Hintergrund

Vom Verlust der Sorglosigkeit

Filmregisseur Roman Polanski ist 80 Jahre alt geworden. Ein Rückblick auf ein brutales Superstarleben.

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Ende März 1969 fliegt Roman Polanski von Rio nach Rom. Für ihn ist das ein Kurztrip, er will nur rasch Sharon Tate Hallo sagen, seiner schwangeren Frau, die in der Cinecittà vor der Kamera steht. Die Traumhochzeit 1968, der Durchbruch in Hollywood mit «Rosemary’s Baby» – Polanski ist «Hollywoods Goldjunge» und hat allen Grund, sich auf ein sorgloses Superstarleben einzurichten. Er hat keine Ahnung, wie brutal die Zukunft mit ihm umspringt.

Den ersten Dämpfer versetzt ihm die italienische Grenzwache. Sein Pass ist in Rio verloren gegangen. Er hat sich im naiven Vertrauen auf seinen Jetsetterstatus dennoch ins Flugzeug geschmuggelt. Der Pole, der sich mitten im Kalten Krieg wie ein Kosmopolit aufführt, wird prompt in Rom abgefangen. Den halben Tag vergeudet er in Polizeigewahrsam. Er darf weder einreisen noch seine Frau sehen. Er ist unerwünscht.

Verhaftung in Zürich

40 Jahre später bringt ihn eine ähnliche Behördenbegrüssung weltweit in die Schlagzeilen: Am Flughafen Zürich wird Polanski am 26. September 2009 verhaftet. Der Staatsanwalt nimmt ein Auslieferungsgesuch ernst, das die USA bei Interpol deponiert hat. Der Vorwurf: Sex mit einer 13-Jährigen. Eine alte Schmuddelgeschichte, eine verzwickte Rechtslage, dazu Zeugen, die öffentlich auspacken und sich in widersprüchlichen Lebensbeichten verstricken – es war ein Fressen für die globale Klatschpresse. Und für die Feuilletons.

Das noch junge Zurich Film Festival, das den Regisseur eingeladen hat, erhält durch den Skandal jene Form von Publicity, die es sich nie gewünscht hat. Die Schweizer US-Diplomatie, zu jener Zeit ohnehin wegen Steuerfluchtfragen in der Defensive, will diesmal überkorrekt sein, handelt sich jedoch mehr Häme als Beifall ein. Selbst Amerikas Staatsanwälte werden kalt erwischt. Polanski selbst erstreitet sich Hausarrest in seiner Villa in Gstaad. Dort sitzt er fest, bis Bern im Juli 2010 den Auslieferungsantrag abweist und das juristische Fiasko damit für beendet erklärt.

Polanski kann heimkehren in seine Geburtsstadt. In Paris ist er sicher, denn Frankreich liefert keine Franzosen aus. Dass er eingebürgert wurde, ist eine Spätfolge der römischen Reiseepisode von 1969. Damals wohnt er in London, ist die Bürde seiner Herkunft leid und überlegt, britischer Staatsbürger zu werden. Ein Freund gibt ihm den Rat, lieber zu den Franzosen zu gehen.

Durch den Zaun geschoben

Das hat ihm genützt. Dennoch sind Polanskis kafkaeske Grenzerfahrungen im Transitbereich von Flughäfen merkwürdig mit seinem amerikanischen Trauma verflochten: Stunden vor der Zürcher Inhaftierung erreicht den ­Regisseur die Nachricht, dass Susan Atkins gestorben ist. Jene Frau, die der Sorglosigkeit des Superstars 1969 ein jähes Ende macht, als sie 16 Mal auf den Leib seiner 26-jährigen Frau einsticht, und weder Sharon Tate noch ihr ungeborener Sohn das Attentat überleben.

Am 9. August 1969 beeinflusst der Satanist und Sektenführer Charles Manson die Filmgeschichte mit einem abscheulichen Auftrag. Von seiner Ranch aus überfällt ein Killerkommando die Luxusvilla der Polanskis oberhalb von Los Angeles. Sie töten drauflos. Den zufälligen Besucher des Hausmeisters. Sharon Tate, die täglich ihre Niederkunft erwartet. Ihren Hairstylisten Jay Sebring. Polanskis Freund Wojtek Frykowski. Dessen Partnerin Abigail Folger, Erbin einer Kaffee-Dynastie.

Die Attentäter, ein Mann und zwei Frauen, treiben ihre Opfer zusammen, fesseln sie, richten sie hin. Die Polizei rekonstruiert das Blutbad, bekleckert sich aber keineswegs mit Ermittlerruhm. Erst als Susan Atkins, die aus anderem Grund im Gefängnis landet, sich in der Zelle lauthals mit dem Verbrechen brüstet, wird der Mord aufgeklärt.

Polanski steckt zur Tatzeit mal wieder in einem Drehbuch fest, er schiebt den Heimflug vor sich her. Noch in seinen Memoiren von 1984 hadert er deswegen mit sich und einem «tiefen jüdischen Schuldempfinden», das auch seinen Vater zerfressen hat. Der plötzliche, gewaltsame Verlust der Sorglosigkeit – dieses Motiv bestimmt seine Filme wie sein Leben.

Diese Parallele zwischen Vater und Sohn zieht auch der Biograf Paul Werner. Mojzesz Liebling kehrt 1945 aus dem KZ Mauthausen in seine Heimatstadt Krakau zurück. Seine Frau Bella, Polanskis Mutter, ist gleich nach ihrer Ankunft in Auschwitz in einer Gaskammer ermordet worden. Sie war schwanger. Wie Sharon Tate.

Dass die Familie Liebling überhaupt ins Getto von Krakau gepfercht wird, obwohl sie bis 1937 in Paris lebt, hat mit einer Fehleinschätzung des Vaters zu tun. Er wähnt sich in Polen vor den ­Nazis sicherer als in Frankreich. Zudem ist der Emigrant in Paris als Künstler ­gescheitert. Er steigt in die Krakauer Manufaktur seiner Brüder ein. Bald darauf besetzen deutsche Panzer die Stadt.

Als der Vater im März 1943 ein Loch in den Zaun schneidet und den Sohn hindurchschiebt, wird das Getto schon geräumt. Raymond Thierry Liebling, den alle Romek rufen, ist neun Jahre alt. Sein Vater hat einen Notunterschlupf bezahlt. Der Junge verwandelt sich in Roman Wilk, gilt als katholisch und übersteht den Krieg bei antisemitischen, aber ahnungslosen Bauern.

Ein Haar gekrümmt

Später nennt er sich Roman Polanski. Er wird das sozialistische Lodz als «Drecknest» bezeichnen und dennoch dort Film studieren, weil er in der Schule wenig und im Kino alles gelernt hat. Er wird Studenten, «die ihr Talent in den Dienst der Propaganda stellen», von Herzen verachten. Denn er will Geschichten erzählen. Nichts anderes.

«Seit Langem weiss ich, dass meine schönsten Momente diejenigen sind, die ich am Set verbringe», schreibt Polanski im Vorwort einer schönen Bild-Biografie im Knesebeck-Verlag. «Es gab durchaus Augenblicke, in ­denen ich ernsthaft erwogen habe, den Beruf zu wechseln. Manchmal, wenn ich die erste Kopie eines Films begutachtete, aus dem später noch etwas wurde, habe ich fast mit dem Gedanken gespielt, mich zu erschiessen – und wahrscheinlich kann man seinen Lebensunterhalt auf leichtere Weise verdienen.»

Eine Passion ist manchmal auch ein Fluch. Zumal dann, wenn – wie Paul Werner es ausdrückt – ein Filmemacher «die Kontrolle über jedes Detail für sich reklamiert». Der impulsive Polanski steht im Ruf, seinen Darstellern jeden Schritt vorzuschreiben.

Es gibt Schauspieler, die ertragen das schwer. John Cassavetes zum Beispiel, der beim Dreh von «Rosemary’s Baby» seinerseits zum Hinterfragen von Regieanweisungen neigt und damit bei Polanski ganz mies ankommt. Oder Faye Dunaway, die Schwierige, die den epochalen Thriller «Chinatown» (1974) ums Haar platzen lässt. Polanski hat ihr nämlich glatt eines ausgerissen. So geschehen, als die Kamera über Fayes schmale Schulter hinweg Jack Nicholson einfangen sollte und besagtes Haar störend im Gegenlicht aufleuchtete. Die Maskenbildnerin war nervös genug zu versagen. Der Regisseur kam, sah und zupfte. Dunaway schäumte. «Polanski nannte sie eine neurotische Zicke», kolportiert Biograf Werner.

Unter Financiers ist Polanski nicht minder berüchtigt. Er reizt seine Budgets nicht nur aus, er überzieht sie, bis der Produzent vor der Wahl steht: entweder Herzinfarkt oder Polanski rauswerfen. Just in solchen Momenten reisst sich der Meister am Riemen und liefert ein Meisterwerk ab wie «Repulsion» (1964), mit der noch unbekannten Catherine Deneuve als Psychopathin, die sich vor Männern ekelt, mit denen sie in ihren geheimsten Träumen gerne Sex hätte.

«Der kleine Diktator»

In Anspielung auf seinen Körperwuchs firmiert Roman Polanski mithin abschätzig als «der kleine Diktator». Die Wahrheit ist, dass er es seinen Mitarbeitern selten leichter gemacht hat als sich selbst. Dass er seit 40 Jahren mit Gérard Brach ein ideales Autorenpaar bildet. Und dass man von Polanskis Schauspielkunst wirklich eine Menge lernen kann, er hat sein Können oft vor der Kamera bewiesen, als Komiker («The Fearless Vampire Killers»), als Neurotiker («The Tenant»), als Killer («Chinatown»).

Immerhin hat Mia Farrow für den Dreh mit Polanski ihre Ehe mit Frank ­Sinatra sausen lassen. Der Macho verlangte, sie solle «dem Polenzwerg» davonlaufen, um an Sinatras eigenem Set die treusorgende Gattin zu spielen. Mia spielte lieber Rosemary. Sinatra reichte die Scheidung ein. Und Mia Farrow wurde ein Star.

«Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich nicht noch mehr Filme gedreht habe», resümiert Polanski sein Leben. Er hat eben doch nicht allen Launen nachgegeben. Am Sonntag feiert er den 80. Geburtstag. Für November ist der Kinostart ­seines nächsten Films angekündigt: «Venus im Pelz», die Adaption eines erotischen Romans. In der Hauptrolle: Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner. Die Ehe hält seit 1989. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.08.2013, 09:25 Uhr

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