Sport ist Politik – und dreckig

Bryan Fogel hat mit «Icarus» seinen ersten Oscar gewonnen. Bei den Dreharbeiten ist er zufällig im russischen Dopingsumpf gelandet.

«Ich hoffe, ‹Icarus› ist ein Weckruf», sagt Bryan Fogel. «Er soll zeigen, wie wichtig es ist, die Wahrheit zu sagen.» Foto: Chris Pizzello (AP)

«Ich hoffe, ‹Icarus› ist ein Weckruf», sagt Bryan Fogel. «Er soll zeigen, wie wichtig es ist, die Wahrheit zu sagen.» Foto: Chris Pizzello (AP)

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Eigentlich wollte Bryan Fogel nur ein bisschen dopen, an einem Amateurradrennen teilnehmen und einen Film darüber drehen. Fogel ist 46 Jahre alt, Hobbyvelofahrer und Filmregisseur. Doch wegen eines dicken Russen kam alles anders. Fogel holte sich am Sonntag den Oscar für den besten Dokumentarfilm – «Icarus» heisst er, zu sehen auf Netflix.

Als Fogel im Dolby Theatre in Los Angeles auf die Bühne schreitet, um den Oscar entgegenzunehmen, springt auf der Tribüne eine ältere Frau auf und ab. Immer wieder schreit sie: «Bryan. Bryan.» Es ist Fogels Mutter. Unten sagt ihr Sohn zu den Menschen: «Ich widme diesen Preis Grigor Rodschenkow, unserem furchtlosen Whistleblower, der nun in grosser Gefahr schwebt.»

Interessant? Ja. Oscar-würdig? Eher nein.

Rodschenkow ist dieser beleibte Russe und war während Jahren Chef des russischen Anti-Doping-Labors. Im Film erklärt er dem Amerikaner, wie er dopen muss, ohne aufzufliegen – meist via Skype, meist mit nacktem, fülligem Oberkörper, immer charismatisch. Der Zuschauer sieht, wie Fogel sich Spritzen in den Hintern jagt, wie er sich Blut abzapft, wie er mit seinem Rad die Pässe hochrast. Interessant? Ja. Oscar-würdig? Eher nein.

Doch genau zu der Zeit, zu der Fogel sich mithilfe Rodschenkows mit Steroiden vollpumpt, explodiert ein sportpolitisches Pulverfass. Berichte zeigen: Russland dopt seine Athleten systematisch. Laborchef Rodschenkow wird vom Ratgeber zum historischen Akteur. Der Russe streitet erst alles ab, erzählt dann aber im Detail von den russischen Machenschaften. Mittendrin: Bryan Fogel mit seiner Kamera, drei Jahre lang.

Das Duell mit Putin

Durch diese dramaturgische Wende erhält der Film eine ungeheure Wucht. Das simple Dopingexperiment mündet im Duell mit Russlands Präsident Wladimir Putin. Rodschenkow erzählt, wie die Russen an den Olympischen Spielen in Sotschi schummelten, wie die Befehle von ganz oben kamen, wie der Geheimdienst mit im Spiel war.

Die Situation für den Whistleblower wird brenzlig. Fogel hilft ihm, aus Russland zu fliehen, holt ihn in Los Angeles am Flughafen ab, versteckt ihn in einer Wohnung, erlebt, wie Rodschenkow zusammenzuckt, als er erfährt, wie ein Anti-Doping-Kollege ums Leben kommt: durch einen mysteriösen Herzinfarkt.

Wie der Film Grenzen sprengt

Irgendwann wächst für den Zuschauer die Erkenntnis: Sport ist nicht nur Sport, er ist vor allem auch Politik und dreckig. Fogel weiss das: «Ich hoffe, ‹Icarus› ist ein Weckruf. Er soll zeigen, wie wichtig es ist, die Wahrheit zu sagen.» Über das Internationale Olympische Komitee und dessen Umgang mit den gedopten Russen sagt er: «Welch korrupte Organisation.»

Ikarus lernte in der griechischen Mythologie fliegen, ist aber der Sonne zu nahe gekommen und abgestürzt. Fogel sagt dazu: «Du kannst grossartige Dinge leisten, solange du die Grenzen nicht zu stark strapazierst.» Fogel hat mit seinem Film Grenzen gesprengt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2018, 10:54 Uhr

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