Triebstörung in Manhattan

Sex als Zwangshandlung: Michael Fassbender, seit Tarantinos «Inglourious Basterds» der Star der Stunde, dreht im Film «Shame» freudlos in der Endschlosschlaufe seiner Triebe.

Verkörpert den sexsüchtigen Brandon in Steve McQueen's neuem Film «Shame»: Michael Fassbender.

Verkörpert den sexsüchtigen Brandon in Steve McQueen's neuem Film «Shame»: Michael Fassbender. Bild: PD

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Da, das Glied: Gleich zu Beginn baumelt es einmal beiläufig im Bild, als der Mann aufs Klo geht. Unerhört, nicht? Für den Regisseur Steve McQueen ist jedenfalls klar: Diese Einstellung hat seinen Darsteller die Chancen auf einen Oscar gekostet. Da wir nun den prominenten Penis abgehakt haben, können wir bitte über den Film reden?

Denn aufreizender sind andere Bilder in «Shame». Erste Einstellung: Der Mann liegt im Bett und schaut zur Decke, reglos und nackt, ein zerknittertes Laken über die Scham drapiert. Es ist Michael Fassbender, der da ruht wie gemalt, verpuppt in einer existenziellen Einsamkeit. Das fordert unseren Blick heraus, fast wie ein Suchbild: Sehen wir einen Hauch von Bewegung im Bild, oder ist die Szene eingefroren? Lebt der Mann noch, oder ist er tot? Bald wissen wir: Beides ist der Fall, irgendwie.

Hyperpotent und ausgehungert

Nun ist «Shame» nicht etwa ein Zombiefilm. Aber dieser Brandon, so heisst dieser Mann, kreist so freudlos in der Schlaufe seiner Triebe, dass er manchmal wirklich an einen Untoten erinnert, wie er sich zwischen Wallstreet und schneller Triebabfuhr durch den Alltag manövriert. Was er genau geschäftet, erfahren wir nie, aber seine schicke New Yorker Wohnung macht klar: Der ist erfolgreich. Ebenso erfolgreich verdrängt er, dass er privat in einer Spirale aus Internetpornos und unverbindlichem Gelegenheitssex dreht. Als dann seine Schwester (Carey Mulligan), eine strauchelnde Sängerin, bei ihm einzieht, kann Brandon den täglichen Selbstbetrug nicht mehr lang aufrechterhalten.

Diagnose: Sexsucht. So könnte man einen Report fürs Schmuddel-TV betiteln, aber nicht diesen Film von Steve McQueen. Der britische Turner-Preisträger hat es nicht auf die vermeintlich scharfe Zivilisationskrankheit und ihre schlüpfrigen Schlüsselreize abgesehen, sondern auf eine geradezu klinische Studie der Vereinzelung. Schon sein Gefängnisfilm «Hunger», mit dem er vor vier Jahren eindrücklich im Kino debütierte, war ein Drama von elementarer Körperlichkeit. In kühl durchkomponierten Bildern erzeugte er da einen physischen Ausnahmezustand, der sich unmittelbar aufs Publikum übertrug: eigenwillig im Blickwinkel und radikal in seiner Konzentration, aber ohne dass es je den Eindruck erweckte, hier habe sich ein bildender Künstler aus der Galerie ins Kino verirrt.

Unterwegs zur Katharsis landet der Film auf dem Boden der Klischees

McQueen sollte eigentlich ein Glücksfall für «Shame» sein: ein Regisseur, der jenseits der dramaturgischen Routinen des Kinos denkt, im Verbund mit dem Schauspieler, der für ihn schon in «Hunger» ungeschützt an seine körperlichen Grenzen ging. Dort magerte Fassbender so stark ab, bis nur noch ein ausgemergelter Schatten seiner selbst übrig war. Jetzt lässt er sich physisch ins andere Extrem treiben: durchtrainiert und hyperpotent, aber emotional ausgehungert.

Und wie gesagt, auch «Shame» beginnt vielversprechend. Ganz unvoyeuristisch, mit fast chirurgischem Blick rückt McQueen diesem Sexsüchtigen auf den Leib, in szenischen Skizzen, die viel Spielraum lassen. Da sitzt Brandon in der Metro, ein zivilisiertes Tier, das seinen Instinkt doch vergeblich zu zügeln versucht. Die anschwellenden Streicher dazu klingen wie ein Requiem, und daheim bewegt er sich wie durch ein aseptisches Mausoleum der Lust. Doch nach dieser Ouvertüre, die das kalte Feuer der Lust in bestechende Bilder fasst, korrigiert der Film seine Ansprüche bald schrittweise nach unten.

Das fällt spätestens dann auf, als McQueen eine Paradeszene aus seinem Erstling rezykliert. In «Hunger» liess er ein Gespräch zwischen dem Häftling und einem Priester ungeschnitten laufen, 17 Minuten lang, in einem fast unmerklich langsamen Zoom. In «Shame» kopiert er den Kunstgriff für ein Rendezvous in einem Restaurant – dieselbe Idee, nur viel kürzer und nicht halb so aufregend. Unterwegs zur Katharsis landet der Film auf dem Boden der Klischees, die das Drehbuch von Abi Morgan («The Iron Lady») anhäuft.

Eine Ahnung von Liebe

Da wird Brandon von seiner Schwester einmal beim Wichsen auf der Toilette erwischt – prompt entsorgt er, in einem Moment der Beschämung oder der Besinnung, sämtliche Pornohefte, die sich bei ihm angehäuft haben. Dann empfindet er endlich einmal eine Ahnung von Liebe, nach einem Date, das nicht mit Sex endet – aber als er mit dieser Frau später doch ins Bett geht, kriegt er ihn nicht hoch. Also bestellt er sich halt eine Hure aufs Zimmer, um seinen Triebstau abzuführen. Sex geht bei Brandon nur, solange ihm keine Gefühle dazwischen kommen? Aha – das haben wir da aber schon längst begriffen.

Triebstörung in Manhattan, verkörpert vom Star der Stunde: Das hatten wir schon bei Christian Bale in «American Psycho», auf drastische Weise mit der Ökonomie der Wall Street kurzgeschlossen. Alles, was Steve McQueen über die Trostlosigkeit der Lust und die quälende Monotonie in unserer übersexualisierten Medienwelt zu sagen hat, zeigt er in den ersten paar Minuten. Danach schrumpfen die filmischen Ambitionen von «Shame» aufs Niveau eines Drehbuchs, das dieser Pathologie der Triebe keine neuen Facetten mehr abgewinnt. Dagegen kann auch Michael Fassbender nicht viel ausrichten. Im ausschweifenden Finale, als sich sein Gesicht beim Orgasmus zu einer bodenlosen Trauer verkrampft, wirkt er endgültig wie ein elender kleiner Bruder des Patrick Bateman aus «American Psycho». Aber der hatte wenigstens noch abgründige Fantasien.

Erstellt: 07.03.2012, 09:32 Uhr

Infobox

Shame (GB 2011). 101 Minuten. Regie: Steve McQueen. Mit Michael Fassbender, Carey Mulligan u. a.

Ab Donnerstag in Zürich im Kino Arthouse Piccadilly.

«Shame»; Trailer

«Inglourious Basterds», Trailer

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