«Sie haben die Möglichkeit, Waffen zu tragen»

«Timbuktu», der neue Film des Regisseurs Abderrahmane Sissako, spielt unter Jihadisten, die vor zwei Jahren den Norden Malis besetzt haben. Er sieht in den Extremisten verlorene Menschen, die sich als Helden fühlen.

Abderrahmane Sissako zeigt keine Gewalt, wie man sie üblicherweise im Kino zeigt. Foto: Tom Kawara

Abderrahmane Sissako zeigt keine Gewalt, wie man sie üblicherweise im Kino zeigt. Foto: Tom Kawara

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mali ist seit einiger Zeit nicht mehr in den Schlagzeilen, wie sieht die Lage heute aus?
Ich weiss, dass der Norden nicht mehr besetzt ist. Die Situation bleibt aber unbeständig und konfus. Es gibt Verhandlungen zwischen verschiedenen Gruppen und der malischen Regierung. Aber es schwelt noch immer.

Welche Gruppen sind das?
Unterschiedliche, zum einen die Tuareg-Rebellen, zum anderen die Jihadisten von al-Qaida im islamischen Maghreb. Zwischen ihnen gibt es eine Vermischung. Was auch immer die Tuareg fordern, sie gehören zu den Opfern ­dieses Konflikts.

Kämpfen diese nicht für die ­Autonomie des Nordens?
Manche, ja. Sie sind wie die Basken. (lacht) Andere kämpfen gar nicht. In meinen Film zeige ich ein Tuareg-Paar, das in aller Ruhe lebt und nicht kämpfen will. Aber plötzlich wird es in eine tragische Situation verwickelt.

Hat die militärische Intervention Frankreichs Erfolg gebracht?
Sie hat sicher nicht sofort alle offenen Fragen gelöst. In einer solchen Situation braucht es Zeit, bis sich die Dinge ­stabilisiert haben.

Aber die Intervention war nötig?
Klar, jede Sache, die dazu führt, dass weniger Leid herrscht, ist eine gute Sache. Wo Menschen exekutiert und gesteinigt werden, kann es nur nützlich sein, wenn dieser Zustand beseitigt wird. Aber fragen Sie die Malier, sie waren glücklich, dass Frankreich eingegriffen hat.

In Afrika gibt es Stimmen, die in diesem Zusammenhang von Neokolonialismus sprechen.
Man kann alles behaupten. Wir können hier sitzen und reden, ohne dass wir verhindern, dass jemandem eine Hand abgehackt wird oder ein Fuss. Wer von Neokolonialismus spricht, pfeift auf all das, auf abgehackte Füsse und Hände und Steinigungen.

Sind die Jihadisten nicht aus Mali gekommen?
Sie kamen von aussen, aber haben Leute im Land rekrutiert. Da trafen unterschiedliche Personen von verschiedener Herkunft aufeinander und lebten zusammen wie in einer Herberge. Dort kommt es zu einer Form von Gastfreundschaft, die Menschen teilen etwas. Aber sie nutzen die Anfälligkeit der Menschen. Jeden, der auf unsicherem Grund steht, kann man einbinden, egal, woher er kommt.

Wie reagierten Sie, als Sie von der Besetzung Malis durch Jihadisten gehört haben?
Mit Frustration. Man fürchtet sich vor Willkür und Gewalt, vor Amokläufern und Leuten, die den Frauen den Schleier aufzwingen und Menschen auspeitschen. Und all das ist passiert. Wie ist es möglich, dass die Jihadisten bestimmte Dinge einfach so verboten haben? Das ist derart absurd, diese Rückwärtsgewandtheit, davon wollte ich in «Timbuktu» erzählen.

Mali ist muslimisch geprägt ist, aber hatten die Bewohner nicht ein entspanntes Verhältnis zur Religion?
Auf jeden Fall, und das seit Jahrtausenden. Dagegen ist der Gotteskrieg, der exportierte Salafismus eine neue Entwicklung. Umso schlimmer war für die Malier die Besetzung.

Sie zeigen in Ihrem Film viele Embleme des islamischen Fanatismus, oft mit Humor. Einmal soll ein Junge vor der Kamera den Weg Gottes beschwören, aber er kann sich nicht konzentrieren.
Der Junge vor der Kamera hat Musik gemacht und gemerkt, dass Musik gemäss der Scharia nichts Gutes ist. Mit dieser Szene wollte ich zeigen, dass man andere Menschen beeinflussen kann, man kann sie zu etwas anderem hinführen. Vieles, was geschehen ist, lässt sich durch fehlende Entwicklung erklären. Armut führt dazu, dass das Terrain brüchig und günstig wird für Indoktrination.

Haben die Jihadisten mit ihren effektvollen Videos die westliche Popkultur erobert?
Sie haben sicher ein Bewusstsein für die Wichtigkeit des Bildes. Sie wissen, dass man ein gut organisiertes Bild braucht, um eine Botschaft zu verbreiten.

Kommt das Kino dieser Bildmacht überhaupt noch bei?
Heute sind Bilder zwar überall verfügbar, aber wichtig ist, ob man sich mit guter oder mit schlechter Absicht bedient. Wer Schlechtes tun will, bedient sich mit böser Absicht. Ich spiele einfach meine Rolle des Künstlers. Manche schreiben Artikel, andere singen. Ich drehe Filme.

Im Film diskutieren die Extremisten über Fussball, wie wir auch.
Weil es keine Leute sind mit religiöser Überzeugung. Sondern Menschen, die neuerdings die Möglichkeit haben, eine Waffe zu tragen, und sich als Helden ­fühlen. Oft sind sie einfach verloren.

Sie zeigen nicht nur, dass die Jihadisten Menschen sind, auch sonst hat Ihr Film eine Leichtigkeit.
Das ist Absicht. Gewalt zeige ich nicht, wie man sie üblicherweise im Kino zeigt, das finde ich oberflächlich. Es braucht Sensibilität, um nicht zu banalisieren.

Trotzdem sieht man in Ihrem Film, wie zwei Leute bis unter den Kopf eingebuddelt und gesteinigt werden.
Anfangs wollte ich dafür eine Animation benutzen, aber dann fürchtete ich, es könnte zu ästhetisiert werden. Der Film zeigt es nun mit einer gewissen Distanz, aber es schockiert noch immer, weil die Sache nun mal schockierend ist.

Wie sehen Sie die Zukunft Malis?
Mit der Zeit werden sich die Dinge arrangieren. Wann, weiss ich nicht. Aber ich bin Optimist.

Erstellt: 17.12.2014, 20:39 Uhr

Immer noch keine rechte Ahnung

Timbuktu, die Wüstenstadt in Mali, dieses leise vor sich hin bröckelnde Weltkulturerbe mit seinen 54 000 Einwohnern – das ist zuerst der geheimnisvolle Klang eines Namens. Er klingt nach fernster Ferne und ein wenig nach islamischem Märchen. Nach den zwei Tonnen Gold etwa, die der schwarze Sultan Mansa Musa vor 700 Jahren auf seiner Pilgerfahrt nach Mekka an die Armen Ägyptens verteilt haben soll. Die Vorstellung von wohltätigem Reichtum ist in ihm bewahrt und die Erinnerung an eine fromme Gelehrsamkeit, die nach Glaubensfrieden suchte, nicht nach Glaubenskampf. Heute allerdings klingt es im Namen auch nach der Trostlosigkeit einer verwehten Grösse, nach dogmatischem Jihad und zerstörten Mausoleen. Denn Timbuktu ist im Heute angekommen.

Von solch zwiespältiger, dissonanter Art ist die Stimmung in «Timbuktu», dem Spielfilm des mauretanischen Regisseurs Abderrahmane Sissako («Bamako»). Es steht eine sanfte, zeitlose Nostalgie, die nichts will als ihren Frieden, gegen die aktuelle Konkretheit eines «heiligen Kriegs», und Gott ist nicht mit den Friedfertigen.

Nicht der Gott mindestens, den islamistische Fundamentalisten im April 2012 nach Timbuktu brachten in Form einer gewalttätigen Scharia. Neun Monate dauerte das Regime einer totalitären Religiosität, bis zur Rück­eroberung der Stadt durch malische und französische Truppen; und in diese Zeit, in der eine bewaffnete Verbotskultur lebendige Kulturen schändete, setzt Sissako seinen Film; und aus ihr zieht er – wie atmosphärische Skizzen – die Episoden seiner Filmwirklichkeit.

Verbotene Sinnlichkeit

«Timbuktu», könnte man sagen, erfasst, was seinerzeit geschah, durch Fassungslosigkeit, nicht durch Erklärung. Durch stille Trauer über das Menschenmögliche, nicht durch Empörung. Seine Wirklichkeit wirkt so surreal zersprengt, wie sie vielleicht erlebt wurde von Menschen, die nicht wussten, wie ihnen geschah, als junge Männer mit Kalaschnikows ihnen das Rauchen und die Musik verboten und überhaupt alle Andeutung von Sinnlichkeit: den Jungs den Fussball, den Mädchen das offene Haar, der Markthändlerin die nackten Hände beim Fischeausnehmen, den Liebespaaren die Liebe. Davon erzählt Sissakos Film: von der Hilflosigkeit und den unglaublichen Schocks, die ein Glaube erzeugte, der sich mit Peitsche und Stein durchsetzte.

Deshalb wahrscheinlich sieht man: Handlungsfragmente und kein durchgeführtes Handlungsdrama, Skizzen und kein historisches Gesamtbild. Vielmehr angedeutete Geschichten und manchmal nur ihre tödlichen Enden. Deuten wir also auch nur an: Den Totschläger wider Willen, der dem Strafrecht der Scharia nichts als seine natürliche Sanftheit entgegenzusetzen hat. Das Mädchen, das achtzig Peitschenhiebe erhält, weil es Musik hörte, vierzig fürs Hören und vierzig dafür, dass es dabei mit dem Musiker allein im Zimmer war. Den Gräuel einer Steinigung. Die bedrohliche Komik, die entsteht, wenn so ein Gotteskrieger, der anderen die Zigaretten verbietet, hinter der nächsten Düne Rauchpause macht. Und dann die Szene, in der Fussball gespielt wird ohne Ball – auch das ist immer wieder in «Timbuktu» zu spüren: neben der stillen Trauer die stille Freude über eine Fantasie, die Dogmen unterläuft.

Die Wirrnis der kleinen Dramen, die wir da erleben, gehüllt in Bilder von mächtiger Naturschönheit, erzeugt realistische Eindrücke. Das ist Sissakos poetische Stärke. Er ist ein Meister der impressionistischen Sprunghaftigkeit. Allerdings versagt in seinem eindrucksvollen Film die Poesie auch vor der Geschichte: weil wir jetzt eben nur diese Eindrücke von einer Realität haben, aber immer noch keine rechte Ahnung.

Timbuktu (Mali 2014). 97 Minuten. Regie: Abderrahmane Sissako. Mit Ibrahim Ahmed, Toulou Kiki, Kettly Noël, u.a. In Zürich im Kino Arthouse Movie.

Abderrahmane Sissako

Ein feiner Ankläger

Abderrahmane Sissako, 1961 in Mauretanien geboren, gehört zu den wichtigsten lebenden Regisseuren Afrikas. Er ist in Mali aufgewachsen, studierte Film in Moskau und machte in seinem viel beachteten Film «Bamako» (2006) dem IWF und der Weltbank einen fiktiven Prozess: Kino als anklagendes Weltgericht. «Timbuktu» lief dieses Jahr im Wettbewerb von Cannes, Sissako berät zudem den ­mauretanischen Präsidenten. (TA)

Trailer «Timbuktu»

Quelle: Vimeo

Artikel zum Thema

Immer noch keine rechte Ahnung

«Timbuktu» erzählt von den Gotteskriegern, die 2012 die Scharia nach Mali brachten. Mehr...

Die Seifenoper ihres Lebens

Filmkritik Die Legende als Legende: Gestern eröffneten die Filmfestspiele in Cannes mit Nicole Kidman als Grace Kelly. «Grace of Monaco» bietet Filmikonen im Doppelpack – wirkte aber sonst sehr dünn. Mehr...

Waffenruhe für Mali

Drei Rebellengruppen und die Regierung Malis versprechen in einem Abkommen, die Kämpfe einzustellen und Gespräche aufzunehmen. Die Einigung soll auch der humanitären Hilfe zugute kommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Blogs

Mamablog Mama, bleib doch mal stehen!

Never Mind the Markets Polen und Ungarn sind keine Schwellenländer

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...