Überschätzt: Lars von Trier

Künstler, mit denen wir wenig anfangen können. Heute: Der Regisseur des Aufgeblasenen.

Spielt gerne mit der Rezeption seiner Filme, mit den Kritikern, mit dem Publikum: Lars von Trier 2014 an der Berlinale.

Spielt gerne mit der Rezeption seiner Filme, mit den Kritikern, mit dem Publikum: Lars von Trier 2014 an der Berlinale. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Klar wird Lars von Trier überschätzt, das wusste ich vom ersten Kinobild an. Es war dieser Zugfilm, zu Beginn der 90er-Jahre, «Europa»: zu viel Symbolik, reine Masche, nicht zum Aushalten. Das dachte ich bei jedem seiner Filme, nichts konnte mich beeindrucken. Bis ich in seine Sekte eintrat. Während eines Interviews.

Wieso mit jemandem sprechen, dessen Filme man nicht mag? Das kann man natürlich fragen. Doch wie heisst es so schön im «Godfather»: «Halte deine Freunde nahe, aber deine Feinde noch näher.» So flog ich nach Kopen­hagen, traf dort aber nicht auf den Teufel, wie ich dachte, ja, nicht einmal auf einen arroganten Sack. «Hatten Sie keine Angst beim Herfliegen, Matthias?», fragte er mich sanft. Damit hatte er mich schon. Denn tatsächlich verspürte ich auf diesem Flug zum allerersten Mal Angst, es rüttelte gewaltig, meine Tochter war drei Monate alt, jetzt abzustürzen wäre . . .

Lars von Trier ist ein grosser Spezialist in Flugangst, muss man wissen, und ich könnte noch lange von ihm erzählen. Das tat ich in einer ersten Version dieses Textes, aber die haben mir die Redaktionskollegen ausgeredet. Ich hätte das Thema der Kolumne verfehlt und: «Du liebst ihn ja eigentlich.» Stimmt. Ich verehre ihn.

Kindliches Aufstrecken des Zeigefingers

Finde aber seine Filme trotzdem in höchstem Masse aufgeblasen. Das Dogma-Zeugs? Ein kindliches Aufstrecken des Zeigefingers mit dem Schrei: «Alles muss anders werden!» «Dogville»? Statisches Theater, unpassend fürs Kino. «Melancholia»? Weltuntergangsgetöse mit Wagner-Sound. «Nymphomaniac»? Porno fürs Kunst­kino. Überschätzt. Auch von mir.

Wieso? «Ich mag alles, was er macht, weil ich in seiner Sekte bin», pflege ich eben salopp zu sagen, um mich nicht auf weitere Diskussionen einlassen zu müssen. Aber es stimmt schon. Ich habe starke Vorbehalte den Filmen gegenüber. Aber wie er damit spielt, mit ihrer Rezeption, mit den Kritikern, mit dem Publikum, mit sich selber und mit mir – das finde ich genial. Wie ein Jünger beobachte ich jeden seiner Schritte, hänge an seinen Lippen (wenn er sich nicht gerade selber ein Interviewverbot auferlegt hat), verfolge alles über ihn.

Das hat nichts mehr mit Filmkritik zu tun. Ich muss versuchen loszukommen. Mit dieser Kolumne beginnt der Exorzismus. Am Morgen und am Abend wiederhole ich den Satz: Die Filme von Lars von Trier sind überschätzt, sind überschätzt, überschätzt.

In dieser Serie stellen TA-Journalisten die Künstler aus dem Kanon vor, mit denen sie wenig anfangen können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2016, 16:36 Uhr

Artikel zum Thema

Überschätzt: Oliver Stone

Serie Künstler, mit denen wir wenig anfangen können. Heute: Der melodramatische Schaumschläger. Mehr...

Überschätzt: Patent Ochsner

Serie Allerweltsmelodien, trümmlige Reggaerhythmen, gmögige Harmlosigkeit: Was spricht überhaupt noch für die Berner Band? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Von Kopf bis Fuss «Ciao, Bella»

Geldblog Warum Immobilien im Ausland riskanter sind

Der überschätzte Philosoph

Byung-Chul Han ist sehr verlockend für Schnellleser und Langsamversteher. Mehr...

Überschätzt: Pixar

Künstler, mit denen wir wenig anfangen können. Heute: Animation mit Kalkül. Mehr...

Überschätzt: Bruce Springsteen

Künstler, mit denen wir wenig anfangen können. Heute: der Malocher. Mehr...