«Um sie herum liegen Grazie und Grausamkeit»

Sie spielte Frauen, die ihrem Glück im Wege standen. Nun ist die Filmschauspielerin Danielle Darrieux mit 100 Jahren gestorben.

100 Jahre alt wurde sie, ungefähr 80 davon stand sie auf der Bühne oder vor der Kamera: Danielle Darrieux 1987 bei den Proben zu «Adorable Julia».

100 Jahre alt wurde sie, ungefähr 80 davon stand sie auf der Bühne oder vor der Kamera: Danielle Darrieux 1987 bei den Proben zu «Adorable Julia». Bild: Georges Bendrihem/AFP

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Ihren schönsten Kinomoment hatte Danielle Darrieux in «Les demoiselles de Rochefort» (1967), dem traumhaften Gesangs- und Tanzfilm von Jacques Demy. Sie spielt darin Yvonne, die ein kleines Bistro unterhält, ihre Töchter sind Catherine Deneuve und Françoise Dorleac. Einmal verband diese Yvonne eine grosse Liebe zu einem Mann (Michel Piccoli), aber heiraten wollte sie ihn dann doch nicht, denn er hiess Dame. Und sie konnte sich nicht vorstellen, dann als Madame Dame gegrüsst zu werden.

Frauen, die ihrem Glück selbst im Wege stehen: Das waren ihre Rollen. Dazu passte ihre sanfte Traurigkeit perfekt, ihre Verträumtheit, die immer wieder zu einer Art Abwesenheit geriet. Frauen, die sich nicht trauen, die irgendwann aufhören zu kämpfen oder zu heftig kämpfen für ihr Glück. Sie verkörperte Maria Vetsera, die Geliebte des österreichischen Kronprinzen Rudolf, seine Partnerin bis in den Tod, in «Mayerling» (1936) mit Charles Boyer, einem ihrer grössten Erfolge. Durch ein Übermass an Intrigen zerstörte sie ihre Liebe als «Madame de …», der dritte Film, den sie mit Max Ophüls drehte, wieder mit Charles Boyer als Partner. Eine Frau, der das Lügen zur Lebensform wird, die immer neue Geschichten erfindet, um die alten Fehler zu kaschieren.

Mit 14 fing Darrieux, geboren am 1. Mai 1917 in Bordeaux, mit dem Kino an, in «Le bal» von Wilhelm Thiele, ein singender und im Tanz wirbelnder Teenager. «Singen und Tanzen wird ihre Art des Spiels vor der Kamera», schrieb Martina Müller in ihrem kleinen Darrieux-Porträt. Auch bei Demy singt sie selber, in den «Demoiselles» und dann auch in «Une chambre en ville». Sie ist es, die das besagte Zimmer in der Stadt vermietet, Witwe eines Colonel, an einen jungen Arbeiter, zu dem sie ins Zimmer kommt und eine Zigarette schnorrt. Und in den ihre Tochter sich verliebt, tragisch.

Mehr als hundert Filme hat Danielle Darrieux gemacht, mit fast allen grossen Regisseuren des französischen Kinos, von Anatole Litvak über Henri Decoin bis Claude Autant-Lara, für den sie die Madame de Rénal in der Stendhal-Verfilmung «Le rouge et le noir» gab. Aber auch die folgenden Generationen der Filmemacher wollten sie haben, Jacques Demy und André Téchiné und François Ozon für «8 Frauen» – dort ist Darrieux die durchtriebene Grossmutter. Bis ins Alter hinein bewahrte sie ihre Mischung aus Eleganz und Sinnlichkeit, ihre kühle, ziselierte, statuarische Schönheit, die an die Antike erinnern mochte – in einer US-Produktion hat sie die Mutter von Alexander dem Grossen gespielt. Max Ophüls schrieb in seiner Autobiografie, wie er Rollen für sie fand: «Um die Darrieux herum liegen Leichtsinn und Glaube, Frivolität und Ernsthaftigkeit, Grazie und Grausamkeit, Lebensfreude und Tod.»

100 Jahre alt wurde Danielle Darrieux, ungefähr 80 davon stand sie vor der Kamera oder auf der Bühne. Am Dienstag starb sie in Bois-le-Roi. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 19.10.2017, 17:16 Uhr

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