Dr. Watson durch weitere viktorianische Abenteuer. Arthur Conan Doyle starb 1930, Sherlock Holmes lebt bis heute weiter, in immer neuen Rollen und Masken, als Inspiration, Parodie oder Zitat. Zahllose Bücher lassen ihn immer weiter ermitteln. Der amerikanische Drehbuchautor Nicholas Meyer zum Beispiel brachte den Detektiv mit Freud, Wilde und Bernard Shaw zusammen, der britische Krimiautor Anthony Horowitz hat vor kurzem ein neues, viel beachtetes Abenteuer aus dem viktorianischen London ersonnen.

Unsterblich wurde der Detektiv erst vor der Kamera. 75 Schauspieler haben Sherlock Holmes in 211 Filmen dargestellt, hat das «Guinnessbuch der Rekorde» einmal ausgerechnet, Fernsehserien und Theaterstücke nicht mitgezählt. In den letzten beiden Jahren sind zwei weitere Interpretationen dazugekommen, die jetzt ihre Fortsetzung finden: «Sherlock Holmes – A Game of Shadows», die neue angloamerikanische Grossproduktion von Guy Ritchie mit Robert Downey Jr. und Jude Law, die diese Woche anläuft. Und die zweite Staffel der BBC-Serie «Sherlock» mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman unter wechselnden Regisseuren, die ab dem 1. Januar ausgestrahlt wird.

Aus dem Direktvergleich wird klar: Sherlock Holmes lebt weiter, solange er sich selber bleibt. Ein kühler Profiler mit undurchsichtigen Zügen, der die Verbrecher deshalb überführt, weil er ihnen so sehr gleicht. Und er verkommt zur Parodie, wenn er als komische Figur, gut gelaunt und schlecht rasiert, durch viktorianische Kulissen rennt. Anders gesagt: Die neue BBC-Serie wird Holmes brillant gerecht, obwohl sie ihn verjüngt, ins 21. Jahrhundert versetzt und mit Handy, GPS und Website ausstaffiert. Im Gegenzug degradiert Guy Ritchie den Detektiv zu einem Abenteuerhelden, der Holmes heisst, aber keiner ist.

Wie schon im ersten, ebenfalls von Ritchie gedrehten Teil gibt Downey Jr. den Detektiv als Pointenjäger, der seine Abenteuer mit Grimassen, Sprüchen und assortierten Kampfsportarten absolviert. Holmes muss bei Ritchie nichts weniger verhindern als einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland, mit dem der Waffenhändler James Moriarty sein Geschäft befeuern möchte. Dennoch kommt der Film nie über die Harmlosigkeit seiner guten Laune hinaus.

«Ich bin ein Soziopath»

Bei «Sherlock» vergisst man alle anderen Darsteller in dem Moment, in dem Benedict Cumberbatch zum ersten Mal als Sherlock Holmes ins Bild kommt: ein hagerer, bleicher Mittdreissiger, der alle Blicke auf sich zieht und kaum erwidert. Er wirkt verschroben, gibt sich arrogant und reagiert sarkastisch. «Seien Sie ruhig», herrscht er den Inspektor Lestrade an, der ihn zur ersten Leiche führt. Er habe gar nichts gesagt, gibt der zurück. «Sie haben gedacht. Das nervt.» Die Polizisten nennen diesen Holmes «den Freak» und halten ihn für einen Psychopathen. Er bleibt unbeeindruckt: «Ich bin kein Psychopath, recherchieren Sie gefälligst: Ich bin ein hochgradig funktionierender Soziopath.» Mit seinem Spiel erinnert Cumberbatch an Hugh Laurie, der in «Doctor House» in der medizinischen Variante des Ermittlers brilliert – ein Sherlock mit Skalpell.

Mark Gatiss und Steven Moffat, die Drehbuchautoren von «Sherlock», wollten «den viktorianischen Nebel» von Doyles Geschichten lichten. In schnell geschnittenen, perfekt ausgeleuchteten Szenen zeigen sie das pulsierende London der Hochfinanz, die Lichter der Grossstadt, das Design der Moderne, in dem Holmes seine verwinkelten Fälle löst. Weil aber Brillanz unweigerlich zur Einsamkeit führt, braucht der Detektiv einen Freund, der alles hat, was ihm fehlt. Er findet ihn in John Watson, dem ausrangierten, in Afghanistan traumatisierten Militärarzt, der mit Holmes an der Baker Street 221B Quartier bezieht. Aus Watson und Holmes macht die Serie John und Sherlock: Freunde ohne Förmlichkeit, ungleich, aber unzertrennlich.

Nicht der Mord macht den Kriminalroman aus, hat Arthur Conan Doyle gezeigt, sondern die kommentierten Resultate der Spurensuche. Nicht der Schuldige interessiert, der am Schluss abgeführt wird, sondern die Zerlegung des Verbrechens mit den Mitteln der Sprache, die Überführung des Rätsels in Logik. Doyle erfand Holmes als Zauberer, dessen grösstes Kunststück in dem besteht, was kein anderer Zauberer tut: seine Zaubertricks zu erklären. Dazu aber braucht es einen Zauberer, der selber ein Rätsel bleibt. Unvergesslich, unfassbar und unbeirrt. "Die TV-Serie wird Holmes brillant gerecht, obwohl sie ihn verjüngt, ins 21. Jahrhundert versetzt und mit Handy, GPS und Website ausstattet."

Guy Ritchie: «Sherlock Holmes – A Game of Shadows», ab Donnerstag in den Kinos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2011, 08:40 Uhr

BBC-Sherlock Trailer englisch

BBC-SherlockTrailer deutsch

Ritchie-Sherlock Trailer englisch

Ritchie-Sherlock Trailer deutsch

Infobox

Mark Gatiss und Steven Moffat (Drehbuch): «Sherlock». Erste Staffel mit wechselnden Regisseuren auf DVD, zweite Staffel ab dem 1. Januar auf BBC 1 und ab dem 23. Januar auf DVD.

Anthony Horowitz: «The House of Silk», 2011 («Das Geheimnis des weissen Bandes», Berlin, Suhrkamp/Insel).

Nicholas Meyer: «The Seven-Per-Cent-Solution», 1974 («Kein Koks für Sherlock Holmes», 1976) / «The Canary Trainer», 1993 («Sherlock Holmes und das Phantom der Oper», 1994) / «The West-End Horror», 1976 («Der Mann des Schreckens», 1985).

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