Thomas Hirschhorn tobt

Der Künstler und sein Klebeband: An den Filmtagen in Solothurn wütete der Schweizer Ideenbastler Thomas Hirschhorn.

Eine grosse Idee von Praxis: Der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn. Foto: Keystone

Eine grosse Idee von Praxis: Der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn. Foto: Keystone

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Thomas Hirschhorn hat es so gewünscht. Die Sofas und Sessel müssen rundum mit Klebeband eingewickelt werden, Tausende von Rollen sollen dazu verbraucht werden. Aber weil es ein heisser Julimonat ist, erhitzen sich die eingepackten Möbel, und man sieht eigentlich nie jemand darauf sitzen im Dokumentarfilm «Thomas Hirschhorn: Gramsci Monument».

Darin gehts aber ohnehin weniger um Bequemlichkeit und mehr um eine grosse Idee von Praxis. «Alle Menschen sind Intellektuelle», schrieb der sardische Philosoph und Marxist Antonio Gramsci in seinen ­Gefängnisheften. Hirschhorn nimmt das Wort zum Anlass, mit Bewohnern eines Sozialbaus in der Bronx ein temporäres Museum für Gramsci zu bauen, eben das «Gramsci Monument».

Jeder ein Intellektueller

Also zersägen und zerrupfen die schwarzen Anwohner die proletarischen Materialien Holz und Tape, während sich Thomas Hirschhorn als Anti-Jeff-Koons profiliert, der seine Zudiener hat, aber auf den offenen Zugang zur Kunst pocht. Im Film von Angelo A. ­Lüdin, der das Projekt begleitete und das Porträt an den Solothurner Filmtagen zeigte, sieht man den «Soldaten der Kunst» (Hirschhorn über sich selbst), wie er sich ins Zeug wirft, hämmert und mehrfach ausflippt, weil die Filmequipe Dinge aus dem Weg räumt. Dann tobt er und kriegt einen so stechenden Blick, dass man sich verkriechen möchte.

Am Schluss steht die Holzbude, sie ist schön und schief und enthält ein ­Museum, ein Radiostudio, einen Theaterraum und ein Internetcafé. Man nimmt Hirschhorn das Fansein für den Philosophen durchaus ab: Der Gedanke, dass ­jeder Mensch ein Intellektueller ist, weil er mentale Fähigkeiten braucht, um seinen Alltag zu bestreiten, materialisiert sich in einem gemeinsam gezimmerten Ausstellungsprovisorium. Aber das Zitat von Gramsci ging noch weiter: «Alle Menschen sind Intellektuelle, aber nicht alle Menschen haben in der Ge­sellschaft die Funktion von Intellektu­ellen» – so wie jemand noch kein Koch sei, weil er «zwei Eier» braten könne.

Das ist allerdings zu lang, um es auf ein Transparent zu drucken. Doch Hirschhorn reflektiert seine eigene Position als dekorierter Weltrangkünstler gar nicht, sondern tut sich umso stärker als Bauherr der Kunstinstallation hervor. Als ihm jemand vorwirft, auf der Baustelle in der Bronx bleibe er der Privilegierte, tickt er wieder aus und keift, seine ­Haltung sei in dieser Hinsicht «ganz klar, ganz klar». Aber was so klar ist, wird ­weniger klar. So gesehen zeigt der Dokumentarfilm ungefiltert die Widersprüche eines Künstlers, der vom Denken zum Handeln kommt und sich im Handeln wiederum dem Denken widmet.

Mit vielen schlechten Ideen

In Solothurn tat sich noch jemand mit jungen Schwarzen zusammen, es war ein Sozialarbeiter in Lausanne. Eine Gruppe Jugendlicher kam auf ihn zu, weil sie einen Film über ihren Alltag in der Banlieue drehen und damit ans Festival in Cannes reisen wollte. Die Jungs hatten schon ein dreiseitiges Drehbuch und eine Menge schlechter Ideen. ­«Tapis rouge» hiess diese Komödie, in der die Regisseure Frédéric Baillif und Kantarama Gahigiri Realität und Erfindung verquirlen.

Und damit auf unfertige, aber sympathische Art vom Leben dieser Teenager erzählen, die davon träumen, gross herauszukommen. Das hat Gramsci natürlich nicht gemeint mit den geistigen Fähigkeiten, die man braucht, um sein Leben zu bewältigen. Aber am Ende fahren sie wirklich nach Cannes und kommen damit ein Stück vorwärts. Ganz ohne Weltrangkünstler.

«Thomas Hirschhorn: Gramsci Monument», 27. 1., 17.30 Uhr, Landhaus. Ab Donnerstag in Zürich im Kino Riffraff. «Tapis rouge», 28. 1., 14.30 Uhr, Landhaus.

Erstellt: 26.01.2015, 19:28 Uhr

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