«So bringt es nichts»

Thomas Isler beleuchtet in seinem neuen Dokfilm die Rolle der Schweizer Entwicklungshelfer vor dem Genozid in Ruanda. Im Interview spricht er über Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe.

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Lukas Bärfuss' Buch «100 Tage» über die Rolle der Schweizer Entwicklungshilfe in Ruanda war ein Riesenerfolg. Was haben Sie ihm anzufügen?
Der Roman hat mich auf die Idee des Films gebracht. Allerdings blendet er die für mich wichtigste Frage aus: Wie kam es dazu, dass die Entwicklungshelfer Hals über Kopf das Land verliessen? Was war die Vorgeschichte zum Genozid?

Bärfuss sagt, die damaligen Entwicklungshelfer beschönigen ihre Handlungen im Nachhinein. Stimmen Sie zu?
Ich stellte bei meinen Recherchen eher eine ablehnende Haltung fest – was auch eine Folge von Bärfuss' polemischem Roman ist. Dennoch finde ich eine solche Haltung beschämend für Leute, die derart verantwortungsvolle Positionen belegten. Wahrscheinlich hat das Schweigen auch mit einer fehlenden Kritikkultur innerhalb der Deza zu tun. Ausserdem scheinen viele der damaligen Entwicklungshelfer traumatisiert und fühlen sich schuldig.

Wieso schuldig?
Sie waren in der Meinung angereist, eine Wirkung zu haben. Die Entwicklungshilfe hat ja auch mit Allmachtsfantasien zu tun. Man hat das Gefühl, Geschichte schreiben zu können und die Gesellschaft massgeblich zu verändern. Dass die eigenen Projekte kontraproduktiv sein könnten, kam den Entwicklungshelfern gar nicht in den Sinn. Angesichts des Genozids lautete der Umkehrschluss für sie deshalb: Man hat versagt – aber wenn man das Richtige gemacht hätte, hätte das Desaster vielleicht verhindert werden können.

Inwiefern handelte es sich in Ruanda um ein typisch schweizerisches Versagen?
Eine gewisse Harmoniebedürftigkeit spielte sicher eine Rolle. Man reiste auch mit der Einstellung an, dass man geschichtlich unbelastet und neutral sei. So wurden sie auch in Ruanda selber wahrgenommen. Deshalb begegneten die Schweizer den dräuenden Konflikten im Land auf unpolitische Art. Man mischte sich aus einem falschen Verständnis von Neutralität nicht ein. Gleichzeitig gefiel man sich, so nahe an der Macht in diesem Land sein zu können, weil das den eigenen Projekten half.

Was hätte man tun sollen?
Man hätte die politische Situation und die Machtverhältnisse besser beobachten sollen. Und spätestens nach den ersten Massakern hätte man Konsequenzen ziehen müssen, statt wie bisher weiterzumachen. Doch das waren quasi tagesaktuelle Entwicklungen. Viele dachten wohl, dass so was einfach zu Afrika gehöre. Und Ruanda galt in den 60er- und 70er-Jahren als relativ ruhig. Zudem wollte man in Bern nicht erklären müssen, dass es in Ruanda nicht so läuft, wie man es gerne hätte. Den Genozid konnten die Schweizer jedoch nicht voraussehen. Die Schweiz als einzelner Akteur hätte ihn auch nicht verhindern können. Deshalb ist eine strukturelle Analyse der Entwicklungshilfe interessanter als eine historische: Kann man eine Entwicklung eines Landes überhaupt von der Schweiz aus planen?

Kann man?
Wir leisten uns heute Entwicklungshilfe, um auf anderen Ebenen Verträge hinzukriegen, die für uns vorteilhaft sind, nicht aber für die Bevölkerung in Afrika. In gewissem Sinne betreiben wir dabei einen Ablasshandel. Wenn man in dieser Logik drin ist, muss man sagen: So bringt es nichts.

Müsste man wie China Geld in Unternehmen und Staatshaushalte einschiessen – statt in Schulen und Spitäler?
Das ist immerhin eine ehrlichere Art, wirtschaftlichere Interessen durchzusetzen. Letztlich beuten die Chinesen aber einfach afrikanische Rohstoffe aus. Das hat langfristig keinen Nutzen für die Entwicklung der Länder.

Bärfuss proklamiert eine «Tugend des Nichtstuns» – um die korrupten Eliten zu schwächen.
Nichtstun ist für mich keine Lösung. Man sollte sich stattdessen genau fragen, mit welchen Akteuren man arbeiten will – und welche Machtstrukturen man begünstigt. Man mag sich auch generell fragen, ob es sinnvoll ist, in einem instabilen Land Entwicklungshilfe zu leisten.

Nun sind allerdings gerade die instabilen Länder besonders hilfsbedürftig.
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass ein Engagement in solchen Gebieten heikel ist. Trotzdem hat die Deza jüngst beschlossen, den Fokus der Entwicklungszusammenarbeit auf gescheiterte Länder zu richten. Das finde ich irritierend.

Wie sieht die Schweizer Entwicklungshilfe heute in Ruanda aus?
Die heutige Entwicklungshilfe in Ruanda ist gegenüber der autoritären Regierung sehr misstrauisch. Umgekehrt gilt das auch. Der Genozid war für die Schweizer Entwicklungshilfe ein Paradigmenwechsel. Nach 1994 waren die romantischen Vorstellungen, die es in der Entwicklungshilfe gegeben hatte, definitiv vorbei. Setzte man früher auf technische Hilfe, steht heute die Entwicklung von Good Governance, Friedensförderung und Gleichstellung im Vordergrund.

Ist ein Erfolg feststellbar?
Ein Chauffeur, der seit 20 Jahren für die gleiche deutsche Entwicklungshilfeorganisation arbeitet, berichtete mir, dass er Entwicklungshelfer kommen und gehen sehe, aber keine Veränderungen im Verhalten der Mächtigen feststellte. Das fand ich sehr deprimierend. Aber die Wirkung von Entwicklungshilfe lässt sich nur schwer quantifizieren, weil ja in Strukturen investiert wird, nicht in Unternehmen.

Was für eine Entwicklungshilfe wünscht sich der Chauffeur?
Das habe ich ihn nicht gefragt. Er lebte ja auch gleichzeitig davon. In diesem Paradox befinden sich viele Menschen in diesen Ländern.

Was wünschen Sie für ihn?
Dass in seinem Land Strukturen geschaffen werden, die es ihm erlauben, sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Und dass er ein Leben ohne autoritäre und korrupte Eliten führen kann. Natürlich ist der Aufbau von demokratischen Prozessen schwierig – erst recht, wenn die Entwicklungshilfe mit den Eliten unter eine Decke steckt und statt Partnerschaften Abhängigkeitsbeziehungen schafft. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.11.2013, 13:59 Uhr

Der Film

Thomas Islers Dokfilm «Wir kamen, um zu helfen» reflektiert die Geschichte der Schweizer Entwicklungshilfe in Ruanda von 1960 bis zum Genozid 1994. Der Film basiert auf Erzählungen der ehemaligen ruandischen und Schweizer Mitarbeiter zweier Projekte, der Verkaufsgenossenschaft Trafipro und der Banque Populaire. Eines Morgens im Jahr 1973 fand sich an den Eingangstüren der Schweizer Entwicklungshilfe eine Liste mit Namen von Tutsi, die per sofort aus der Verkaufsgenossenschaft entlassen waren. Die Schweizer Entwicklungshelfer reagierten empört über diese rassistische Massnahme. Doch kaum jemand wehrte sich, weil man das erfolgreiche Entwicklungsprojekt nicht gefährden wollte.

20 Jahre später wiederholte sich der Konflikt zwischen Tutsi und Hutu und mündete in einen Genozid an über 800'000 Menschen. Erst diese Katastrophe führte zu einer Neuorientierung der Schweizer Entwicklungshilfe und ihrem temporären Rückzug aus dem Land. Islers Film befragt Zeitzeugen aus der Schweiz und Ruanda. «Wir kamen, um zu helfen» ist ein komplexer, aber unpolemischer Beitrag zur Debatte über die Grenzen und Gefahren von Entwicklungshilfe.

Genozid in Ruanda

Zwischen dem 6. April 1994 bis Mitte Juli 1994 töteten Angehörige der ethnischen Hutu-Mehrheit in 100 Tagen etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit - das sind über 800'000 Menschen. Die internationale Gemeinschaft unternahm kaum Versuche, das gut organisierte Töten zu stoppen. Nachdem die Tutsi im Juli 1994 die Kontrolle über Ruanda übernahmen, flohen gegen vier Millionen Hutu ins Ausland.

Seit 1994 bilden sich in Ruanda nur langsam demokratische Strukturen heraus. 2003 und 2010 fanden erstmals wieder Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt, die den seit 2000 amtierenden Präsidenten Paul Kagame mit jeweils über 90 Prozent im Amt bestätigten. Seine Regierung kann beachtliche wirtschaftliche Erfolge verzeichnen. Gleichzeitig wird ihr von Menschenrechtsorganisationen Machtmissbrauch vorgeworfen. Die Hutu-Mehrheit ist bis heute weitgehend von politischer Teilhabe ausgeschlossen.

Das Buch

Lukas Bärfuss' Roman «100 Tage» spielt in Ruanda im April 1994, als der Mob in Kigali wütet. Hauptfigur ist David Hohl, ein Mitarbeiter der Schweizer Entwicklungshilfe. Er versteckt sich hundert Tage in seinem Haus, vom Gärtner mit Nahrung versorgt und mit Informationen über Agathe, Tochter eines Ministerialbeamten, die der Grund für sein Bleiben ist. Wie Islers Film beschäftigt sich «100 Tage» mit Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe. Bärfuss' Botschaft ist aber ungleich direkter: Der porträtierte Entwicklungshelfer in «100 Tage» ist ein Egoist – die Entwicklungshilfe als solches wird als kontraproduktiv beschrieben.

Vorstellungen

«Wir kamen, um zu helfen» wird zu einem späteren Zeitpunkt am Schweizer Fernsehen zu sehen sein. Ausserdem in diesen Kinos:

Cinematte Bern: 7.11.13, 19.30 Uhr, Vorführung und Podiumsdiskussion mit Regisseur und den Gästen: Marie Gilbrin (DEZA) sowie Peter Niggli (Alliance Sud). Zusätzliche Vorführung in Anwesenheit des Regisseurs am 14. November 2013 um 20.30 Uhr.

Xenix Zürich: 9.11.13, 13.30 Uhr, Vorführung und Podiumsdiskussion mit Regisseur und den Gästen: Al Imfeld (Schriftsteller und Journalist) sowie Martin Fässler (Deza).

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