Sie überlebte Aleppo – und wurde im Krieg Mutter

Waad al-Kateab filmte fünf Jahre in der belagerten syrischen Stadt – ihr Dokumentarfilm gibt Einblick in das Leben im Krieg.

Für Waad al-Kateab (28) ist ihr Film ein Mittel, weiter für die Freiheit ihres Heimatlandes Syrien zu kämpfen. <nobr>Foto: Samuel Schalch</nobr>

Für Waad al-Kateab (28) ist ihr Film ein Mittel, weiter für die Freiheit ihres Heimatlandes Syrien zu kämpfen. Foto: Samuel Schalch

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«Wenn ich getötet würde, würde ich, Waad, nie vergessen werden, wenn dieses Filmmaterial nach draussen gelangt.» Waad al-Kateab betritt schwungvoll den Raum. Um ihr Handgelenk trägt sie eine Plastikperlenkette in den Farben Syriens, jenes Landes, für dessen Freiheit sie mit ihrer Kamera kämpfte, bis ihre Heimatstadt Aleppo in Trümmern lag und die verbliebenen Zivilisten hinauseskortiert wurden. «Evakuation» hiess das in den Medien. Kateab nennt es «Vertreibung.»

«Dieser Verlust war etwas vom Schwierigsten während der ganzen fünf Jahre Krieg», sagt die 28-Jährige. Damit habe das Assad-Regime den Menschen das Letzte genommen, die Freiheit an dem Ort, wo sie sich zu Hause fühlten, am Leben zu sein.

Waad al-Kateab studierte im vierten Semester Wirtschaft an der Universität von Aleppo, als die Proteste gegen Assad begannen und sie zur Kamera griff. Foto: Screenshot «For Sama»

Was es bedeutete, in Aleppo am Leben zu sein, zeigt Kateab im Film «For Sama». Fünf Jahre lang filmte sie in dieser Stadt, von den ersten Protesten Studierender gegen das Assad-Regime bis zum Beschuss der in Ost-Aleppo Eingeschlossenen. Sie verzichtete bewusst darauf, Gefechte an Frontlinien zu zeigen. Stattdessen wollte sie das Leben jener Leute zeigen, die sonst keine Stimme hätten und gegen die der Krieg gerichtet war – die Zivilbevölkerung.

For Sama from trigon-film on Vimeo.

Instinktiv griff Kateab 2011 zu Beginn der Proteste zur Kamera. «Wir wussten, dass es uns das Regime nicht einfach machen würde.» Die Assad-Familie regierte damals seit über 40 Jahren, leugnete die Proteste zu Beginn. Kateab wollte dieses Stück Geschichte ausländischen Nachrichtenstationen schicken, auf Youtube stellen, für sich festhalten.

«Filmen bedeutet, am Leben zu sein»

Sie filmte auch, um ihre Freunde zu bewahren. «Ich wusste, dass Rais und Omar tot waren. Aber für mich leben sie weiter, ich habe sie auf Band, für immer.» Auch sie selbst hoffte, auf diese Weise am Leben zu bleiben an einem Ort, an dem das Leben von aussen betrachtet unmöglich erschien.

Die Kamera läuft, wenn die Opfer von Bombenangriffen in der Notaufnahme ankommen. Foto: Screenshot «For Sama»

Kateabs Mann Hamza arbeitete damals im letzten noch funktionierenden Krankenhaus Ost-Aleppos unter unvorstellbaren Bedingungen. Sie filmte, wenn Verletzte eingeliefert und notdürftig auf dem Boden versorgt wurden, im Blut anderer, weil das Wasser und die Lappen nicht reichten, um sauber zu machen.

Kateab erinnert sich an eine Szene im Krankenhaus, die sie davon abhielt, die Kamera wegzulegen. «Da war eine Frau, deren Sohn getötet wurde. Sie schrie und flehte mich an: ‹Filmen Sie das!›» Jeder Moment war für sie einer, um eine vielleicht letzte Geschichte aufzuzeichnen. «Das Leben konnte jede Sekunde enden.»

«Du tust so, als ob alles gut kommen würde»

Doch der Film zeigt auch, dass selbst der Krieg nicht vermag, alles gewöhnliche Leben zum Erliegen zu bringen. Normales Leben zu schaffen, sei eine Art gewesen, gegen all das zu kämpfen, was rundherum geschah. Kateab verliebte sich und heiratete Hamza. «Du tust Dinge, die zu Beginn keinen Sinn ergaben. Plötzlich sind sie das Einzige, das sinnvoll erschien.» Das Ehepaar wollte ein Kind, so wie es andere frisch verheiratete Paare auch wollen würden.

Wie es war, mitten im Krieg Mutter zu werden? Wohl nicht anders als irgendwo sonst auf der Welt, sagt Kateab, wo eine junge Frau Mutter wird und mit vielen Fragen konfrontiert sei: Wie wickle ich mein Kind richtig? Wann braucht es Milch? «Manchmal dachte ich sogar darüber nach, wie mein Kind zur Schule gehen und ob es heiraten würde.» Im nächsten Moment würde sie sich unter dem nächsten Bombeneinschlag zusammen mit Sama in den Keller retten.

Ihre Tochter habe nie wie ein normales Kind geweint, sagt Kateab. Sie habe verstanden, was um sie geschah. Foto: Screenshot «For Sama»

Doch sie wollte kämpfen, bleiben, noch mehr als zuvor. «Sama würde ein freies Syrien brauchen.» Dieser Gedanke habe ihr Kraft gegeben. Momente, in denen sie die Hoffnung verlor, habe es dennoch viele gegeben. Selbst heute versteht sie nicht, wie es möglich war, diese «Lücke der Hoffnung» immer wieder zu überwinden und irgendwo Licht zu sehen. Selbst dann, als sie von ihrer zweiten Schwangerschaft erfuhr, als Ost-Aleppo schwer unter Beschuss stand, das Essen knapp wurde und sie nicht wusste, wie sie ihre erste Tochter versorgen sollte.

Doch auch da sei plötzlich dieser Moment gewesen, wie ein Zeichen, in dem sich die scheinbare Ausweglosigkeit in etwas Positives verwandelte. Sie, eine einzige Person, würde Leben an einen Ort bringen, wo andere sterben. «Ich muss einen Weg finden, mich und das Baby besser zu ernähren. Ich muss dieses Geschwisterchen für Sama zur Welt bringen, damit sie glücklicher ist.» Diese Gedanken hätten sie bis zum Schluss begleitet. Bis zu jenem Moment, als sie und ihre Familie nach fünf Jahren Aleppo verlassen mussten.

Die Trauer muss warten

Wenn sie über diesen Moment spricht, wollen die Sätze nicht mehr so schnell und geordnet fliessen. Kateab blickt zur Decke, an die Wand. Als sie Syrien verliess, sei sie verzweifelt gewesen. Der Film sei einer der Gründe, weshalb sie heute noch am Leben sei; ein Weg auch, um eine Antwort auf die Frage zu finden, wieso sie überlebt habe. Wieso sie und nicht ihre Freunde.

Überlebt zu haben, kommt für Kateab einer Verantwortung gleich. «Alles, was ich durchgemacht habe, würde nichts bedeuten, wenn ich nicht andere Leute dazu bringen könnte, über den Krieg in Syrien nachzudenken.» Unermüdlich reist sie nun um die Welt, um ihren Film, mit dem auch sie selbst ihre Stimme gefunden habe, vorzustellen. Der Kampf um die Freiheit Syriens gehe weiter.

Waad al-Kateab (Mitte) mit ihrem Mann Hamza (links) und Co-Regisseur Edward Watts an den Filmfestspielen von Cannes 2019. Ihr Film gewann das Goldene Auge für den besten Dokumentarfilm. Foto: Reuters

Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten, gibt es jedoch nicht. «Ich habe zwei Kinder. Ich kann nicht trauern.» Ein anderer Grund, der wichtigste, weshalb sie sich keine Pause gönnt: «Der Krieg geht weiter.»

Doch auch ihr sei bewusst, dass der Tag kommen wird, an dem sie sich ihrem Inneren werde stellen müssen – weil sie ihr Leben weiterführen möchte. Etwas Entscheidendes dazu fehlt jedoch. «Wenn wir keine Gerechtigkeit sehen, können wir uns nicht erholen.» Sie will Assad vor Gericht sehen. Die Hoffnung in Regierungen und die Vereinten Nationen hätten sie und ihr Mann aufgegeben. «Aber wir glauben immer noch an die Leute.» Diese könnten Assad zwar nicht selbst stürzen, aber sie könnten ihre eigenen Regierungen unter Druck setzen, das zu tun. «Wir brauchen alle Hilfe, die wir kriegen können.»

Für Kateab ist diese Dringlichkeit real. Hierzulande vergisst man das allzu schnell. Geflüchtete kosten, heisst es, es gilt, sie zu integrieren. «Behandeln Sie Geflüchtete nicht wie Zahlen oder Opfer», so Kateab, «behandeln Sie sie wie Menschen.» Kateab versucht zurzeit, sich an ihr neues Leben in London zu gewöhnen. Sie müsse es lieben lernen, ihr zweites Zuhause. Es ist gleichzeitig der Ort, an dem sie darauf hofft, eines Tages in ein freies Syrien zurückzukehren.

Trotz Krieg und Verwüstung: Aleppo werde ihre Heimat bleiben, so Kateab. Foto: Screenshot «For Sama»

«For Sama» läuft aktuell in den Schweizer Kinos.

Hier finden Sie unsere Filmkritik zu «For Sama».

Erstellt: 11.10.2019, 16:49 Uhr

Zum Film «For Sama»



Als nach fünf Jahren Krieg die letzten Tage Aleppos näherrücken, bereiten sich Waad al-Kateab, ihr Mann und Sama darauf vor, die Stadt endgültig zu verlassen. Im Gepäck: Hunderte Stunden Videomaterial. Doch erst nach der Flucht entstand die Idee, daraus einen Dokumentarfilm zu machen. Edward Watts, britischer Dokumentarfilmer und Co-Regisseur des Films, regte an, das Material in der Form eines Briefes an al-Kateabs Tochter Sama zu arrangieren.

«For Sama» zeigt auf drastische, aber auch einfühlsame Weise, was der Krieg in Syrien für die Menschen bedeutet. Al Kateab blickt als Frau und Mutter durch die Linse, zeigt alltägliche Situationen eines Ausnahmezustandes.

Seit seiner Premiere hat «For Sama» zahlreiche Preise gewonnen, unter anderem das Goldene Auge für den besten Dokumentarfilm an den Filmfestspielen von Cannes 2019.

Nach ihrer Flucht aus Syrien lebte die Familie rund ein Jahr in der Türkei, wo al-Kateabs zweite Tochter zur Welt kam. Heute lebt die Familie in Grossbritannien. Waad al-Kateab arbeitet für den Sender Channel 4.

Hier finden Sie mehr Informationen zum Film.

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