Trauer um die verlorene Schönheit am Tigris

Kolonialistische Demütigung, Revolution, Diaspora – der Zürcher Regisseur Samir verwebt im Dokumentarfilm «Iraqi Odyssey» die herzzerreissende Familiensaga mit blutiger Weltgeschichte.

Samir und seine Schwester Hayat 1958 vor dem Austin des Vaters: Sie sollten noch erleben, wie ihnen ein Land abhandenkommt. Foto: Dschoint Ventschr

Samir und seine Schwester Hayat 1958 vor dem Austin des Vaters: Sie sollten noch erleben, wie ihnen ein Land abhandenkommt. Foto: Dschoint Ventschr

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man hat die Bilder von «American Sniper» noch im Kopf: ein guter Ameri­kaner auf einem Dach, den Finger am Abzug seines Gewehrs, das Auge am Zielfernrohr und im Fadenkreuz ein Bub mit einer Panzerfaust oder ein bärtiger Schlächter, der einem Kind das Knie mit einem Schlagbohrer zertrümmert. Und das ist (bei Clint Eastwood): der Irak.

Womöglich hat man noch anderes im Kopf, die Namen Bagdad, Basra und Samarra, die früher einmal nach Märchen klangen – nach Aladin und Ali Baba und der Macht der Abassiden, vielleicht sogar nach dem Geografen Mercator aus dem 16. Jahrhundert, der auf seiner Paradieskarte behauptete, Gottes Garten Eden liege unweit nördlich von Bagdad. Auch das ist der Irak.

(Video: Youtube/Looknowfilm)

Dazwischen aber liegt eine Wirklichkeit und eine Geschichte, die man, eurozentrisch, wie man denkt, kaum im Kopf hat, und das ist ebenfalls der Irak. Der Regisseur Samir, schweizerischer Iraker und irakischer Schweizer, geboren 1955 in Bagdad, erzählt davon in seinem neuen Dokumentarfilm «Iraqi Odyssey», einer – seiner – «Familiensaga», die sich vom Irakischen ins Weltläufige weitet, von den Details der Erinnerungen zur Allgemeinheit einer Sehnsucht (oder zum grossen Pessimismus) und von individuellen Lebenskapriolen zum historisch Exemplarischen.

Die Familie läuft in alle Messer

Denn Samirs Familie, die es sich nicht ausgesucht hat, exemplarisch zu werden, umspannt heute tatsächlich die Welt. Der Stammbaum väterlicherseits ist ein üppig verästeltes Gewächs; an ihm hing viel Stoff für eine Erzählung erlebter odysseeischer Leben. Es spiegelt sich in der Familie Jamal Aldin, die vom Propheten Mohammed abstammen soll, irakische Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihren dramatisch schillernden Farbvaleurs: kolonialistische Demütigung unter britischer Herrschaft, Revolution und optimistischer Aufbruch in eine liberale Moderne, Gegenrevolution und Elend der Diktatur, lange Kriegstragödien, kurze Friedenspausen, Emigration und arabische Diaspora.

Eine sehr persönliche filmische Geschichtsschreibung. Es floss gewissermassen verwandtschaftliches Herzblut. Die Zeugen, die Samir aufbot, sind Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen, auch eine junge Halbschwester. Nicht alle kommen im Film zu Wort, die dramaturgische Ökonomie setzte sich da Grenzen, klugerweise. Sie haben es erlebt, wie ihnen ein Land oder ihr engagierter Traum davon abhandenkam. Wie sie als Angehörige eines rebellischen, gebildeten irakischen Mittelstandes in alle Messer liefen, als Kommunisten im Kalten Krieg, als Kommunisten und Demokraten unter der Diktatur von Saddam Hussein, als Skeptiker unter Dogmatikern oder einfach nur als studierte Frauen. Davon berichten sie, «westlich» geworden in der Fremde, fremd geworden in der Heimat, aber immer noch trauernd um eine verlorene Schönheit des Ostens zwischen Euphrat und Tigris.

Eine Widmung an die Tochter

«Iraqi Odyssey», ein langer, anstrengender, wortreicher Film, betont seine Vielschichtigkeit und Tiefenschärfe durch die 3-D-Technik. Eine akzeptable ästhetische Entscheidung. Die Dreidimensionalität kann einen Zuschauer allerdings etwas wirblig machen bei der Decodierung anspruchsvoller, sich überlagernder Bild-, Schrift- und Wortebenen. Am Ende jedoch ist das eine Frage der persönlichen Konzentrationsfähigkeit und der Antipathie gegen 3-D-Brillen. Also: geschenkt.

Das alles ist klug gedacht, auch in der feinen Sentimentalität, mit welcher der Regisseur Samir sich selbst zum Zeugen macht. Er hat seine Kindheitserinnerung an die Palmenhaine Bagdads und an den freigeistigen Grossvater seiner Tochter gewidmet, die noch nicht alt ­genug ist, dass irakische Geschichte ihr Hauptinteresse sein könnte. Aber wahrscheinlich gilt ihr der schöne Satz am Ende des Films: dass ein Mädchen vielleicht jetzt schon verstehen könne, warum der Vater so gern Wasserme­lonen esse und Auberginen liebe.

Iraqi Odyssey. Eine Familiensaga in 3-D (CH/D/Irak 2014). 163 Minuten. Buch und Regie: Samir.

In Zürich im Kino Riffraff. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2015, 18:09 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Freiheit hat ihren Preis»

Ein als blasphemisch empfundener Billigfilm war für Islamisten Anlass zu einem Terroranschlag in Libyen. Der schweizerisch-irakische Regisseur Samir über islamkritische Filme. Mehr...

Wiege der Zivilisation

Das irakische Nationalmuseum beherbergt kulturelle Schätze der Sumerer und Babylonier – den ersten Hochkulturen der Geschichte. Nachdem das Museum während der US-Invasion geschlossen und geplündert wurde, feiert es heute seine Wiedereröffnung. Mehr...

Sidra zeigt ihr Leben

Handybrille auf, Kopfhörer an – und los gehts: In einer fesselnden Virtual-Reality-Doku erzählt uns ein 12-jähriges Mädchen ihre Geschichte im Lager. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

HR-Skills für die Zukunft

Lernen Sie, wie die Digitalisierung Arbeitskultur und Führungsstil verändert!

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Da ist der Bär los: Das peruanische Designer Edward Venero lässt seine neuste Herrenkollektion an der Fashion Week in Lima von Teddys präsentieren. (25. April 2018)
(Bild: Martin Mejia/AP) Mehr...