Unvergessliche Augenblicke mit einem Weltstar und Zürihegel

Bruno Ganz war so gut, weil er die kleine Welt spielend mit der grossen verbinden konnte – in den Rollen und im Gespräch.

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Er hat viele unvergessene Rollen gespielt, aber eine seiner besten war die des Jonathan Zimmermann in «Der amerikanische Freund» von Wim Wenders. Das war 1977 und einer der ersten Auftritte von Bruno Ganz im Weltkino: Dennis Hopper spielte in der Patricia-Highsmith-Verfilmung den Tom Ripley, er selber aber war ein todkranker Bilderrahmenmacher aus Hamburg, der zum Mörder wird, weil er seiner Familie Geld hinterlassen will. Vor der Tat untersucht ihn ein Spezialist in Paris, sie unterhalten sich französisch, aber plötzlich will der Doktor vom Patienten wissen, ob er Schweizer sei. «Zürihegel!», antwortete dieser im breitesten Dialekt.

Jahre später lächelte Bruno Ganz noch diebisch, wenn man ihn im Interview an die Passage erinnerte. Und erwähnte eine zweite Stelle im Film, kurz vor Schluss. Da sagte er einen weiteren zürideutschen Satz, den er selber vorgeschlagen hatte: «Äs wird so dunkel», ruft er, und kurvt mit seinem orangen VW-Käfer über den Strand am Meer. Jetzt ist es endgültig dunkel geworden für ihn. Der Schweizer Schauspieler mit Weltruf ist vorgestern im Alter von 77 Jahren gestorben. Letztes Jahr wurde Darmkrebs diagnostiziert, bereits zugesagte Auftritte wie einer im nächsten Film von Bettina Oberli musste er absagen.

Nicht viele wussten, dass er Schweizer war, als er in den 1970er-Jahren auf deutschen Bühnen zum Theaterstar wurde. Er arbeitete an der Berliner Schaubühne mit allen Grössen, Ausflüge zum Film gab es nur selten, und wenn, dann waren diese durchaus international: Ganz spielte in Deutschland («Messer im Kopf»), in Frankreich («La Marquise d’O.»), aber auch in der Schweiz («Der Erfinder»). In Interviews, die er mit zunehmendem Alter öfter gab, erzählte er gerne von seiner Theaterarbeit mit dem Regisseur Peter Stein. Aber auch vom Aufwachsen mit einer italienischsprachigen Mutter in Zürich-Seebach. «Ich habe mich leider immer geweigert, mit ihr in ihrer Sprache zu sprechen», sagte der spätere Italienfan Ganz, der auch in Venedig eine Wohnung besass. Italienisch habe er von Bauarbeitern im Quartier erlernt.

Er konnte sich Rollen und Regisseure aussuchen

Zu Beginn seiner Karriere galt er als verschlossen und eigensinnig. Später sprach er offen über diese Zeit, sein Streben nach Perfektion auf der Bühne, aber auch seine Alkoholsucht. Zum Beispiel 1998 in einem Sonntagsgespräch: «Ich weiss jetzt, dass es nur noch zwei Alternativen gibt: entweder so (zeigt in eine Richtung) oder so (zeigt in die andere). Auf keinen Fall mehr so irgendwie. Und wenn ich noch etwas herstellen will in meinem Beruf, geht es nur noch so (zeigt wieder in die erste Richtung).» Er hat die richtige Richtung gefunden damals, keinen Tropfen mehr angerührt. Und als er fünfzehn Jahre später in «Nachtzug nach Lissabon» einen Alkoholiker zu spielen hatte, tat er das nach einigem Zögern ebenfalls. Selbstverständlich äusserst überzeugend.

Keiner konnte wie er Melancholie, Schalk und Härte in einem Blick kombinieren. Und spätestens mit der Hitler-Rolle in «Der Untergang» war Bruno Ganz im Welt­kino angekommen. Er konnte sich Rollen und Regisseure aussuchen, spielte für Francis Ford Coppola, Ridley Scott und Lars von Trier, an der Seite von Matt Dillon, Michael Fassbender und Kristin Scott Thomas. Das war vielleicht auch ein klein wenig eine Genugtuung für die eine Rolle, die er – wie Wim Wenders erzählt – nicht bekommen hat: Steven Spielberg hatte ihn schon praktisch engagiert für «Schindler’s List» – und entschied sich im letzten Augenblick für Liam Neeson.

Unter all den Preisen fehlte eigentlich nur der Oscar

Bruno Ganz hat unzählige Theater- und Filmpreise bekommen. Eigentlich fehlt nur der Oscar, bei dem er in «Der Untergang» nahe dran war. Aber er wusste auch: «Niemand gewinnt als Hitler einen Oscar.» Dafür wurde er mit Lob von Kollegen überschüttet. Und genoss die Anerkennung sichtlich.


Hitler, Engel, Alpöhi – die berühmten Rollen von Bruno Ganz

«Als Deutscher hätte ich die Rolle vielleicht nicht gespielt»: Mit «Der Untergang» wurde Bruno Ganz weltberühmt. Video: Tamedia/sda


Eine der schönsten Bruno-Ganz-Geschichten stammt von seinem schwedischen Kollegen Stellan Skarsgård. Die beiden spielten im schwarzen Krimi «Kraftidioten», der Nordländer einen norwegischen Schneepflugfahrer, der sich für den Tod des Sohnes rächen will. Und der Schweizer einen serbischen Mafiaboss. Am Ende des Films treffen sie endlich aufeinander, zwei Schauspielgiganten: «Der Regisseur hat eine Szene mit vielen kunstvollen Sätzen geschrieben», erzählt Skarsgård, «doch dann kam Bruno Ganz zu den Proben und sagte gleich, ‹lass uns diesen Satz streichen›. Der Regisseur willigte ein. Ganz las weiter, und sagte, ‹diesen auch, diesen auch und dann noch diesen›. Am Ende blieb kein einziger Satz übrig.»

Die beiden sitzen jetzt stumm nebeneinander. Die Szene aber ist grossartig.

Erstellt: 17.02.2019, 07:42 Uhr

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«Der Tod ist tragisch»

Bruno Ganz ist oft gestorben, in Filmen und auf der Bühne. Ab und zu hat er sich dazu geäussert – wie in diesem Sonntagsgespräch vom 6. Dezember 1998, geführt von Christina Gubler und Matthias Lerf.

Das Klischee sagt, dass ein Künstler nur seine beste Leistung bringen kann, wenn er auch privat an die Grenzen geht.

Nein, nein, das ist nicht so. Es gibt schon Schauspieler, die sehr auf ihren eigenen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Aber einen grossen Teil der Geschichten muss man schon aus der Fantasie schöpfen, wie soll ich sonst einen Mord oder den eigenen Tod spielen?

Was für eine Vorstellung haben Sie denn vom Tod?

Bei der Arbeit ist das eine rein handwerkliche Frage. Wie sterbe ich auf der Bühne – so, wie es noch niemand gesehen hat?

Und wenn Sie privat darüber nachdenken?

Da bin ich eingeklemmt zwischen der simplen Einsicht, dass jeder sterben muss, und meinem Empfinden, dass dies entsetzlich und gemein ist.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Angst nicht so sehr, es ist vielmehr Wut, aber immer mit dem Wissen, dass man sich dagegen nicht auflehnen kann. Es ist tragisch, im alten Sinne des Wortes.

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