«Sie steht einfach hin»

Ida Lupino war erst Schauspielerin, bevor sie in den 50er-Jahren brisante Filme über Vergewaltigung und Schwangerschaft drehte. Der Filmjournalist Martin Girod über eine Frau, die nicht auswich.

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Bis Anfang Juni zeigt das Zürcher Filmpodium Werke von und mit Ida Lupino. Die Schauspielerin kam sehr jung von England nach Hollywood. Welche Rollen spielte sie in den 30er-Jahren?
Nach zwei Semestern an der Royal Academy of Dramatic Art in London hat sie schon früh Figuren gespielt, die einiges älter waren als sie selbst. Sie passte nicht – weder als 14-Jährige noch später – in eines der konventionellen Rollenfächer Hollywoods. Das hatte auch mit einer uralten Theatertradition zu tun: Komische Rollen gab es nur fürs Dienstpersonal. Die Damen aus besserem Hause waren Liebende und Leidende. Ida Lupino aber spielte die Verliebte und die Verführerin. Deshalb war es auch keine gute Idee, dass das Paramount-Studio sie als «Alice im Wunderland» besetzen wollte. Man wusste damals schlicht nicht, was mit einer starken Frau anfangen.

Darauf aber bekam sie schon bald kompliziertere Rollen.
Ja, ab 1940, als sie beim Warner-Studio unter Vertrag war, konnte sie die «bad women» und Gangsterbräute spielen. Das lag ihr viel eher. Man sieht es gerade in der Szene in «High Sierra» von Raoul Walsh. Da stellt sie sich der Gangsterfigur von Humphrey Bogart entgegen und weigert sich, das zu tun, was er von ihr fordert. Und er weicht aus, obschon er die dominante Figur ist.

Man sieht in diesem Ausschnitt auch, wie präsent sie als Schauspielerin war.
Es ist auffällig, wie sich Humphrey Bogart in bester naturalistischer Tradition an allerlei Requisiten klammert. Das ist die Stanislawski-Schule, hier als typisch amerikanische Verengung: Das Spiel mit den Requisiten drückt die Befindlichkeit einer Figur aus. Also packt Bogart ständig etwas aus, während es Ida Lupino überhaupt nicht nötig hat, ihre Hände zu beschäftigen. Sie steht einfach hin, ihre Körperhaltung und ihr Blick drücken aus, dass sie entschlossen ist, dem Mann entgegenzutreten.

Ausschnitt aus «High Sierra». Quelle: Filmpodium.

Sie spielte also die starken Frauen?
Ida Lupino spielte oft Rollen, in denen die Spannung zwischen aktiver Lebensgestaltung und passivem Erdulden spürbar wird. Das hatte auch mit dem traditionellen passiven Frauenbild zu tun, das damals vorherrschte. In «High Sierra» sucht die Figur von Bogart ja ein braves Mädchen für sich. Aber Lupino spielte keine solchen Frauen. Sie nahm das Thema auch in ihren Regiearbeiten auf: In «The Hitch-Hiker» wird der Aspekt des erzwungenen Erduldens noch brisanter, weil es nun zwei Männer trifft, die von einem Anhalter terrorisiert werden. In «Never Fear» erzählt sie von einer Tänzerin, die an Kinderlähmung erkrankt. Das Thema der Passivitätserfahrung zieht sich durch Lupinos Werk.

Als sie ab Ende der 40er-Jahre selber als Regisseurin zu arbeiten begann, ging sie fast schon einen Katalog von brisanten Themen durch: Krankheit, uneheliche Schwangerschaft, Vergewaltigung.
Ich glaube, Ida Lupino schrieb für ihre Filme Frauenrollen, von denen sie sich wünschte, dass es sie früher schon gegeben hätte. Bei «Not Wanted» kam sie ungeplant zu ihrer ersten Regiearbeit, weil der Regisseur einen Herzinfarkt erlitten hatte. Kurz davor hatte sie Roberto Rossellini getroffen. Sie hat offenbar die Werke des italienischen Neorealismus sehr genau verfolgt. Ihr Kino lebt denn auch von dokumentarischen Aspekten. So zeigt sie in «Not Wanted» etwa die Trostlosigkeit eines Heims für ledige Mütter.

«Not Wanted» handelt von einer jungen Frau, die nach einem Treffen mit einem Musiker unehelich schwanger wird. Wie konnte man 1949 so etwas zum Thema machen?
Es hatte mit der Situation von Hollywood zu tun: Die Kontrolle der Majorstudios über Verleih und Kinos wurde zerschlagen, womit sie ihre Monopolstellung einbüssten. Also wurde es für viele Regisseure interessanter, ihre Filme unabhängig zu produzieren. Während ein paar Jahren haben dann kleine, unabhängige Produktionsfirmen florieren können. Dazu gehörte auch Filmakers von Ida Lupino und ihrem damaligen Ehemann Collier Young. Sie griffen Themen auf, die zuvor kaum angesprochen werden konnten, weil unter dem Production Code vor allem die moralische Selbstzensur der Majorstudios geherrscht hatte. Man konnte damals eine unverheiratete Mutter nicht zeigen, weil die Darstellung des Akts, der zu der Schwangerschaft geführt hat, nach Production Code gar nicht zulässig war. Also deutete es Ida Lupino in «Not Wanted» an: Sie schwenkt von der Hauptfigur und dem Musiker weg, und man sieht nur, wie er eine Zigarette wegspickt. Trotzdem ist völlig klar, was geschieht.

Ausschnitt aus «Not Wanted». Quelle: Filmpodium.

Auch während ihrer Zeit als Regisseurin in den 50er-Jahren, in der sie sechs Filme drehte, arbeitete Ida Lupino weiter als Schauspielerin. Etwa in Fritz Langs Film noir «While the City Sleeps» von 1956.
Man merkt da auch, dass sie als Schauspielerin lockerer wurde, spielerischer. Sie stellt eine souveräne Reporterin dar, aber es gibt diese Szene, in der man spürt, dass sie nahe daran ist, die Beherrschung zu verlieren. Nämlich dann, als sie merkt, dass ihr Redaktionskollege dazu bereit ist, sie einem Kollegen ins Bett zu schicken, damit er seine Beförderung erhält. Während des Gesprächs gibt es einen Moment, in dem man sieht, wie sie in ihr Glas beisst. Ich finde das genial. Es ist sowieso ein wunderbarer Ausschnitt, weil man sie gleich danach sieht, wie sie den Kollegen verführt.

Ausschnitt aus «While The City Sleeps». Quelle: Filmpodium.

Wie muss man sich die Regisseurin Ida Lupino vorstellen?
Sie war privat für ihre Temperamentsausbrüche bekannt. Da müssen auch mal die Fetzen geflogen sein. Aber als sie damit begann, Regie zu führen, hat sie sich selbst diszipliniert, weil gerade eine männliche Crew nur darauf wartet, dass eine Regisseurin einen hysterischen Anfall kriegt. Um dann sagen zu können: Wussten wir doch, dass sie überfordert ist. Lupino muss aber sehr gut vorbereitet gewesen sein. Und sehr genau gewusst haben, was sie will. Das ging so weit, dass sie von den Schauspielern mit «Mama» angeredet wurde. Dabei war sie bei ihrer ersten Regiearbeit erst 31!

In den letzten Jahrzehnten wurde allerdings auch feministische Kritik an Ida Lupino laut. Wieso?
Lupinos Figuren lehnen sich nicht wirklich gegen die männliche Dominanz auf. So wie sie selbst sich ihren verschiedenen Ehemännern untergeordnet hat. Man weiss etwa, dass sie darauf verzichtet hat, Regie zu führen, sobald ihr dritter Ehemann Howard Duff auf dem Set stand. Sie merkte einfach, dass er es nicht vertrug, auf dem Set von seiner eigenen Frau Anweisungen entgegenzunehmen. Dass solche Kompromisse mit dem patriarchalen System für moderne Feministinnen inakzeptabel sind, ist evident. Mir scheint, dass diese von aktueller Militanz geprägte Kritik die historische Dimension ausblendet.

Welche Filme von Ida Lupino im Filmpodium – der Schauspielerin und der Regisseurin – würden Sie empfehlen?
Ihre Regiearbeit «Never Fear», der Film über die Kinderlähmung, ist sicher ein guter Einstieg. Auch «The Hitch-Hiker» ist brillant. Die kultverdächtige Rolle als Schauspielerin hatte sie eindeutig in «High Sierra» mit Humphrey Bogart.

Die Retrospektive zu Ida Lupino im Filmpodium dauert vom 16. Mai bis Mitte Juni. Martin Girod stellt am 17. 5. um 19.15 Uhr die Schauspielerin anhand von Filmausschnitten vor. Am Wochenende vom 3. bis 5. Juni gibt es verschiedene Vorträge rund um das Werk von Ida Lupino. www.filmpodium.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2016, 12:30 Uhr

Martin Girod ist Filmjournalist und Programmkurator. Von 1993 bis 2005 war er Co-Leiter des Filmpodiums.

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