«Vielleicht bin ich in Tat und Wahrheit strunzdoof»

Christian Ulmen ist wieder unterwegs – diesmal als 18-Jähriger. Im Interview erinnert sich der 36-Jährige an seine Jugend – und erklärt, weshalb er damals schlagartig mit dem Kiffen aufhörte.

Christian Ulmen beim Gespräch im Weissen Kreuz beim Stadelhofen. Foto: Nicola Pitaro

Christian Ulmen beim Gespräch im Weissen Kreuz beim Stadelhofen. Foto: Nicola Pitaro

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Die einen kennen ihn als Herr Lehmann, die anderen von MTV. Den Dritten sei gesagt: Christian Ulmen ist ein deutscher Schauspieler mit einem Hang zu Selbstversuchen. In seinem jüngsten Film «Jonas» – er lief am Zurich Film Festival – drückte der 36-Jährige wieder die Schulbank. Als vermeintlich 18-Jähriger in einer regulären Klasse.

Wir sitzen hier am Stadelhofen. Dort, wo ich früher die Schule geschwänzt und Bier getrunken habe.
Echt? Bier während der Schulzeit? Wir haben vor allem gekifft. Meistens an so Tagen, an denen wir nur Religion, Geschichte und Kunst hatten.

Sie waren passionierter Kiffer?
Eine eindrückliche Phase in der Pubertät. Mit 19 war schlagartig Schluss.

Wieso?
Ich fing an zu verblöden. Ich hab gemerkt, dass die klare Sicht auf die Dinge doch toller ist. Ausserdem hat mich die Vorstellung, ein Süchtiger zu werden, brutal gelangweilt.

Und die Schulzeit an sich, war die angenehm?
Eigentlich ja. Ich schätzte die Schule als sozialen Knotenpunkt. Und ich verehrte meinen Deutschlehrer. Aber was mich immer noch in Albträumen heimsucht, ist der Unterricht in Mathe, Chemie, Physik und Biologie – Fächer, in denen ich furchtbar desinteressiert und deshalb schlecht war.

Aus dieser Angst ist nun ein Film entstanden: Für «Jonas» haben Sie sich in einen 18-Jährigen verwandelt und für sechs Wochen den regulären Schulunterricht besucht.
Ja, wir wollten wieder in die Wirklichkeit eintauchen, wie damals bei «Mein neuer Freund». Allerdings wollte ich diesmal nicht selbst steuern und provozieren, sondern einfach mitgeschwemmt werden. So kamen wir auf die Figur des Jonas. Ein Schüler wie viele andere auch – pubertierend, sitzen geblieben, durchschnittlich intelligent.

Waren die Lehrer informiert?
Ja, diesmal waren einige Leute eingeweiht. Das hätten wir rechtlich nicht anders regeln können. Die Schüler wussten einfach, dass da ein neuer Mitschüler kommt, der von einem Kamerateam begleitet wird. Das änderte aber nichts an der Ausgangslage. Ich war ein 18-Jähriger, der um seinen Schulabschluss kämpft. Das haben alle geglaubt.

Sie sind mittlerweile 36 und ein gefeierter Schauspieler. Wie versetzt man sich da zurück in einen 18-Jährigen?
Das fiel mir schon deshalb nicht so schwer, weil ich ohnehin nicht weit weg bin von meinem 18-jährigen Ich. Wahrscheinlich bin ich etwas erfahrener geworden, etwas selbstsicherer, Vater und Ehemann, und weiss, wie das mit der Steuer und den Versicherungen geht. Aber ganz tief im Kern lache ich über denselben Kram wie früher oder habe vor denselben Dingen Angst. Ich musste mir selbst nicht allzu weit entrücken, um wieder 18 zu sein.

Sie neigen zu Selbstversuchen, operieren immer wieder mit versteckten Kameras in der Wirklichkeit – wie bei «Mein neuer Freund» oder «Ulmen TV». Wieso?
In der Wirklichkeit zu bestehen, erfordert eine sehr hohe Dosis Schauspiel. Hat man das einmal gemacht, will man es immer wieder erleben. Eine derartige Dosis ist bei einem normalen Film gar nicht herstellbar. Da drehe ich ja meistens nur eine Minute am Stück. Dann sitze ich wieder zwei, drei Stunden in einem Wohnwagen und warte auf die nächste Einstellung. Das ist was völlig Anderes als über Tage 24 Stunden eine Figur zu sein wie in «Mein neuer Freund».

Dafür haben Sie Ihre «Opfer» an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht. Hatten Sie nie Mitleid?
Nee. All das ist weg. Ich tauche jeweils völlig in die Rolle ein. Ich übernehme das Gerechtigkeitsempfinden der jeweiligen Figur. Natürlich ist noch so ein bisschen von mir wach und ich weiss: Das könnte jetzt ne unterhaltsame Pointe werden. Aber für Mitgefühl und echte Reflexion ist kein Platz. Es geht nur mit dem Ausschalten des eigenen Kontrollmechanismus.

Wann haben Sie das erste Mal gemerkt, dass Sie komplett in einer Rolle versinken können?
Das tut doch jeder. Wenn Sie zu einem Vorstellungsgespräch gehen, dann geben Sie sich als strebsamer, zuverlässiger, eloquenter Mensch aus. Dabei sind Sies vielleicht gar nicht derart. Jeder spielt mal Rollen. Auch die Fähigkeit, ein ganz Anderer zu sein, schlummert prinzipiell in jedem.

Das ist jetzt aber sehr bescheiden ausgedrückt.
Na ja, ich hab halt dieser Fähigkeit bei mir sehr viel Raum gegeben, sie trainiert und mir zunutze gemacht. Aber Rollenspiel-Potenzial ist an sich keine Fehlbildung, die nur in meinem Gehirn zu finden wäre.

Haben Sie diese Fähigkeit auch schon als MTV-Moderator genutzt?
Ja. Der Moderator war in meinen Fall auch eine Rolle. Das Kapitel hab ich 2003 beendet, und das ist gut so. Von einem Fernsehmoderator erwarten alle, dass er immer so ist wie im Fernsehen. Das hat mich wahnsinnig angestrengt.

Also stehen Sie nicht als Gottschalk-Nachfolger bereit?
Nee, auf keinen Fall. Ich glaub, ich würde das auch für eine Million pro Sendung nicht machen. Als Filmschauspieler verspüre ich viel weniger Druck. Da kann ich eins sein mit dem, was man von mir erwartet.

Haben Sie eigentlich Bewerbungsunterlagen? Eine DVD mit einem «Best of Ulmen»?
Nein, das hab ich glücklicherweise nie gebraucht bis jetzt.

Auch nicht, um eine Frau zu beeindrucken?
Nee, wirklich nicht. Ich bin eher ein Tiefstapler als ein Hochstapler. Mir sind sehr viele Dinge peinlich, und dazu gehört die Eigenpräsentation. Mir passiert es manchmal, dass jemand im Supermarkt ein Foto mit mir machen will. Kaum ist der weg, dreht sich der vor mir um und fragt: «Wer sind Sie denn? Woher kennt man Sie?» – Das hasse ich wie die Pest.

Was sagen Sie dann?
Dass ich ein berühmter Wildbiologe bin. Oder dass man mich verwechselt hat. Inzwischen sage ich aber meistens einfach, dass es mir unangenehm ist, mich selber einem Fremden vorzustellen. Ich mag das auch generell bei Menschen nicht, wenn sie mit ihren Leistungen hausieren gehen. Ich bevorzuge Leute, die sich selber nicht so toll finden.

Gerade als Sitzengebliebener wie «Jonas» kämpft man damit, als dumm zu gelten. Wie schätzen Sie Ihre eigene Dummheit auf einer Skala von 1 bis 10 ein?
(Wie aus der Pistole geschossen) Fünf! Immer der Mittelwert! Da kann man nix falsch machen.

Ist das nicht spiessig?
Doch. Aber das ist immer noch besser als unsympathisch. Ausserdem: Vielleicht rede ich hier ewig lange davon, wie gekonnt ich als Schauspieler in die Wirklichkeit eintauche und bin in Tat und Wahrheit strunzdoof. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2011, 12:28 Uhr

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Christian Ulmen (36) ist den meisten vor allem seit seiner Rolle als Herr Lehmann im gleichnamigen Kinofilm ein Begriff. Der Hamburger begann seine Karriere als 20-Jähriger beim Musiksender MTV. Mit Sendungen wie «MTV Hot» und später «Unter Ulmen» etablierte er sich als erbarmungsloser Gastgeber, der immer wieder ausrückte, um das Volk zu verwirren. Seit 2003 entwickelt er als Schauspieler, Regisseur und Produzent immer wieder in der Wirklichkeit angelegte TV- und Filmformate. So etwa die Serie «Mein neuer Freund», für die es gewillte Kandidaten drei Tage und zwei Nächte mit einer von Ulmen gespielten Figur aushalten mussten. Daneben wirkt er in deutschen Grossproduktionen mit. «Jonas» läuft ab Januar 2012 in den Schweizer Kinos. (TA)

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